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Methodenstreit in Schulen : Haubtsache schraibän!

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Die freien Ansätze (neben „Schreiben nach Gehör“ gibt es auch noch die sogenannte Rechtschreibwerkstatt, die ebenfalls Anlaute nutzt, bei der sich die Kinder allerdings die Regeln nach bestimmten Materialien selbst erarbeiten) standen jedoch auch schon vor Röhr-Sendlmeiers aktueller Studie immer häufiger in der Kritik. Der Verdacht: Sie trügen zumindest eine Teilschuld an den immer schlechter werdenden Rechtschreibkenntnissen deutscher Schüler, vor denen viele Eltern- und Lehrerverbände warnen, die aber auch in wissenschaftlichen Studien, etwa vom Siegener Germanistik-Professor Wolfgang Steinig, untermauert werden. Steinig hat die Orthografie in Schulaufsätzen von 1972, 2002 und 2012 verglichen und immer schlechter werdende Kenntnisse attestiert.

Vor der aktuellen Arbeit von Röhr-Sendlmeier war jedoch in noch keiner größer angelegten Studie der Zusammenhang zwischen den Rechtschreibkenntnissen von Grundschülern und der bei ihnen angewandten Methode des Schreiberwerbs untersucht. Für die Psychologin liegt das gute Abschneiden der Fibel-Methode auf der Hand: „Nur ein kleiner Teil der Wörter im Deutschen ist lautgetreu, ein Ansatz nach Gehör somit klar im Nachteil.“ Zudem hält sie es für weniger motivierend, die Kinder erst schreiben zu lassen, wie sie es ihrem Gehör nach für richtig halten, „um ihnen dann plötzlich zu erklären, dass sie bislang viel falsch gemacht haben“.

Kaum noch Zeit zum Üben

Andere plädieren trotz der neuen Forschungsergebnisse für einen Methodenmix – der an vielen Grundschulen ohnehin schon seit Jahren praktiziert wird. Ursula Lay etwa ist Grundschulrektorin und Landesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft in Bayern, die dem Deutschen Lehrerverband angehört. Der bayerische Lehrplan sieht seit einigen Jahren den Schriftspracherwerb mit der Buchstaben-Anlauttabelle vor, was auf der von vielen so geschmähten Reichen-Methode fußt. Lay, die seit gut 40 Jahren Lehrerin ist, unterstützt das – wenn auch mit Einschränkungen. „Ich schätze an dem Ansatz sehr, dass er meiner Erfahrung nach den Kindern den Einstieg in den Schriftspracherwerb erleichtert. Die Hemmschwelle, zu schreiben, ist einfach niedriger.“

Ein Trugschluss sei es ihrer Ansicht nach jedoch, zu glauben, dass es den Schülern dabei schaden würde, sie zu korrigieren. „Es gibt Rechtschreibregeln, die für alle bindend sind, und das muss auch von Anfang an vermittelt werden.“ Denn auch sie beobachtet seit Jahren, dass die Orthografie-Kenntnisse der Schüler schlechter werden. In ihren Augen liegt dies jedoch eher daran, dass im Lehrplan immer weniger Zeit zum Üben vorgesehen ist. Dass in punkto Rechtschreibung am alten Sprichwort „Übung macht den Meister“ etwas dran ist, bestätigt auch die Studie von Röhr-Sendlmeier. „Orthografie ist und bleibt Fleißarbeit“, sagt sie.

Die Verwirrung angehender Lehrer angesichts der aktuellen Methodendiskussion kann sie trotzdem gut nachvollziehen: „Ich bekomme immer wieder Anfragen von Lehramtsstudierenden mit der Frage nach der besten Methode“, sagt sie. Marius Boberschmidt hegt indes für die Zukunft eine Vision, die den Methodenstreit in seinen Augen schnell beenden könnte: Schulen, die personell so gut ausgestattet werden, dass Lehrer Kinder wesentlich individueller fördern, aber auch fordern können. „Dann könnte für jedes Kind der Ansatz gewählt werden, mit dem es das Lesen und Schreiben am besten lernt – und gleichzeitig umfassender korrigiert werden, um verstärkt ein Augenmerk auf die korrekte Orthografie zu legen.“

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