https://www.faz.net/-gyl-9l4c2

Serie: „Cum tempore“ (2) : Die Freiheit der anderen

  • Aktualisiert am

Erstsemester in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Wer direkt nach der Schule mit dem Studium beginnt, der kann als Erstsemester plötzlich unbekannte Freiheiten genießen. Wer erst später studiert, dem geht es oft anders.

          Viele Menschen beschreiben ihr Studium rückblickend als die beste Zeit ihres Lebens. Wer genau hinhört, weiß schnell den Grund: Als Ersti genießen die meisten plötzlich eine bis dahin ungekannte Freiheit. Es ist einfach ein erhebendes Gefühl, fernab fürsorglicher, aber oft auch besorgter Eltern die erste eigene Bude zu beziehen – und sei sie noch so klein. Dafür ist es umso schöner, nach einer Kneipentour mit den Kommilitonen oder nach einer durchtanzten Clubnacht die Vorlesung ohne Anwesenheitspflicht zu schwänzen. Oder eine Klausur, vor der man sich fürchtet, ins nächste Semester zu schieben. Auch bei der Gestaltung ihres Stundenplans sind Studierende oft freier als zu Schulzeiten, wo Mathe-Muffel Algebra pauken, Literaturhasser Goethes „Faust“ lesen und Nachteulen Punkt acht Uhr im Klassenzimmer sitzen müssen. Selbstbestimmt, aber noch recht sorglos das Leben genießen: eine einzigartige Zeit eben!

          Ich kann das bestätigen – allerdings nur für mein Erststudium. Wer mit über 30 noch einmal studiert, hat es meist eilig. Denn plötzlich verdient man gar nichts oder wesentlich weniger als zuvor. Gleichzeitig fallen viele studentische Vergünstigungen, etwa beim Krankenkassenbeitrag, plötzlich weg, da sie meist an die Altersobergrenze von 25 gekoppelt sind. Anspruch auf Bafög habe und hatte ich nie. Es würde mir auch nichts nützen, denn die staatliche Förderung gibt es maximal bis 35. Einen Studienkredit möchte ich nur ungern aufnehmen, da ich mir mögliche Zinsen sparen will. Und meine Eltern, die mir drei Viertel meines Masters finanziert haben, will ich als erwachsene und bereits berufstätige Frau nicht mehr anzapfen – das ist eine Frage der Ehre.

          Auch sind die jungen und sorglosen Zeiten vorbei, in denen ich nicht ans Alter gedacht habe. Jedes Semester mehr bedeutet nicht nur weniger Verdienst, sondern auch weniger Rente. Und apropos Vorsorge: Fast jeder Lehramtsstudierende, der behauptet, nicht auch ein wenig scharf auf die Vorzüge des Beamtenstatus zu sein, der im späteren Berufsleben winkt, lügt. Aber auch hier gibt es Altersobergrenzen, denen man als Spätberufener in manchen Bundesländern gefährlich nah kommt. Also mache ich mir Gedanken, wann ich welchen Schein in der Tasche haben muss, um in der Regelstudienzeit fertig zu werden. Oder durchforste die Studien- und Stundenpläne der verschiedenen Lehrstühle nach Fächern, die ich vorziehen könnte. Viele freie Minuten der aktuellen Semesterferien nutze ich, um mir Studienleistungen anerkennen zu lassen, die ich in meinem Erststudium erbracht habe. Denn das ist nur bis Ende des ersten Wintersemesters möglich.

          WG-Feier bei zwei Kommilitonen? Abschlussparty zum Semesterende? Mit dem Rucksack in der vorlesungsfreien Zeit vier Wochen durch Asien? Keine Zeit! Denn ich muss ja auch noch arbeiten. Wie gesagt: kein Bafög, kein Studienkredit, keine Elternfinanzierung. Zum Glück bin ich selbständig, habe verständnisvolle Auftraggeber und meine Arbeitszeit drastisch reduziert. Das macht flexibel. Aber auch ein Stück ärmer – nicht nur finanziell, sondern auch sozial. Denn auch für das Privatleben außerhalb der Uni bleibt weniger Zeit. Noch ein Grund mehr, sich zu beeilen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wird er der nächste Tory-Vorsitzende? Boris Johnson bei einem Fototermin in einer Baumschule

          Wahl zum Tory-Parteichef : „Boris gewinnt ja sowieso“

          Die 160.000 Mitglieder der Konservativen Partei wählen gerade den nächsten britischen Premierminister. Sie sind alt, melancholisch und ein bisschen rebellisch – und sehnen sich nach der guten alten Zeit.
          Von ihren Soldaten hat sie sich verabschiedet. Was folgt für Ursula von der Leyen (CDU)?

          FAZ Plus Artikel: Ursula von der Leyen : Wenn Weber es kann

          Ursula von der Leyens Rücktritt ist ein geschickter Zug. Doch wird es für sie reichen? Die SPD erweist sich weiter als führungs- und orientierungslos.
          Roger Federer nach seiner Niederlage am Sonntag in Wimbledon

          Tennis-Ikone : Wie Roger Federer zum erfolgreichen Unternehmer wurde

          Roger Federer zählt zu den Spitzenverdienern in der Welt. Daran ändert auch die Niederlage in Wimbledon nichts: Denn so erfolgreich wie auf dem Platz ist der Schweizer auch in geschäftlichen Dingen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.