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Risikoanalyse : Schneller auf Krisen reagieren

  • -Aktualisiert am

Bild: Tresckow

Krisen können rasch zu Katastrophen werden. Sie müssen deshalb besser erforscht werden. Neue Maßstäbe in der Risikoanalyse will die ETH Zürich setzen. Besonders wichtig: Interdisziplinarität.

          In New York purzeln die Aktienkurse, in London gehen Geschäfte in Flammen auf. Hätten Sie diese Krisen vorhersagen können, Herr Bhatia?“ Der 25-Jährige lacht auf. „Niemand kann die Zukunft voraussagen. Nur Schätzungen sind möglich. Und die sind fast immer falsch.“ Vivudh Bhatia hat gerade seinen Master in Management, Technologie und Ökonomie an der Eidgenössischen Technischen Universität Zürich (ETH) beendet. Sein Schwerpunkt lautete: Risiken an den Finanzmärkten. Hat er das Falsche studiert? Bhatia schmunzelt und verneint. „Es gibt immer Dinge, die jenseits des zu Erwartenden liegen“, sagt der Inder. Schätzungen seien bisweilen zu 50 Prozent richtig. Manchmal zu 5 Prozent. Bei Finanzprodukten oder in der Logistik seien sie jedoch sehr hilfreich. Das habe er an der ETH anhand vieler Mathematik-Modelle und der ökonomischen Theorie gelernt. „Man muss eben erkennen, was man voraussagen kann und was nicht“, sagt Bhatia.

          Das ist freilich nicht einfach. Banken und Versicherungen rechnen mit Modellen, um Entwicklungen von Aktienmärkten vorauszusagen. Mit der Finanzkrise hatte trotzdem kaum ein Experte gerechnet. Auch in anderen Bereichen der Risikoforschung sieht es kaum besser aus. Beim Lawinenunglück im österreichischen Kaprun im Jahr 2000 kamen zwölf Menschen ums Leben. Messgeräte hatten nur eine mäßige Lawinengefahr angezeigt.

          Die ETH will es bei diesen Unsicherheiten nicht belassen. Die europäische Elite-Universität hat deshalb Ende Juni ein „Risk Center“ gegründet. Sie will damit neue Maßstäbe setzen - in der Forschung und in der Ausbildung. „Das Problem der Risiko- und Krisenforschung ist, dass sie bisher von einer Art Silodenken geprägt ist“, sagt Hans-Rudolf Heinimann, Professor für forstliches Ingenieurwesen und Vorsitzender des Lenkungsauschusses des Risk Centers. Finanzwissenschaftler, Ingenieure, Geologen - jede Disziplin arbeite weitgehend für sich. Das gehe an der Realität vorbei. In der hochtechnisierten, globalisierten Welt hätten Ereignisse zunehmend Dominoeffekte. „Eine Krise kann so schnell zu einer Katastrophe werden“, sagt Heinimann.

          Team aus Ingenieur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern

          Der Professor verdeutlicht dies an einem Beispiel. Bei Niederschlagsmengen von bis zu 200 Litern je Quadratmeter in nur 48 Stunden - wie im August 2005 in Teilen der Schweiz gemessen - würde eine Fläche von vier bis fünf Quadratkilometern überflutet. Eine solche Gefahr zu erkennen und Vorkehrungen zu treffen liege eigentlich in der Verantwortung von Naturgefahren-Experten. Mit Blick auf die Stadt wäre jedoch der Beitrag von Fachleuten aus anderen Disziplinen wichtig. „Eisenbahntunnel unter dem Fluss Limmat würden geflutet. Hier wären Sicherheitsingenieure gefragt. Energie- und Kommunikationsinfrastruktur fiele aus, wodurch Warentransporte ausblieben und Menschen verspätet oder gar nicht zur Arbeit gelangen könnten“, sagt Heinimann. Die Kosten eines derartigen Unglücks beliefen sich auf etwa 2 bis 5 Milliarden Schweizer Franken. „Da kann es doch nicht sein, dass wir uns mit unseren bisherigen Forschungen zufriedengeben.“ Für eine Risikoanalyse werde ein Team aus Ingenieur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern benötigt. Eine Grundlage für eine solche Zusammenarbeit wolle das Risk Center nun schaffen. „Unser Ziel ist es, Experten auszubilden, die für eine bestimmte geographische Region alle Risiken - technische, natürliche, wirtschaftliche und soziale - insgesamt bewerten und dann Maßnahmenpakete vorschlagen können“, erklärt Heinimann.

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