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Gießener Professor : „Mathe ist ein Angstfach. Dabei macht es glücklich“

Angstfach Mathe: Jeder Zweite kann aus seiner Schulzeit wohl über eine Blamage vor der ganzen Klasse berichten. Bild: dpa

Man wird an die Tafel gerufen und blamiert sich: Mehr ist bei vielen vom Mathe-Unterricht nicht übrig geblieben. Das findet Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher „dramatisch“. Und fordert mehr Gefühl.

          Die Abneigung gegen die Mathematik hindert viele am Studium. Dabei macht sie glücklich, sagt der Gießener Mathematikprofessor Albrecht Beutelspacher.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Herr Professor Beutelspacher, es gibt zu wenig Nachwuchs im naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereich (MINT). Hat das etwas mit der Vermittlung dieser Gebiete in der Schule zu tun?

          Die Schule spielt sogar eine entscheidende Rolle, denn 99 Prozent der naturwissenschaftlichen und mathematischen Bildung werden dort vermittelt. Viele sind froh, nach dem Abi nichts mehr mit Mathe und Physik zu tun zu haben.

          Ist Mathe denn eine so schwierige Materie, vor der man Angst haben muss?

          Nein! Mathe und Naturwissenschaften sind uns nahe. Mathe ist nicht schwieriger als Musik. Schüler können „Für Elise“ auswendig; da üben sie ewig. Wenn sie sich mit der gleichen Intensität der Mathematik widmeten, wären sie viel besser.

          Ist Mathematik wirklich ein Angstfach in Deutschland, wie oft behauptet?

          Das ist so. Ich werde aufgerufen, muss an die Tafel und bin total blamiert, weil ich das nicht hinkriege - eine solche Geschichte kann wahrscheinlich jeder Zweite erzählen. Wenn es das ist, was von Mathe übrigbleibt, ist das schon dramatisch.

          Immer wieder kokettieren Menschen damit, dass sie nicht gut in Mathe waren. Ist die Abneigung sogar gesellschaftsfähig?

          Ja. Aber das Kokettieren ist eigentlich ein Hilferuf. Oder man gesteht auf diese Weise ein, dass man in der Schule nie die Chance hatte, zu kapieren, was Mathe eigentlich ist.

          Wie wird Mathematik unterrichtet?

          Einiges hat sich schon geändert, aber oft wird noch so unterrichtet: Schnell kommt man in die Welt der Verfahren und der Algorithmen, also der Rechenvorschriften, wo man dann auch bleibt. Die Schüler sollen multiplizieren können, Prozentrechnen und Kurvendiskussionen beherrschen. Das lernen sie dann auch kurzfristig für die Klassenarbeit, haben es aber nicht verstanden. Es gibt viel zu wenig Rückkoppelung an das Verständnis und an die Realität, es wird viel zu wenig veranschaulicht.

          Sie fordern sogar mehr Gefühl im Matheunterricht.

          Mathematikunterricht hat auch die Aufgabe, den Schülern die Gelegenheit zu geben, sich als Person mit dem Stoff zu identifizieren. Wie im Deutschunterricht: Kommaregeln und Rechtschreibung interessieren auch viele nicht, aber man liest Literatur; das kann die Gefühle der Schüler ansprechen. Das passiert im traditionellen Matheunterricht praktisch nie.

          Was sollte man Schülern bieten, damit sie sich mit Mathe identifizieren?

          Man könnte ganz einfach in die Natur gehen oder in die Stadt und dort zum Beispiel Symmetrisches entdecken. Geeignet sind auch Denksportaufgaben. Mathe hat damit zu tun, dass ich selbst denke.

          Was fällt Ihnen noch ein?

          Heute sind auch Anwendungen wichtig. Und natürlich das Arbeiten mit dem Computer. Es gibt wunderbare Geometrieprogramme, mit denen man viel Mathematik entdecken kann.

          Was erreicht man auf diese Weise?

          Ziel des Unterrichts muss sein, die Personen zu stärken, nicht, sie klein zu machen und ihnen das Rückgrat zu brechen. Wichtig ist eine wertschätzende Haltung gegenüber den Schülern und ihren Ideen, aus denen man dann den Stoff entwickelt. Man sollte als Lehrer erspüren können, was die Schüler eigentlich meinen.

          Brauchen Lehrer dafür eine natürliche Begabung, oder kann man das lernen?

          Auch mit einer drei in Mathe kann man Ingenieur werden, sagt Albrecht Beutelspacher.

          Lehrer ist ein Massenberuf; wir können uns nicht darauf verlassen, dafür nur charismatische Persönlichkeiten zu gewinnen - so viele haben wir nicht. Natürlich muss das ausgebildet werden. Zum Beispiel muss man diagnostische Fähigkeiten vermitteln.

          Wird an den Hochschulen genug getan in der Ausbildung von Mathelehrern?

          Die Didaktik hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren gut entwickelt. Ein Studierender, der heute die Hochschule verlässt, hat keine Ausrede mehr. Es gibt genügend Methoden, Modelle, Ansätze und Materialien, die helfen, den Stoff anschaulich zu unterrichten.

          Ältere Lehrer haben das nicht gelernt.

          Die Veränderung der Schullandschaft dauert lange. Es müssen junge Lehrer eingestellt werden, damit frischer Wind in die Schulen kommt. Und Fortbildung ist wichtig. Da wird zu wenig gemacht.

          Auf wie viel Mathematik muss sich ein Ingenieurstudent denn einstellen?

          Auf vier Semester harte Mathematik. Da braucht man richtig Durchhaltevermögen, muss von der ersten Stunde an wirklich dabei sein.

          Muss man in der Schule ein Mathecrack gewesen sein?

          Nein, ein Ingenieur ist kein Mathematiker. Auch mit einer Drei in Mathe kann man ein Studium durchaus erwägen.

          Die Abbrecherquoten in den Ingenieurwissenschaften sind hoch. Liegt auch das vor allem an der Mathematik?

          Mathe wirkt da als Selektionsinstrument, aber wird von manchen auch dazu benutzt. Die Verantwortung liegt allerdings auch hier auf beiden Seiten.

          Mathe macht glücklich, steht auf dem roten Teppich am Eingang des Mathematikums, des ersten Mitmach-Museums für Mathematik auf der Welt, dessen Direktor Sie sind. Ist das wirklich so?

          Natürlich! Mathematik ist die Wissenschaft der absoluten Klarheit. Irgendwann macht es klick. Man weiß dann: Genauso ist es, das ist ja ganz einfach. Das sind ausgesprochene Glücksmomente. Viele Menschen erleben sie leider nicht.

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