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Schule : Ein Fach namens Herausforderung

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Das Konzept der Herausforderungen findet sie sinnvoll, weil es eine Möglichkeit biete, wie Schüler all das erfahren können. „Aber das muss vor allem im Vorfeld sehr gut pädagogisch begleitet werden“, sagt sie. Es sei wichtig, dass es ein Gerüst, ein sogenanntes „Scaffolding“, gebe, das bei der Orientierung hilft. Den Schülern müsse klar sein, woran sie arbeiten. Dabei sei nicht immer die große Reise das Richtige, auch Projekte in der eigenen Stadt ergäben Sinn. Aber das wird in Hamburg berücksichtigt: Neben Reisen können die Jugendlichen auch an Theater- oder Filmprojekten teilnehmen, bei Naturschutzprojekten in Hamburg mitarbeiten oder körperlich an ihre Grenzen gehen und für einen Triathlon trainieren. David Hamms Gruppe hatte viel Pech, fast die gesamte Zeit in Norwegen regnete es. „Aber obwohl es allen schlechtging, hat man sich nicht gestritten“, erzählt er. Sie hätten immer versucht sich auf kleine Dinge zu freuen, zum Beispiel das nächste Essen. Birgit Xylander steht voll hinter dem Projekt, auch wenn es für die Schule einen großen Organisationsaufwand bedeutet: „So etwas wie die Herausforderungen an einer Schule umzusetzen ist eine Frage der Schwerpunktsetzung“, sagt sie.

Den großen Aufwand hat Mathias Pfeiffer hautnah miterlebt. Er hat vor vier Jahren an der Gesamtschule Langerfeld in Wuppertal angefangen, Herausforderungen umzusetzen. „Alle, die neu anfangen, erfinden das wieder neu“, sagt er. Um das zu verhindern und auf gemeinsames Wissen und Erfahrungen zurückzugreifen, hat er ein Netzwerk namens „Stadt-Land-Fluss“ gegründet. Es soll den Austausch fördern und hat zehn Partner. „Alle Schulen, die Herausforderungen anbieten, öffnen ihren Schülern ein Feld, auf dem sie an ihrer Selbstwahrnehmung und Selbstwirkung arbeiten können“, sagt er. Bei der Umsetzung gibt es aber Unterschiede: Manchmal stellen sich Schüler die Herausforderungen selbst. „Wir wollen die Schüler nicht überfordern und bieten deswegen einen gewissen organisatorischen Rahmen“, erklärt Pfeiffer die Organisation an seiner Schule. Hier wählen die Schüler, ähnlich wie in Hamburg, aus verschiedenen Angeboten aus. Manche Schulen schicken ihre Schüler auch ohne Lehrer los, dann stehen Studenten für Notfälle bereit. Bei anderen ist immer ein Lehrer dabei, der für das entsprechende Angebot qualifiziert ist.

Auch die Eltern ins Boot holen

Nicht nur für die Schüler, auch für die Eltern ist die Zeit eine Herausforderung. Rainer Lichts ist Mitglied des Elternrats der Hamburger Reformschule, seine Söhne haben beide jeweils dreimal mitgemacht. Er hat sich dabei nicht immer wohl gefühlt. „Wenn die Jungs unterwegs waren, war das manchmal ein bisschen Kopf gegen Herz. Eigentlich wussten wir immer, die schaffen das. Aber vom Gefühl her wäre man trotzdem gerne näher dran gewesen“, erzählt er. Trotzdem habe er immer gesehen, wie sich die Jugendlichen mit den Projekten entwickelt hätten.

Peter Sorgenfrei und die anderen Lehrer versuchen schon im Vorfeld, so viele Bedenken wie möglich auszuräumen. Es gibt Elternabende, Besprechungen mit den Schülern, regelmäßige Planungstreffen. Zu den häufigsten Sorgen gehört die Frage, wie die Sicherheit der Schüler gewährleistet wird. „Bisher haben wir bei den Herausforderungen nichts erlebt, was nicht zu schaffen gewesen wäre“, erzählt Sorgenfrei. Dafür lassen sich die Lehrer aber auch extra ausbilden und von Outdoor-Profis beraten.

Sorgenfrei ist überzeugt davon, dass die Erfahrungen einen anderen Wert haben, als in den drei Wochen Mathe oder Deutsch zu lernen – und dass sie in den Schülern etwas bewegen. „Die Veränderung bei Schülern ist individuell. Manchmal ist sie offensichtlich, manchmal sieht man sie erst später“, erzählt er. Die Schüler haben ebenfalls das Gefühl, dass sich etwas verändert. David Hamm etwa findet, dass er alltägliche Dinge, die es im Outdoor-Camp in Norwegen nicht gab, mehr schätzen kann. „Die Herausforderung hat mir geholfen, ein bisschen offener zu werden und besser mit Leuten reden zu können“, erzählt Joana Boettcher nach ihrem ersten Jahr. Mila Meinhof sagt, dass die Herausforderungen in drei Jahren nacheinander sie selbständiger gemacht hätten. Vor allem alleine zu reisen sei neu für sie gewesen. „Die Herausforderungen schaffen selbständige und gestandene Persönlichkeiten“, findet Schulleiterin Xylander.

David Hamm freut sich jedenfalls aufs neue Jahr. Er würde gerne bei „Ab in die Boote“ mitmachen und mal sehen, wie es ist, wenn man wortwörtlich die ganze Zeit mit denselben Menschen in einem Boot sitzt. Peter Sorgenfrei geht das Ganze eigentlich noch nicht weit genug: „Wenn das Schulsystem nicht so starr wäre, müssten die Herausforderungen noch mehr Zeit einnehmen“, sagt er. Am liebsten wäre er mehre Monate mit seinen Schülern unterwegs.

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