https://www.faz.net/-gyl-y8p0

Skigymnasium Stams : Kaderschmiede für Siegertypen

Wer es nach Stams schafft, muss mit mentalem Druck umgehen können. Dieser Druck wirkt von vielen Seiten auf die Nachwuchselite des Alpinsports ein. Die strengen Abläufe in der Schule, die Leistungsanforderungen im Unterricht und im Sport, die Erwartungen ehrgeiziger Eltern und immer wieder Verletzungen, die dazugehören und trotzdem Rückschläge sind. Dazu gehören auch die tragischen Unfälle von Idolen, mit denen die Österreicher gerade in der laufenden Saison konfrontiert sind. Vielen sitzt der Sturz von Hans Grugger beim Training für die Ski-Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel im Januar im Nacken, bei dem sich der Sportler ein Schädelhirntrauma zugezogen hat.

Von Oktober bis April gehen die Eleven kaum zur Schule, weil die Unterrichtszeiten sich am Wettkampfkalender des Skiverbands orientieren. Während dieser Zeit lernen sie von ganz Europa aus über ein Lern-Programm im Internet. Von April an müssen sie den Stoff dann nachholen und von Montag bis Samstag ganztätig in den Unterricht. Dass die digitalisierte Vermittlung des Lernstoffes optimal ist, bezweifelt Direktor Staudacher: „Der Präsenzunterricht kann durch nichts ersetzt werden.“ Das Internet könne bestenfalls ein ergänzendes Instrument sein.

Stamser haben mehr als fünf Dutzend Olympia-Medaillen gewonnen

Stams ist ein kleiner Ort ungefähr 30 Kilometer entfernt von Innsbruck im Inntal. Das Schulgebäude sieht an der Frontseite wie der Bug eines Schiffes aus. Es ist ein architektonisch interessanter Funktionsbau und wirkt für eine Kaderschmiede nüchtern militärisch. „Internatschule für Schisportler Stams“, steht an der Türe, dahinter öffnet sich eine Kombination aus Sichtbetongängen, kreisrunden Fenstern und Lüftungsrohren, aus verschachtelten Räumen und verwinkelten Sitzgruppen, aus Klassenräumen, Schlafzimmern. Es gibt Turnhallen, Krafträume, eine Kletterwand, ein Schwimmbad.

Seit der Gründung 1967 haben Stamser mehr als fünf Dutzend Olympia-Medaillen gewonnen. Hinzu kommt unzähliges Edelmetall bei Weltmeisterschaften, Juniorenweltmeisterschaften sowie Weltcup-Gesamtsiege. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle großen Namen, die mit Österreich und Wintersport verbunden werden, in Stams ausgebildet worden. Das Internat für Skisportler, das sich aus Gymnasium und Handelsschule zusammensetzt, ist eine von Bund, Land und dem Stift im gleichnamigen Ort getragene „Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht“. Sie kostet die öffentliche Hand mit 28.000 Euro je Schüler im Jahr das Vielfache einer gewöhnlichen Schule. Die Eigenbeteiligung der Eltern beträgt 5000 Euro im Jahr. Die hohen Kosten beruhen auf der Betreuungsdichte. Rund die Hälfte des pädagogischen Personals stellen Trainer. Sie kümmern sich um ihre Zöglinge mit Betonung auf eine möglichst individuelle Betreuung. Kleingruppen umfassen sechs bis zehn Schüler. Davon können auch Nichtösterreicher profitieren. Die Schule nimmt ebenso ausländische Bewerber. Es sollten nicht mehr als ungefähr 10 Prozent sein, erklärt der Direktor. Denn Stams sei nun einmal eine Einrichtung zur Ausbildung des österreichischen Nachwuchses.

Rund ein Fünftel der Anfänger scheidet vorzeitig aus

Nicht alle halten dem Druck stand. Rund ein Fünftel der Anfänger scheidet vorzeitig aus. Das kann daran liegen, dass die sportliche Entwicklung hinter den Erwartungen bleibt. Aber auch wenn es schulisch keinen Fortschritt gibt, wird ein Schlussstrich gezogen. Wer es bis zum Abitur schafft, ist nicht nur sportlich auf der Höhe. „Unsere Schüler sind reifer und zielorientierter aufgrund ihrer Eigenschaften und der vermittelten soft skills“, findet Staudacher. Sie hätten eine überdurchschnittliche Präsentationskompetenz und ein ebensolches Auftreten.

Von den Absolventen, die außerhalb des Sports eine berufliche Laufbahn einschlagen, beginnen viele ein Studium. Ausdauer, Disziplin und Durchhaltevermögen sind Tugenden, mit denen die Stamser auch außerhalb des Sports punkten. Christoph Müller ist einer davon. Der Psychologe erklärt die Auswirkungen seiner Lektionen am Schigymnasium so: „Ohne Stams wäre ich zurückhaltend, sensibel und ein Hosenscheißer. Mit der Ausbildung in Stams bin ich zurückhaltend, sensibel und ein Hosenscheißer - aber auf anderem Niveau. Ich habe hier gelernt, meine eigenen Grenzen zu verschieben.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.