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Probanden für Studenten : Nicht schon wieder ein neues Gebiss!

  • -Aktualisiert am

Studenten der Zahnmedizin mit einer Patientin Bild: Jens Gyarmaty

Zahnmedizin-Studenten brauchen Probanden für ihre Abschlussprüfung. Aber es gibt kaum Freiwillige. Das sorgt für Stress, Kosten – und mit viel Pech für Wartesemester.

          Etliche Male wählte sie Telefonnummern aus der Liste. Aber mit jedem Anruf sank ihre Hoffnung: Während die einen ihr Angebot höflich ablehnten, beschwerten sich andere, dass sie keine zig Anrufe mehr bekommen wollten. Einmal wies man sie darauf hin, dass die Person, die sie suchte, inzwischen verstorben sei. Unangenehm – so, als belästige sie die älteren Männer und Frauen – war das für Hannah Frieß am anderen Ende der Leitung. Doch die Studentin telefonierte die Liste weiter ab. Denn für ihre praktische Abschlussprüfung im Staatsexamen suchte die angehende Zahnärztin dringend einen Patienten, für den sie ein Gebiss anfertigen durfte.

          Sechs Wochen später kann Frieß aufatmen. Sie hat eine Patientin gefunden, den Zahnersatz angefertigt und den Teil ihrer Prüfung im Zahnmedizin-Staatsexamen bestanden. Bei ihrem siebten Anruf drei Wochen vor Prüfungsbeginn nahm eine ältere Dame den Hörer ab – und Hannahs Angebot an. Zunächst widerwillig, denn vier Studenten der Goethe-Universität Frankfurt am Main hatten der Rentnerin seit 1999 bereits Vollprothesen angefertigt. Aktuell brauche sie eigentlich keinen neuen Zahnersatz. „Wozu soll ich die Gebisse denn alle anziehen, zum Tanzen?“, fragt sie.

          Im März dieses Jahres sitzt die 71 Jahre alte Dame dann tagelang jeweils mehrere Stunden auf einem Stuhl im Carolinum, dem zahnärztlichen Institut der Universität in Frankfurt. Und zwar Hannah Frieß zuliebe, sagt sie. „Das Mädchen klang am Telefon so verzweifelt, da habe ich gesagt, ich komme noch ein Mal.“ Es war ein Glücksgriff für die 27 Jahre alte Studentin Frieß. Als die Dame ihr zusagte, war sie einfach erleichtert. Ein Gefühl „absoluter Freude und Beruhigung“, erinnert sie sich.

          Patientenmangel verhindert Prüfung

          Für die bis Ende diesen Monats andauernde praktische Prüfung hat die Studentin inzwischen genügend Patienten gefunden. Alles in allem sind es acht – so viele Patienten mit bestimmten Zahnerkrankungen benötigt Hannah Frieß, um ihren Prüfern die in der Approbationsordnung vorgegebenen Behandlungen vorführen zu können. Neben der Vollprothese für die ältere Dame muss sie Zahnkronen und Füllungen setzen sowie eine Wurzelkanalbehandlung durchführen.

          Erst drei Tage vor Prüfungsbeginn hatte sie alle Patienten beisammen. Die Suche war eine reine Tortur, schildert sie. „Ich habe mich sehr allein gelassen gefühlt.“ Erst hörte sie sich vergeblich im Bekanntenkreis um, telefonierte die von der Universität zur Verfügung gestellte Liste mit potentiellen Patienten ab und harrte letztlich vor den Behandlungsräumen in der Zahnklinik aus, um dort Patienten abzufangen. Dabei stand sie immer in Konkurrenz mit knapp 50 Kommilitonen, die für ihre Prüfungen ebenfalls Patienten gesucht haben. Bei diesen Prüfungen sei es schwieriger als in den Jahren zuvor gewesen, genügend Patienten zu akquirieren, bestätigt Robert Sader, der Geschäftsführer des Carolinums und Dekan für den klinischen Teil des Zahnmedizin-Studiums in Frankfurt. „Als das Examen startete, hatten etwa zehn Prozent der Studierenden noch nicht genügend Patienten“, sagt er.

          An anderen deutschen Universitäten mit Zahnmedizin-Studiengang sind die Patienten ebenfalls rar: Dem Bundesverband der Zahnmedizinstudierenden meldeten bei einer Tagung jüngst 15 von 19 anwesenden Fachschaften das Problem als aktuell. In Kiel zum Beispiel trat im vergangenen Sommer an der Christian-Albrechts-Universität der Extremfall ein: 17 von 47 Studenten konnten wegen des Patientenmangels nicht an der praktischen Prüfung teilnehmen. Sie mussten ein halbes Jahr warten, da sie die Prüfung erst im darauffolgenden Semester ablegen konnten. Wen das Schicksal traf, wurde der Universität zufolge ausgelost.

          „Mehr als die Miete, die ich im Monat zahle“

          Zahnmedizin-Studienplätze sind bundesweit stark nachgefragt. Studenten, die die Prüfung schieben müssen, stoßen im folgenden Semester zu neuen Prüflingen hinzu, die aus dem gleichen Pool an Patienten schöpfen. Hannah Frieß wollte ein solches Wartesemester in jedem Fall vermeiden. „Es löst das Problem nicht, sondern zögert es nur hinaus“, sagt sie. Deshalb lässt sich die Studentin ihre Abschlussprüfung etwa 400 Euro kosten – so teuer ist das Material für das neue Gebiss ihrer Patientin. Die Krankenkasse der älteren Dame übernimmt die Kosten nicht, weil die keinen Anspruch auf eine neue Prothese hat, wenn sie diese nicht wirklich benötigt. „Auf einen Patienten zu warten, bei dem die Krankenkasse die Prothese zahlt, ist nahezu unmöglich“, sagt Frieß.

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