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Promotion an Fachhochschulen : Herr Prof. Dr. (FH)

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Schon jetzt können FH-Absolventen den Doktortitel erwerben. Doch manchen genügt der bisherige Weg nicht. Bild: Cornelia Sick / F.A.Z.

Fachhochschulen erobern das letzte Privileg der Universität: Bald werden auch sie Doktortitel verleihen dürfen. Davor graut es vielen Professoren an Universitäten schon.

          Eigentlich war es im Rahmen der Bildungsexpansion nur eine Frage der Zeit, bis die Fachhochschulen (FH) das Promotionsprivileg der Universitäten auch für sich einfordern würden. „Endlich faire Chancen für unsere Top-Absolventen“, jubelte Nicolai Müller-Bromley deshalb über den Vorstoß Schleswig-Holsteins, das Promotionsrecht künftig auch den Fachhochschulen zu geben. Müller-Bromley ist Juraprofessor an der Hochschule Osnabrück und Präsident des Hochschullehrerbundes (HLB), dem mehr als 6000 seiner FH-Kollegen angehören.

          Den Universitäten graut davor. Komme es tatsächlich dazu, dass auch FHs Doktortitel verleihen dürfen, so sei die Universität „ihres Markenkerns beraubt“ und „ein weiterer Schritt“ getan, dieselbe „als Institution bis zur Unkenntlichkeit zu schleifen“, wetterte hingegen Michael Hartmer. Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) vertritt die Interessen von knapp 30 000 Universitätsangestellten. Seine bissige Kolumne im Verbandsblatt „Forschung und Lehre“, in der er das schrieb, trug die Überschrift „Dr. (FH)“.

          Der Streit ist entbrannt. Die Mitgliederzahlen der beiden Berufsverbände spiegeln dabei die Machtpositionen gut wider. Hier die mächtigen Universitäten, dort die aufstrebenden Fachhochschulen. Letztere lassen die Vorsilbe „Fach-“ immer öfter unter den Tisch fallen, sie nennen sich nur noch Hochschule oder, in Anlehnung an den angloamerikanischen Sprachraum, „University“. An einer „University“ werden postgraduale Studiengänge angeboten, und seit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System gilt dies auch für deutsche Fachhochschulen. Damit wird schon rein äußerlich eine Annäherung ans Vorbild Universität angestrebt, die aus Sicht des Verbands HLB erst dann vollständig wäre, wenn FHs auch das Promotionsrecht erhielten.

          Nur wenige Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter

          Nach dem nördlichsten Bundesland haben auch Hessen und Baden-Württemberg Schritte in diese Richtung angekündigt. Schon die frühere Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hatte ein mögliches FH-Promotionsrecht als „Evolution“ bezeichnet und damit gutgeheißen. Größere Studien zu dem Thema gebe es allerdings nicht, die Diskussion fuße bislang nur auf politischen Meinungen, gibt Martin Winter vom Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg zu bedenken. „Interessant wäre eine Studie, die untersucht, wie es FH-Absolventen geht, die an Unis promovieren. Die gibt es bislang aber nicht.“ Nachvollziehbar sei, so Winter, dass FH-Professoren eine Angleichung an Universitäten wünschen, weil sie selbst „universitäts-sozialisiert“ sind - sprich: Sie haben selbst an Universitäten studiert und promoviert und wollen ihr jetziges Arbeitsumfeld möglichst dem der Universität angleichen.

          Statt einer Studie gibt es aber ein paar Fakten. An FHs gibt es pro Professor nur eine halbe Stelle für wissenschaftliche Mitarbeiter, auf einen Uni-Professor kommen dagegen sechseinhalb solcher Stellen. Im Jahr 2011 warb ein FH-Professor im Schnitt 23.400 Euro an Drittmitteln ein, ein Uni-Professor 261.700 Euro. Im selben Jahr wurden in Deutschland 26.981 Promotionen abgeschlossen. In den Jahren 2009 bis 2011 erlangten 836 FH-Absolventen einen Doktortitel. Zwar handle es sich mit einem Plus von 266 Promotionen um „die größte Steigerung“ seit der ersten Erhebung im Zeitraum 2006 bis 2008, verkündete die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihrer jüngsten Umfrage zum Thema, veröffentlicht im Juni 2013. Aber im Vergleich zu den Uniabsolventen ist die Ausbeute mit gerade einmal einem Prozent immer noch verschwindend gering. Warum gerade an ostdeutschen Unis so viele FH-Absolventen promovieren, können die HRK-Autoren nicht erklären. Vor allem Sachsen und Sachsen-Anhalt sind hier Spitze. Bei den Fächern liegen die Ingenieurwissenschaften (426) mit Abstand vorn, gefolgt von den Naturwissenschaften (288).

          Gerade in den technischen Fächern scheinen Promotions-Kooperationen zwischen beiden Hochschultypen also schon gut zu funktionieren. So verwundert es nicht, dass die „Konferenz der Fachbereichstage“ (KFBT), ein Zusammenschluss von Studiengängen verwandter FH-Fachstudiengänge, gar nicht in die HLB-Forderung einstimmt, die das Promotionsprivileg der Unis knacken will, sondern stattdessen das „kooperative Promotionsverfahren“ anstrebt. Dieses hätte den Vorteil, betont der KFBT-Vorsitzende Bernd Schinke, dass einerseits die wissenschaftliche Qualität einer deutschen Promotion erfüllt würde und andererseits FH-Professoren als gleichberechtigte Gutachter kollegial am Betreuungs- und Begutachtungsprozess beteiligt würden.

          Bislang muss der erste Betreuer immer noch ein Uni-Professor sein, der zweite kann dann auch von der FH kommen. Zusätzliche Prüfungsleistungen für FH-Absolventen sollten ad acta gelegt werden, fordert Schinke, der an der Hochschule Mannheim Verfahrens- und Chemietechnik lehrt. Schließlich würden FH-Masterstudiengänge inzwischen genauso zur Promotion berechtigen wie die an Universitäten erworbenen Abschlüsse. Dazu müssten vielerorts aber die Promotionsordnungen umgeschrieben werden.

          Mit einem solchen Kompromiss könnte auch Manfred Hampe gut leben. Der Darmstädter Maschinenbauer ist Vorsitzender des Dachvereins „Fakultätentage der Ingenieurwissenschaften und der Informatik an Universitäten“ (4ING) und wehrt sich mit seinen Kollegen vehement gegen den kollektiven Dammbruch. „Universitäten und Fachhochschulen haben verschiedene Bildungsaufträge. Unis haben den Auftrag, den wissenschaftlichen Nachwuchs heranzuziehen. Dieser Bildungsauftrag fehlt den Fachhochschulen.“ Entsprechend ergäben sich auch unterschiedliche Qualifikationsvoraussetzungen bei den Berufungen: „Wir suchen für die Unis zwar auch Experten mit Industrieerfahrung. Aber diese Experten müssen dann auch schon während ihrer Tätigkeit in der Industrie wissenschaftlich überzeugt haben. Eine solche Berufungsvoraussetzung gibt es bei Fachhochschul-Professoren nicht.“ Die Mehrheit der FH-Professoren zeige „keine wissenschaftlichen Ambitionen“, sagt Hampe.

          „Nicht jedem Kollegen“ würde sie eine Promotionsbetreuung anvertrauen, sagt auch Uta Bohnebeck, Konrektorin Forschung an der Hochschule Bremen. Dennoch: Forschungsstarke FH-Professoren sollten das Promotionsrecht bekommen, fordert die Informatikerin. Ihre Fachhochschule hat schriftliche Kooperationsverträge mit den Universitäten Oldenburg, Vechta und mit der privaten Bremer Jacobs University. Das würde Promotionen für hauseigene Absolventen zwar erleichtern, „aber im Promotionsausschuss sitzen nach wie vor nur Uni-Leute“, kritisiert sie. Es sei dann eine „Frage des Klimas und der Kultur, wie das gelebt“ werde. Aus der „Bittsteller-Rolle“ sei man zwar raus, aber man müsse sich nach wie vor auf „Partnersuche“ an den Unis begeben.

          Für Annika Worpenberg, 29, hat die Partnersuche geklappt. Sie wird demnächst ihre Doktorarbeit im Bereich Designwissenschaften mit Bezug zur Medieninformatik abschließen. Ihr bunter Bildungsweg ganz im Sinne von Bologna sieht so aus: Bachelor in Erziehungswissenschaft und Designpädagogik an der Uni Vechta, Master an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim, drei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Bremen, zurzeit Teilnahme am Graduiertenkolleg „Digitale Medien“ der Bremer Uni. „Im Kolleg treffen wir uns alle zwei Wochen, diskutieren, hören Vorträge oder machen auch mal eine Wochenendfahrt“, erzählt Worpenberg. Gefühlte Unterschiede zwischen Uni- und FH-Doktoranden gebe es keine. „Wir haben alle die gleichen Probleme: Welche Methoden wenden wir an? Welche Daten werten wir aus? Wie schreiben wir?“ Der einzige Unterschied: Ihr Doktorvater befindet sich nicht in Bremen, sondern in Braunschweig an der Hochschule für Bildende Künste, die für ihr Fachgebiet den Universitätsstatus genießt. Die Doktorandin trifft ihn aber nur sehr selten, etwa einmal im Jahr. Faktisch erste Betreuerin sei daher eine Professorin der Bremer Hochschule.

          Für Annika Worpenberg steht fest: Besäße die Bremer Hochschule das Promotionsrecht, hätte sie nicht den Braunschweiger Doktorvater, sondern eine Doktormutter vor Ort. Doch dagegen wehrt sich auch die Bremer Uni genau wie alle anderen Unis in Deutschland mit Händen und Füßen. Man vertrete „grundsätzlich die Position, dass das Promotionsrecht nicht an Fachhochschulen vergeben werden sollte - weder im Land Bremen noch in anderen Bundesländern“, teilt der Pressesprecher mit. Bleibt abzuwarten, wie lange dieser Wunsch noch Wirklichkeit bleibt.

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