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Seniorprofessoren : In der Verlängerung

Jürgen Wolfart Bild: Fricke, Helmut

Ein Mathematik-Professor der Frankfurter Goethe-Universität lehrt auch als Pensionär weiter. So bewältigt die Hochschule die wachsenden Studentenzahlen.

          Mit simpler Prozentrechnung hält sich ein Mathematikprofessor normalerweise nicht auf, aber wenn er gefragt wird, kann Jürgen Wolfart sein Zeitbudget auch auf diese Art analysieren. Vor der Pensionierung bestand sein Arbeitsleben aus „50 Prozent Lehre, 30 Prozent Verwaltung und 20 Prozent Forschung“, wie er sagt. Seit einem Jahr darf sich Wolfart Seniorprofessor nennen, das heißt, er ist weiterhin an der Frankfurter Uni tätig, bleibt aber von Verwaltungsaufgaben verschont. Jetzt sieht Wolfarts Bilanz so aus: „40 Prozent Lehre, 30 Prozent Forschung, 30 Prozent Freizeit.“

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der 66 Jahre alte Wissenschaftler gehört zu einer Spezies, an deren Vermehrung die Goethe-Universität derzeit sehr interessiert ist. Hochschullehrer, die eigentlich in den Ruhestand gehen müssten, aber weiter lehren möchten, können zu Seniorprofessoren ernannt werden. Das hilft der Uni bei ihren Bemühungen, angesichts wachsender Studentenzahlen weiterhin für ein ausreichendes Lehrangebot zu sorgen. Allerdings darf sich nicht jeder Emeritus, der Lust hat, weiter am Katheder zu stehen, mit dem neuen Titel schmücken. Verliehen wird er nur an Dozenten, die sich pädagogische Verdienste erworben haben - so wie Wolfart. 2007 hat er im Wettbewerb um den 1822-Preis für exzellente Lehre den zweiten Platz belegt. Nicht nur sein Institut, auch die Fachschaft wollte, dass er weitermacht.

          Wolfart wäre dazu ohnehin bereit gewesen, aber die Ehre, gefragt zu werden, schuf ebenso einen weiteren Anreiz wie die Vergütung: Zusätzlich zur Pension bekommt er den Differenzbetrag zu seinem letzten Gehalt. Sogar sein Dienstzimmer durfte er behalten, was für einen Ruheständler nicht selbstverständlich ist. Und er muss kein schlechtes Gewissen haben, weil er einem Jüngeren den Platz wegnimmt: Sein Nachfolger hat den Dienst schon angetreten.

          Schock in der ersten Vorlesung

          So wird Wolfart demnächst vor 200 Lehramtsstudenten stehen und ihnen Lektionen in elementarer Mathematik erteilen. Mancher Kollege am Institut dürfte dem Experten für Zahlentheorie dafür im Stillen dankbar sein, denn Anfängervorlesungen sind bei Professoren nicht sonderlich beliebt. Wolfart steht vor der Herausforderung, junge Leute, von denen etliche das Fach nur wegen des großen Bedarfs an Mathelehrern gewählt haben, für die Schönheiten von Formeln und Funktionen zu begeistern - damit sie später auch „mit unkonventionellen Schülerideen kreativ umgehen können“, wie er sagt.

          Auch wenn Wolfart wirkt wie ein netter Oberstufenlehrer mit Öko-Touch, wird er es seiner Hörerschaft nicht einfach machen. Der Schock, der sich in der ersten Mathevorlesung bei vielen Anfängern einstellt, ist kaum zu vermeiden, wie er weiß, und er trifft oft gerade jene, die in der Schule immer nur Einsen hatten: „Bei uns erleben auch die Mathe-Asse, dass sie ganze Wochenenden lang über einer Aufgabe brüten müssen.“ Schließlich sei es das Ziel, die Studenten bis zum Abschluss wenigstens in die Nähe der aktuellen Forschung zu führen.

          Dass einige Neulinge dieses Semesters ihre ersten Examina ablegen, könnte Wolfart sogar noch im Dienst erleben: Maximal fünf Jahre lang darf ein Seniorprofessor unterrichten. Allerdings wird von Jahr zu Jahr entschieden, ob der Vertrag verlängert wird, und das findet Wolfart auch gut. Langweilig würde es dem Musikliebhaber, der in einem Ensemble Blockflöte spielt, wohl auch dann nicht, wenn der Freizeitanteil in seinem Leben auf 100 Prozent stiege.

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