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Recruitment : Absolventen lassen sich nicht angeln

Bild: F.A.Z./Tresckow

Der demographische Wandel macht Talente begehrt. Doch manche Unternehmen greifen im Wettlauf um die besten Köpfe daneben - weil ihnen der dafür nötige Spagat zwischen Lockerheit und Ehrlichkeit misslingt.

          Eine Million Klicks auf die Internetseite mit den offenen Stellenangeboten, dafür würden manche Personalmanager viel geben. Doch was einer Handvoll Studenten aus Münster mit ihrem über Nacht zum beliebtesten deutschen Song zur Fußballweltmeisterschaft gewordenen Titel „Schland o Schland“ nach eigener Auskunft nebenbei gelungen ist, lässt ganze Unternehmensabteilungen und hochgelobte Agenturen regelmäßig scheitern. Die Commerzbank etwa versuchte mit einem Video auf Youtube Bewerber anzulocken: Der Persiflage auf den Hollywoodfilm „Mission Impossible“ sieht man an, mit wie großem Aufwand sie produziert worden ist, jeder Schnitt passt, der Sound ist perfekt ausbalanciert - aber vermutlich wurde gerade diese für den Internetkanal unüblich technische Qualität dem Spot zum Verhängnis. Jedenfalls wollten ihn seit September 2008 nur 2641 Nutzer ansehen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Beispiel zeigt das Dilemma, vor dem viele Arbeitgeber stehen: Weil sie die Studenten, die sie nach ihrem Abschluss gern als Arbeitnehmer in ihren Reihen sähen, mit klassischen Mitteln wie Anzeigen, Plakaten oder Fernsehwerbung nicht mehr zu erreichen glauben, wagen sie sich auf neue Wege - und rutschen dabei hin und wieder aus. Die Folge davon sind Umfrageergebnisse wie das der „Recruiting Trends 2010“: Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt und Bamberg haben dafür deutsche Mittelständler gefragt, ob Hochschulmarketing für sie einen hohen Stellenwert hat. Rund drei Viertel haben demnach Nachholbedarf.

          Lernen, wie die Studenten ticken

          Sie sind die potentiellen Kunden von Josef Buschbacher. Der quirlige Mann aus Baden-Württemberg, früher in einem Maschinenbauunternehmen für das Bewerbermanagement und Ausbildungsfragen zuständig, arbeitet inzwischen freiberuflich als Coach - und versucht seinen Zuhörern aus den Personalabteilungen in Ein-Tages-Seminaren beizubringen, wie die Studenten von heute ticken. Dass sie zwar rund um den Globus vernetzt sind, bei der Berufswahl aber am meisten auf ihre Eltern und Partner hören. Dass sie mit teuren Markenklamotten zwar den Stil der Metropolen nachahmen, aber ihre erste Stelle am liebsten in ihrer Heimatregion antreten wollen.

          Vor allem aber: Dass die Unternehmen sich anstrengen müssen, weil die Hochschulabsolventen sich in vielen technischen Fächern jetzt schon, in anderen wegen des demographischen Wandels etwas später ihren Arbeitsplatz aussuchen können. Viel ist in diesen Seminaren von „Employer Branding“ die Rede und von „Social Media“. Aber auch zwei geradezu altertümlich klingende Worte gehen Josef Buschbacher oft über die Lippen: Spaß ist das eine, Ehrlichkeit das andere.

          Wie kompliziert das Verhältnis zwischen beiden Faktoren ist, die der Coach als die entscheidenden Bausteine für ein positives Image als Arbeitgeber charakterisiert, macht er an zwei Beispielen deutlich. Wer auf einer Jobmesse Vuvuzelas mit aufgedrucktem Firmenlogo verteile, um die Stimmung zu heben, müsse nachher auch das ohrenbetäubende Tröten in der Halle aushalten. Und wer in einer Stellenausschreibung spannende Entwicklungsmöglichkeiten und vielfältige Aufgaben ankündige - was nach Spaß an der Arbeit klingt und damit laut Buschbacher genau das ist, was vielen Studenten heute wichtiger ist als einfach nur eine gute Bezahlung -, müsse Wort halten. „Aber dann erzählt mir ein Bachelorstudent, den so eine Anzeige zu einem Autobauer gelockt hat, dass er schon seit 18 Monaten ununterbrochen an einem Ölmessstab herumkonstruiert. Kein Wunder, dass der junge Mann jetzt frustriert ist.“

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