https://www.faz.net/-gyl-94kv6

Rückzugsort an der Uni : Wem gehört der Raum der Stille?

  • -Aktualisiert am

Der Raum der Stille in Hamburg: Der Raumteiler-Vorhang wurde abgehängt. Bild: Deike Uhtenwoldt

Ein Verhaltenskodex regelt, wie Studenten an der Uni Hamburg ihre Religion ausüben dürfen. Das gefällt nicht jedem. Wir haben uns umgesehen, was da los ist.

          Interreligiöser Raum der Stille? Das klappt nicht immer reibungslos. Ein Zettel hängt an der Tür: „Mittwoch, 12.00 bis 13.15 Uhr Meditation in der Tradition des Zen-Buddhismus“. Es ist Mittwochmittag, kurz nach 13.00 Uhr, und eine Studentin – sie möchte lieber anonym bleiben – steht unentschlossen im Treppenhaus vor verschlossener Tür. Sie ist traditionell muslimisch gekleidet, ein langer schwarzer Mantel, der Kopf und Körper bedeckt, das Gesicht ist offen – und ein wenig ratlos: „Dürfen wir da nicht rein?“, fragt sie eine andere Muslima, die gerade die Treppe hochkommt. Sie wisse es nicht, sie habe im Keller gebetet, antwortet diese. Aber die Studentin will nicht in den Keller, sie ist unterwegs mit einer Freundin, die sich bereit erklärt hat, sie zum Gebet zu begleiten, und die nächste Vorlesung startet bald. Sie fasst sich also ein Herz. Aber kaum hat sie die Tür geöffnet, trifft sie der verärgerte Blick des Zen-Meisters und ein energisches Handzeichen, das um Ruhe bittet. „Oh, das gibt Ärger“, murmelt sie.

          Seit mehr als elf Jahren gibt es den Raum der Stille an der Universität Hamburg. „Ein Ort des Gebetes und der Meditation, aber vor allem des persönlichen Rückzugs und damit auch offen für konfessionslose Studierende und Akademiker“, sagt Gisela Groß-Ikkache, Pastorin der Evangelischen Studierendengemeinde ESG Hamburg. Die ESG hat den Raum zusammen mit der katholischen und der islamischen Hochschulgemeinde initiiert, unterzeichnet wurde der Nutzungsvertrag gemeinsam mit dem Präsidenten der Universität.

          Der heißt heute Dieter Lenzen und hat kürzlich einen „Verhaltenskodex zur Religionsausübung an der Universität Hamburg“ ausarbeiten lassen. Beteiligt waren Wissenschaftler verschiedener Richtungen und Religionen, vom Japanischen Buddhismus bis zur Jüdischen Philosophie, aber keine Praktiker. Ihre Botschaft: Die Universität ist eine säkulare Einrichtung, ihre Arbeit richtet sich nicht nach religiösen Vorschriften oder Zeiten und darf auch nicht durch die Ausübung einer Religion beeinträchtigt werden. Der Verhaltenskodex fand weit über Hamburg hinaus Beachtung. Die Frage ging um, ausgesprochen oder unausgesprochen: Was ist da los?

          Was sind religiöse, was kulturelle Bräuche?

          „Der Forschung, der Lehre, der Bildung“ – auf diesen drei Säulen stützt sich schon seit hundert Jahren das älteste Vorlesungsgebäude der Stadt. Der Verhaltenskodex geht aber darüber hinaus, er betont die Gleichberechtigung der Geschlechter und will sich für ein Klima von Respekt und Toleranz starkmachen. Wer sollte da schon etwas dagegen haben? „Der Kodex ist ein gutes Entwicklungsprogramm für die Zukunft und eine Grundlage, um miteinander zu diskutieren“, lobt die Asta-Vorsitzende Franziska Hildebrandt. In der Studentenschaft sei das recht gelassen aufgenommen worden, zumal religiöse Konflikte längst nicht so dominant seien, wie die Berichterstattung über die Vorgänge in Hamburg zum Teil glauben mache: „Es gibt keine Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, wer wann den Raum der Stille nutzen darf, oder um die Frage, wer ein Kopftuch tragen darf. Die Probleme sind nicht so raumgreifend, wie es gerade rüberkommt.“

          Weitere Themen

          Die neue Flower-Power Video-Seite öffnen

          Parfumstadt Grasse : Die neue Flower-Power

          Das französische Grasse war als Weltstadt der Parfumindustrie bedroht. Es brauchte einen deutschen Roman, um an die Tradition zu erinnern. Nun aber kehren junge Leute, die großen Konzerne und die Duftmeister der Branche zurück.

          Topmeldungen

          SPD-Fraktionsvorsitzender in Nordrhein-Westfalen: Thomas Kutschaty

          Kandidaten für SPD-Vorsitz : Schluss mit dem Nein-Sagen

          Eigentlich hat Thomas Kutschaty als Chef der SPD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen alle Hände voll zu tun. Warum er sich trotzdem vorstellen kann, Parteivorsitzender zu werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.