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Methodenstreit in Schulen : Haubtsache schraibän!

  • -Aktualisiert am

Bei der Methode „Lesen durch Schreiben“ nutzen Kinder ihr Gehör und eine Anlauttabelle, um Lesen und Schreiben zu erlernen. Die Methode ist jedoch umstritten. Bild: Imago

„Schreiben nach Gehör“ oder Fibel? Die aktuelle Debatte über die Methoden, mit der Grundschüler lesen und schreiben lernen, lässt nicht nur Eltern zweifeln. Auch angehende Lehrer sind verwirrt.

          Marius Boberschmidt studiert im fünften Semester Grundschullehramt an der Bergischen Universität Wuppertal. Derzeit befasst er sich in seinem Bachelor-Studium vor allem mit der Frage, wie er Kindern in seinem späteren Berufsleben das Rechnen beibringt. Um die Frage, mit welchen Methoden Kinder das Lesen und Schreiben erlernen können, ging es bei ihm schon vor mehr als einem Jahr. Gerade erst ist aber genau diese Frage überraschend wieder ganz aktuell geworden. Seit knapp zwei Wochen diskutiert ganz Deutschland darüber.

          Schuld daran ist Una Röhr-Sendlmeier, Professorin für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Bonn und studierte Linguistin. Mit ihrem Kollegen Tobias Kuhl und vielen studentischen Mitarbeitern hat sie eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht. Dafür wurden gut 300 Kinder im Großraum Bonn zunächst nach ihrer Einschulung im Jahr 2013 auf ihre Vorkenntnisse im Lesen und Schreiben getestet.

          Danach seien fünfmal jeweils halbjährlich Diktate ausgewertet worden. Zusätzlich wurden auch die Orthografie-Kenntnisse von gut 2800 Kindern aus den Klassen zwei bis vier untersucht. Nach Auswertung der erhobenen Daten erwies sich die sogenannte Fibelmethode als die wirksamste, was die Einhaltung der Rechtschreibregeln betraf. Am Ende der vierten Klasse machten im Schnitt all jene Kinder, die nach alternativen Methoden unterrichtet wurden, deutlich mehr Rechtschreibfehler als die „Fibelkinder“.

          Eltern und Studierende überfordert

          Nach Veröffentlichung der Studie kochte die Debatte über die richtige Art, zu unterrichten, derart hoch, dass etwa Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst kürzlich ankündigte, dass das Lesenlernen nach der sogenannten „Lesen durch Schreiben“-Methode ab dem Schuljahr 2019/20 an Schulen des Bundeslandes verboten wird. Dieser Ansatz, vielen auch bekannt unter den umgangssprachlichen Titeln „Schreiben nach Gehör“ oder „Schreib, wie du sprichst“, ist die derzeit gängigste Konkurrenzmethode zum Fibel-Lernen, schnitt aber in der aktuellen Studie aus Bonn ziemlich miserabel ab.

          Verständlich, dass Lehramtsstudenten jetzt ziemlich verunsichert sind. „Wir hatten bislang leider nur eine Lehrveranstaltung, in der uns die gängigsten Methoden mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen vorgestellt wurden – allerdings nur theoretisch“, sagt Marius Boberschmidt. Er hofft, dass sich das in seinem Master-Studium ändern wird und die Dozenten dann auch Praxisübungen einbauen, damit seine Kommilitonen und er die unterschiedlichen Ansätze noch besser verinnerlichen und im Berufsleben gezielter anwenden können.

          „Ein erster Überblick ist ja sehr gut, aber es wäre schön, wenn ich noch an der Uni auch die Anwendung in der Praxis kennenlerne, nicht erst in der Schule.“ Der angehende Lehrer kann sich gut vorstellen, dass unterschiedliche Ansätze des Schriftspracherwerbs nicht nur viele Eltern, sondern auch etliche Kommilitonen überfordern. „Manche wünschen sich bestimmt eher eine klare Ansage, welche Methode am besten ist, und wollen dann vor allem diese anwenden. Man will ja für die Kinder nur das Beste, und gerade als Anfänger hat man Angst, etwas falsch zu machen.“

          Keine Korrektur von Fehlern

          Denn die Theorie ist einigermaßen kompliziert: In Deutschland streiten Pädagogen, Linguisten und Entwicklungspsychologen schon seit Jahren darüber, welches die beste Methode zum Lesen- und Schreibenlernen ist, zumal es, bedingt durch den Bildungsföderalismus, auch keinen bundeseinheitlichen Standard gibt. Jedes Bundesland lehrt also, wie es will. Gleichzeitig birgt jeder der derzeit gängigen Ansätze, die auch Boberschmidt im Studium nähergebracht wurden, sowohl Chancen als auch Risiken. Der Klassiker unter den Lehrmethoden, der nach der aktuellen Studie eine Renaissance erlebt, ist der Fibelansatz. Hier werden schrittweise einzelne Buchstaben eingeführt, zunächst einmal all jene, die dem tatsächlichen Höreindruck entsprechen wie etwa in „Opa“ oder „Oma“. Schwierigere, weil weniger oder nicht lautgetreue Wörter werden erst später vermittelt. Die korrekten Schreibweisen werden von Anfang an unterrichtet, falsche korrigiert.

          Diese Methode hat auch Student Boberschmidt schon während eines Schulpraktikums in einer ersten Klasse kennengelernt. „In meiner Praktikumsklasse wurden den Kindern zunächst alle Buchstaben einzeln vorgestellt. Das haben die Lehrer auch schön gemacht. Die Kinder haben den Buchstaben nicht nur abgemalt, sie konnten die Buchstaben an verschiedenen Stationen auch erleben, mal mit einer Schnur legen oder auch ertasten.“ Gleichzeitig erinnert er sich, dass manche Kinder schnell gelangweilt waren und ungeduldig wurden. „Die wollten einfach drauflosschreiben, gerne auch mal eine eigene Geschichte, einfach ihre Phantasie spielen lassen. Nicht erst mal monatelang einzelne Buchstaben malen.“

          Boberschmidts Beobachtung ist genau jene, die manche dem Fibelansatz zum Vorwurf machen: Kinder, die in der Regel gerne das lernen wollen, was auch die Erwachsenen können, werden in ihrer Wissbegier und Begeisterung gebremst, sagen Kritiker. Zudem sei die Hemmschwelle, zu schreiben, größer, wenn Fehler sofort korrigiert würden, da die Motivation der Kinder untergraben werde. Dass zu Beginn des Schriftspracherwerbs zunächst Fehler gemacht werden, liege auf der Hand, schließlich sind hier absolute Anfänger am Werk.

          Eine Methode besonders in der Kritik

          Viele, die so denken, favorisieren deshalb die Methode „Lesen durch Schreiben“ des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Gleich zu Beginn erhalten die Schüler bei diesem Ansatz eine Anlauttabelle. Darauf sind alle Buchstaben und Umlaute vermerkt, die durch einen Gegenstand illustriert werden, der mit dem jeweiligen Buchstaben beginnt, etwa ein Ofen für das O oder die Post für das P. Aber auch Sonderlaute wie ck, ch oder sch werden bildlich „vertont“. Kinder legen dann sofort mit dem Schreiben los, indem sie ein Wort in einzelne Laute zerlegen und sich dann in der Tabelle den in ihren Ohren passenden Buchstaben heraussuchen.

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          Eine Korrektur möglicher Rechtschreibfehler ist nicht vorgesehen, die Kinder werden lediglich darauf hingewiesen, wenn sie einen Laut vergessen haben – Schreiben soll erst einmal Spaß machen. Dem Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass Kinder sich die Schriftsprache individuell, aktiv und in ihrem eigenen Tempo selbst erarbeiten können und dadurch auch sogenannte Rechtschreibstrategien entwickeln, die Regeln also nicht stumpf auswendig lernen. Erst ab der dritten Klasse, wenn in der Regel Noten vergeben werden, werden den Schülern dann die Rechtschreibregeln erläutert und der Rotstift angesetzt.

          In Nordrhein-Westfalen, wo Boberschmidt irgendwann Grundschullehrer werden wird, entscheidet meist die Schule selbst, nach welcher Methode den Kindern das Lesen und Schreiben beigebracht wird und welche Schulbücher und sonstigen Materialien dafür genutzt werden. Im Einführungskurs über die unterschiedlichen Methoden hat Boberschmidts Dozentin deshalb keine klare Empfehlung für einen der Ansätze ausgesprochen.

          Orthografiekenntnisse immer schlechter

          Trotz aller Verunsicherung findet der Student, dass das auch gute Seiten hat: „Ich möchte mir eine gewisse Offenheit bewahren und mich nicht gedanklich auf eine Methode beschränken, denn ich bin bereits studierter Sozialpädagoge und weiß deshalb genau, dass Kinder ganz unterschiedlich lernen und es deshalb gut ist, auch unterschiedliche Ansätze in petto zu haben.“ Gleichzeitig weiß er aus seinem Schulpraktikum, dass es im Berufsalltag oft unmöglich ist, jedes Kind individuell mit dem für ihn passenden Ansatz zu unterrichten. „Dann muss natürlich die Methode gewählt werden, mit der die Mehrheit der Kinder am besten klarkommt.“

          Die freien Ansätze (neben „Schreiben nach Gehör“ gibt es auch noch die sogenannte Rechtschreibwerkstatt, die ebenfalls Anlaute nutzt, bei der sich die Kinder allerdings die Regeln nach bestimmten Materialien selbst erarbeiten) standen jedoch auch schon vor Röhr-Sendlmeiers aktueller Studie immer häufiger in der Kritik. Der Verdacht: Sie trügen zumindest eine Teilschuld an den immer schlechter werdenden Rechtschreibkenntnissen deutscher Schüler, vor denen viele Eltern- und Lehrerverbände warnen, die aber auch in wissenschaftlichen Studien, etwa vom Siegener Germanistik-Professor Wolfgang Steinig, untermauert werden. Steinig hat die Orthografie in Schulaufsätzen von 1972, 2002 und 2012 verglichen und immer schlechter werdende Kenntnisse attestiert.

          Vor der aktuellen Arbeit von Röhr-Sendlmeier war jedoch in noch keiner größer angelegten Studie der Zusammenhang zwischen den Rechtschreibkenntnissen von Grundschülern und der bei ihnen angewandten Methode des Schreiberwerbs untersucht. Für die Psychologin liegt das gute Abschneiden der Fibel-Methode auf der Hand: „Nur ein kleiner Teil der Wörter im Deutschen ist lautgetreu, ein Ansatz nach Gehör somit klar im Nachteil.“ Zudem hält sie es für weniger motivierend, die Kinder erst schreiben zu lassen, wie sie es ihrem Gehör nach für richtig halten, „um ihnen dann plötzlich zu erklären, dass sie bislang viel falsch gemacht haben“.

          Kaum noch Zeit zum Üben

          Andere plädieren trotz der neuen Forschungsergebnisse für einen Methodenmix – der an vielen Grundschulen ohnehin schon seit Jahren praktiziert wird. Ursula Lay etwa ist Grundschulrektorin und Landesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft in Bayern, die dem Deutschen Lehrerverband angehört. Der bayerische Lehrplan sieht seit einigen Jahren den Schriftspracherwerb mit der Buchstaben-Anlauttabelle vor, was auf der von vielen so geschmähten Reichen-Methode fußt. Lay, die seit gut 40 Jahren Lehrerin ist, unterstützt das – wenn auch mit Einschränkungen. „Ich schätze an dem Ansatz sehr, dass er meiner Erfahrung nach den Kindern den Einstieg in den Schriftspracherwerb erleichtert. Die Hemmschwelle, zu schreiben, ist einfach niedriger.“

          Ein Trugschluss sei es ihrer Ansicht nach jedoch, zu glauben, dass es den Schülern dabei schaden würde, sie zu korrigieren. „Es gibt Rechtschreibregeln, die für alle bindend sind, und das muss auch von Anfang an vermittelt werden.“ Denn auch sie beobachtet seit Jahren, dass die Orthografie-Kenntnisse der Schüler schlechter werden. In ihren Augen liegt dies jedoch eher daran, dass im Lehrplan immer weniger Zeit zum Üben vorgesehen ist. Dass in punkto Rechtschreibung am alten Sprichwort „Übung macht den Meister“ etwas dran ist, bestätigt auch die Studie von Röhr-Sendlmeier. „Orthografie ist und bleibt Fleißarbeit“, sagt sie.

          Die Verwirrung angehender Lehrer angesichts der aktuellen Methodendiskussion kann sie trotzdem gut nachvollziehen: „Ich bekomme immer wieder Anfragen von Lehramtsstudierenden mit der Frage nach der besten Methode“, sagt sie. Marius Boberschmidt hegt indes für die Zukunft eine Vision, die den Methodenstreit in seinen Augen schnell beenden könnte: Schulen, die personell so gut ausgestattet werden, dass Lehrer Kinder wesentlich individueller fördern, aber auch fordern können. „Dann könnte für jedes Kind der Ansatz gewählt werden, mit dem es das Lesen und Schreiben am besten lernt – und gleichzeitig umfassender korrigiert werden, um verstärkt ein Augenmerk auf die korrekte Orthografie zu legen.“

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