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Methodenstreit in Schulen : Haubtsache schraibän!

  • -Aktualisiert am

Diese Methode hat auch Student Boberschmidt schon während eines Schulpraktikums in einer ersten Klasse kennengelernt. „In meiner Praktikumsklasse wurden den Kindern zunächst alle Buchstaben einzeln vorgestellt. Das haben die Lehrer auch schön gemacht. Die Kinder haben den Buchstaben nicht nur abgemalt, sie konnten die Buchstaben an verschiedenen Stationen auch erleben, mal mit einer Schnur legen oder auch ertasten.“ Gleichzeitig erinnert er sich, dass manche Kinder schnell gelangweilt waren und ungeduldig wurden. „Die wollten einfach drauflosschreiben, gerne auch mal eine eigene Geschichte, einfach ihre Phantasie spielen lassen. Nicht erst mal monatelang einzelne Buchstaben malen.“

Boberschmidts Beobachtung ist genau jene, die manche dem Fibelansatz zum Vorwurf machen: Kinder, die in der Regel gerne das lernen wollen, was auch die Erwachsenen können, werden in ihrer Wissbegier und Begeisterung gebremst, sagen Kritiker. Zudem sei die Hemmschwelle, zu schreiben, größer, wenn Fehler sofort korrigiert würden, da die Motivation der Kinder untergraben werde. Dass zu Beginn des Schriftspracherwerbs zunächst Fehler gemacht werden, liege auf der Hand, schließlich sind hier absolute Anfänger am Werk.

Eine Methode besonders in der Kritik

Viele, die so denken, favorisieren deshalb die Methode „Lesen durch Schreiben“ des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Gleich zu Beginn erhalten die Schüler bei diesem Ansatz eine Anlauttabelle. Darauf sind alle Buchstaben und Umlaute vermerkt, die durch einen Gegenstand illustriert werden, der mit dem jeweiligen Buchstaben beginnt, etwa ein Ofen für das O oder die Post für das P. Aber auch Sonderlaute wie ck, ch oder sch werden bildlich „vertont“. Kinder legen dann sofort mit dem Schreiben los, indem sie ein Wort in einzelne Laute zerlegen und sich dann in der Tabelle den in ihren Ohren passenden Buchstaben heraussuchen.

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Eine Korrektur möglicher Rechtschreibfehler ist nicht vorgesehen, die Kinder werden lediglich darauf hingewiesen, wenn sie einen Laut vergessen haben – Schreiben soll erst einmal Spaß machen. Dem Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass Kinder sich die Schriftsprache individuell, aktiv und in ihrem eigenen Tempo selbst erarbeiten können und dadurch auch sogenannte Rechtschreibstrategien entwickeln, die Regeln also nicht stumpf auswendig lernen. Erst ab der dritten Klasse, wenn in der Regel Noten vergeben werden, werden den Schülern dann die Rechtschreibregeln erläutert und der Rotstift angesetzt.

In Nordrhein-Westfalen, wo Boberschmidt irgendwann Grundschullehrer werden wird, entscheidet meist die Schule selbst, nach welcher Methode den Kindern das Lesen und Schreiben beigebracht wird und welche Schulbücher und sonstigen Materialien dafür genutzt werden. Im Einführungskurs über die unterschiedlichen Methoden hat Boberschmidts Dozentin deshalb keine klare Empfehlung für einen der Ansätze ausgesprochen.

Orthografiekenntnisse immer schlechter

Trotz aller Verunsicherung findet der Student, dass das auch gute Seiten hat: „Ich möchte mir eine gewisse Offenheit bewahren und mich nicht gedanklich auf eine Methode beschränken, denn ich bin bereits studierter Sozialpädagoge und weiß deshalb genau, dass Kinder ganz unterschiedlich lernen und es deshalb gut ist, auch unterschiedliche Ansätze in petto zu haben.“ Gleichzeitig weiß er aus seinem Schulpraktikum, dass es im Berufsalltag oft unmöglich ist, jedes Kind individuell mit dem für ihn passenden Ansatz zu unterrichten. „Dann muss natürlich die Methode gewählt werden, mit der die Mehrheit der Kinder am besten klarkommt.“

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