https://www.faz.net/-gyl-7j8a5

Schulprojekt : Medizinstudenten engagieren sich gegen Übergewicht

  • Aktualisiert am

Die Wittener Studenten wollen Schüler motivieren, mehr Sport zu treiben. Bild: Roger Hagmann / F.A.Z.

Einmal in der Woche besuchen Wittener Medizinstudenten Fünftklässler, um ihnen Wissen über gesunde Ernährung und Bewegung beizubringen. Sie wünschen sich, dass noch mehr Unis das Projekt aufgreifen. Denn in Deutschland hat jedes sechste Kind Übergewicht.

          In dieser Schulstunde ist er der Chef: Wenn Medizinstudent Paul Menge seine Trillerpfeife einsetzt, rennen die Mädchen und Jungen der Städtischen Sekundarschule Bochum-Ost los, um den „Brennball“ zu fangen. Doch nicht nur beim Sport treten die zwei Teams, bestehend aus jeweils acht Fünftklässlern, gegeneinander an. In einem Quiz können sie mit ihrem Wissen über Sport und gesunde Ernährung punkten.

          „Wie viel sollte man am Tag trinken?“, fragt Paul Menge die Schüler - und die Finger schnellen hoch. Die Schätzungen reichen von zwei Litern bis zu vier Wasserflaschen. „Gar nicht so schlecht“, meint der Medizinstudent der Universität Witten-Herdecke. Die Kinder wissen auch, dass Sport das Immunsystem stärkt und ein Glas Cola ungewöhnlich viel Zucker enthält. Von den zwei Unterrichtsstunden, die Menge jeden Donnerstag gemeinsam mit seinen Kommilitonen an der Bochumer Schule gibt, ist also einiges hängen geblieben.

          Schon seit fünf Jahren kommen die Wittener Medizinstudenten einmal in der Woche an die Bochumer Schule, um zehn- bis elfjährigen Schülern das Thema Gesundheit nahe zu bringen. „In unserem Präventionsprojekt ’Add Action’ sollen die Kinder spielerisch lernen, was für ein gesundes Leben wichtig ist“, erklärt Projektleiterin Elisa Schunkert. Insgesamt 34 Studierende machen derzeit bei „Add Action“ mit, jeweils fünf bis sechs organisieren die beiden wöchentlichen Unterrichtsstunden. Ein Student leitet sie.

          Jedes sechste Kind in Deutschland ist übergewichtig

          Mit ihrem Gesundheitsprojekt wollen die Medizinstudenten versuchen, der steigenden Zahl von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Laut Studien des Robert Koch Instituts ist jedes sechste Kind in Deutschland schwer übergewichtig. Seit den neunziger Jahren hat die Zahl der adipösen Kinder und Jugendlichen zwischen null und 17 Jahren um 50 Prozent zugenommen.

          „In Deutschland fehlen uns flächendeckende Sport- und Gesundheitsprogramme an den Schulen“, sagt Bernhard Giese, Schulleiter der Sekundarschule Bochum-Ost. „Deshalb bin ich froh, dass die Medizinstudenten zu unseren Fünftklässlern kommen.“ Zumal sich viele Kinder kaum noch für den regulären Sport- und Schwimmunterricht begeistern lassen. Und auch in der Freizeit, sagt Giese, stehen statt Sport und Spiel in der Natur eher Computer, Play Station und Gameboy auf dem Programm.

          Gemeinsam kochen und auf den Bauernhof fahren

          Im Projekt „Add Action“ dagegen sollen die Kinder erfahren, dass Bewegung und gemeinsames Spielen Spaß macht, Sport den Teamgeist und das Selbstbewusstsein stärkt und eine gesunde Ernährung wichtig für ein langes und zufriedenes Leben ist. Deshalb gibt es neben Sportangeboten wie Badminton, Beachvolleyball, Rugby und Klettern auch gemeinsame Kochstunden und einen Ausflug auf den Bauernhof.

          „Viele Kinder sind fasziniert davon, dass die Schweine und Hühner, die da rumlaufen, später in ihrem Hamburger landen“, erzählt Elisa Schunkert. Immer wieder ist sie erstaunt, wie wenig die Kinder über Ernährung wissen. „Wenn wir zusammen Pizza backen, können nur wenige sagen, woraus Käse besteht“, ergänzt Medizinstudentin Felicitas Saal.

          Studien zeigen, dass besonders Kinder aus sozial schwachen Schichten anfällig für Übergewicht sind. Ihr Anteil unter den adipösen 11- bis 13-Jährigen ist dreimal so hoch. Deshalb wünschen sich die Studenten mehr Projekte wie „Add Action“ in den sozialen Brennpunktvierteln deutscher Großstädte. „Es ist unser langfristiges Ziel, andere Studenten an anderen Universitäten für unser Konzept zu begeistern“, sagt Elisa Schunkert.

          Und die Kinder? Sie machen gerne bei „Add Action“ mit - und bemühen sich offenbar auch, einige Ratschläge der Medizinstudenten direkt umzusetzen. „Wir sollen nicht so viele Süßigkeiten essen und mehr draußen spielen“, sagt der zehnjährige, übergewichtige Elaf. „Das mache ich jetzt öfter.“

          Weitere Themen

          Ein Bayer unter Schweizern

          Kolumne „Nine To Five“ : Ein Bayer unter Schweizern

          Eine Weile im Ausland arbeiten, ist heutzutage nichts Besonderes mehr. Wer sich gut vorbereitet, den erwarten auch meist keine bösen Überraschungen. Alles kann man aber dann doch nicht vorhersehen.

          Topmeldungen

          „Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“

          Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

          Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.