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Skigymnasium Stams : Kaderschmiede für Siegertypen

Die Überflieger herausfiltern: Skispringer und Stams-Absolvent Martin Koch Bild: dapd

In das Skigymnasium Stams in Tirol schaffen es nur wenige. Die Schule fordert viel von ihren Kadetten. Ausdauer, Disziplin, Durchhaltevermögen nützen den Absolventen nicht nur im Spitzensport.

          „Solide fahren, Tresl“, schreit Stefan Plattner. Tresl, die Tiroler Version für Theresia, ist beim Slalom-Training für ein Skirennen. Plattner ist ihr Trainer. Das zarte Mädchen stürzt sich mit Todesverachtung den Hang herunter. Im Paznauntal auf rund 2500 Meter Höhe üben 14 Jahre alte Mädchen und Jungen des „Schigymnasium Stams“. Auf der Trainingsstrecke sind die Slalom-Stangen mit neun Metern Zwischenraum enger gesteckt als üblich. Unter dem Neuschnee ist die Piste pickelhart. Die Trainer, neben Plattner ist Heribert Hörbst dabei, sind über Funk mit den Schülern verbunden und geben Kommandos: „Technisch sauber bleiben, erst dann riskieren. Rund fahren, nicht nachlassen. Platz zum Tor lassen. Nicht mit den Schuhen, sondern mit der Außenhand die Stange kippen. Alpine Grundeinstellung. Nicht mit den Armen rudern.“

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Tresl kommt wie ihre Kolleginnen schnaufend am Ziel an und hört sich die Kritik von Plattner dankbar an. Fünf Durchläufe stehen an diesem Vormittag auf dem Programm. Später wird sie ihre Fahrten auf dem dafür eigens aufgenommenen Video mehrfach analysieren und versuchen, die angesprochenen Korrekturen zu verinnerlichen. Denn nach dem Start ist vor dem Start. Genauso geht es den Jungen. Keiner ist böse, wenn Trainer Hörbst sie hart anfasst. „Arbeitsverweigerung“, heißt es da schon einmal, wenn Hörbst zu wenig Engagement bei den ihm anvertrauten Zöglingen beobachtet. Oder wenn er sieht, dass die Kanten von Skiern nicht scharf genug sind, heißt es: „Geh' den Ski herrichten.“ Es kann auch vorkommen, dass der Schüler konfrontiert wird mit dem Kommentar: „Einen Ruass obafoarn.“ Das heißt auf Tirolerisch, dass die Abfahrt schlecht war.

          „Das ist kein Streichelzoo“

          „Man muss lästig bleiben und immer wieder Leistung fordern“, erklärt Plattner. Er ist seit zwei Jahrzehnten im Geschäft und weiß: „Das ist kein Streichelzoo. Nur Kritik bringt uns weiter“, findet der Pädagoge. Manchmal sei ein schärferes Wort zielführender. Auch Hörbst, seit einem Vierteljahrhundert in Stams tätig, sieht es so: „Wir haben einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Die jungen Leute besser zu machen und sie an den Spitzensport heranzuführen.“

          Die Überflieger herausfiltern: Skispringer und Stams-Absolvent Martin Koch Bilderstrecke

          Denn dort wollen die Schüler hin. „Weltmeister oder Olympiasieger“ antworten Tresl und die anderen Schüler, wenn man sie nach ihrem Ziel fragt. Die Vorbilder sind schließlich vorhanden. Wenn in den kommenden Tagen die alpine Ski-Weltmeisterschaft in Garmisch-Partenkirchen stattfindet, fahren wieder prominente Stams-Schützlinge wie Marlies Schild und Benjamin Raich um Edelmetall mit. Aber der Weg an die Spitze ist schwierig: Nur 2 Prozent der Anfänger schaffen es in der alpinen Disziplin, erklärt der Direktor der Schule, Arno Staudacher. Er trägt eine Stoppelfrisur und erinnert an einen Offizier. Er spricht gern in knappen Sätzen. Wie viele seiner Trainer hat er ein Sportstudium absolviert. Bis vor wenigen Jahren war er im Österreichischen Skiverband (ÖSV) für den alpinen Nachwuchs verantwortlich. Die Frage, wie ein Weltklasseläufer entsteht, treibt ihn entsprechend lange um.

          Schon der Einstieg ist eine Hürde. Jährlich beginnen 45 Schüler an dieser Talentschmiede, die als Oberstufenschule organisiert ist. Der Andrang sei dreimal so hoch. Wer es in diesen elitären Kreis schafft, muss motorische Fähigkeiten auf hohem Niveau zeigen und sich zwei Tage im Gelände bewähren. Die Anforderungen in den Aufnahmeprüfungen seien so hoch, dass nur eine Chance hat, wer bereits ein herausragender Skifahrer, Snowboarder, Springer oder Langläufer ist, heißt es. Zunächst wird die Sprungkraft mittels Kraftmessplatten und einem Stand-weit-Test überprüft. Dabei springen die Anwärter beidbeinig aus dem Stand nach vorne. Profis kommen auf drei Meter, als Vierzehnjähriger sollte man zumindest 2,30 Meter schaffen. Dann wird die Anatomie der Springer untersucht, die Sprunggelenkbeweglichkeit, die Bein- und Fußform.

          Arbeitsreiche Jahre mit 60-Stunden-Wochen

          Wer dieses Hindernis überwunden hat, für den beginnen arbeitsreiche Jahre mit 60-Stunden-Wochen im Internat. Wählbar sind die Disziplinen: Ski Alpin, Snowboard, Langlauf, Biathlon, Nordische Kombination und Skispringen. Täglich gibt es drei Stunden Sport und sechs Stunden Unterricht. Die Ferien der Stamser, wie sich Schüler und Abgänger des Gymnasiums bezeichnen, sind mit Sport ausgefüllt bis auf wenige Tage. „Ich ziehe vor jedem Schüler meiner Institution den Hut“, sagt Staudacher und ergänzt: Die Leistung, die einem Schüler hier abverlangt werde, könne ein Großteil der Erwachsenen nicht erbringen.

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