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Privatschulen : Mehr Schweden wagen

  • -Aktualisiert am

Keine deutsche Partei hat das Thema auf der Agenda

“Nur die Tyrannei des Status quo lässt die Leute glauben, dass das Staatsmonopol der beste Weg ist unsere Kinder zu bilden“, schrieb der greise Milton Friedman im Jahr 2004. Heute hat seine Idee der Gutscheinfinanzierung auch in den Vereinigten Staaten eine bunte Befürworterschaft: Wirtschaftsliberale Republikaner und Afroamerikaner, die ihre Kinder lieber auf christliche Schulen schicken, kämpfen an der ideologischen Front gegen Lehrergewerkschaften, die eine umfassende Privatisierung befürchten. Im Gegensatz zu Schweden gibt es in den Vereinigten Staaten kein universelles Gutscheinprogramm. Dreizehn Bundesstaaten, darunter Florida, Arizona und Pennsylvania, nutzen allerdings solche Programme, um Bedürftige zu unterstützen. „Wohnort und Schulqualität hängen stark miteinander zusammen“, sagt David Figlio, Professor an der Northwestern University in Chicago und Leiter des Instituts für Policy Research. Gutscheine ermöglichten es Schülern, die Gebühren an Privatschulen zu bezahlen oder zu pendeln, damit sie eine Schule in einem gutbürgerlichem Viertel besuchen könnten.

Schwedens Gutscheinmodell scheint auf Deutschland nicht übertragbar zu sein. Keine Partei hat das Modell auf der Agenda. „Das deutsche Schulsystem ist im höchsten Maße intransparent“, meint dabei Figlio aus amerikanischer Perspektive. Wichtige Informationen würden den Eltern vorenthalten, denn Evaluierungen des Unterrichts, Noten der Abiturprüfungen werden nicht veröffentlicht. Die Konsequenz: Eltern haben kaum eine objektive Entscheidungsgrundlage bei der Schulwahl. Das wäre aber eine Voraussetzung für Wettbewerb.

Eltern müssen sich auf den „guten Ruf“ einer Schule verlassen

In Großbritannien, zum Beispiel, werden detaillierte Rankings veröffentlicht. In Deutschland hingegen müssen sich die Eltern auf den vermeintlich „guten Ruf“ der Institution und deren „Schulpropaganda“ verlassen, wie Jürgen Oelkers, Züricher Erziehungswissenschaftler, das Buhlen der Schulen um Bewerber nennt. Fast jede Schule hat eine Website zur Außendarstellung. Man liest dort Werbephrasen wie „Die soziale Schulqualität hat eine große Relevanz im Schulalltag“, es wird von Segel- oder Schacharbeitsgemeinschaften berichtet. Es wirkt so, als sei Transparenz nicht gewollt: In Niedersachsen werden, wie in Hessen oder Nordrhein-Westfalen, zwar Schulinspektionen durchgeführt. Das niedersächsische Kultusministerium verkündete Anfang 2013, dass nun alle öffentlichen Schulen inspiziert worden seien.

Private Schulen treten auch in Deutschland zunehmend auf den Plan, allerdings nicht auf Augenhöhe. Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln werden nur 50 bis 60 Prozent der Kosten eines privaten Schulplatzes von öffentlichen Geldern gedeckt. Der Rest muss über Schulgeld und Spenden finanziert werden, oder die Schulen müssen besser wirtschaften. Die Lehrer vedienen oft weniger. Überhaupt ist es für die Privatschulen im bestehenden System viel schwieriger, am Arbeitsmarkt gute Lehrer zu finden. „Der Beamtenstatus verzerrt den Wettbewerb aufgrund der De-facto-Unkündbarkeit und der Pensionsansprüche“, sagt Ludger Wößmann vom Ifo-Institut. Das schwedische Unternehmen Kunskapsskolan hat sich auch deswegen in Deutschland noch nicht betätigt. Es exportiert mittlerweile sein Unterrichtsmodell in die Vereinigten Staaten, nach England und neuerdings auch Indien. In der Nähe von Delhi wurde in diesem Jahr eine erste Schule gegründet.

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