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Privathochschulen : Hoch spezialisiert, gut betreut, teuer bezahlt

  • -Aktualisiert am

Veranstaltung in einem Hörsaal auf dem Berliner Campus der MHMK Macromedia Bild: MHMK Macromedia

Studenten wollen Flexibilität und mehr Aufmerksamkeit ihrer Professoren. Das hat den Markt für Privathochschulen florieren lassen. Doch der Boom könnte bald vorbei sein.

          Als Germanistik-Studentin an einer staatlichen Hochschule hat es Patricia Ivanauskas nur kurz ausgehalten. Bereits während des ersten Semesters brach die heute 22-Jährige ihr Studium ab. „Alles war sehr unpersönlich und schnelllebig. Ich hatte keinen Bezug zu den Dozenten und Kommilitonen“, beschreibt Ivanauskas ihre Unzufriedenheit. „Also habe ich mich ganz bewusst für eine private Hochschule entschieden.“ Seit zwei Semestern studiert Patricia Ivanauskas Sport- und Eventmanagement an der MHMK Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Berlin. „Es gibt für mich nur Vorteile. Ich werde in kleinen Gruppen unterrichtet und kann mit Leuten aus der Branche ein enges Netzwerk aufbauen“, sagt die angehende Sportmanagerin, die das gebührenfreie Studium nun für ein 35.000 Euro teures Bachelor-Studium eingetauscht hat. Finanziell kommt sie nun nur noch mit Unterstützung ihrer Familie über die Runden.

          Immer mehr Menschen entscheiden sich wie Patricia Ivanauskas für ein Studium an einer privaten Hochschule. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich die Zahl der Studierenden an Privathochschulen in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht und lag bei der jüngsten Erhebung zum Wintersemester 2012/13 bei rund 160.000. Zwar ist damit der Gesamtanteil an der deutschen Studierendenschaft mit 7 Prozent immer noch verhältnismäßig gering, doch die Entwicklung verlief bislang rasant. Bei insgesamt steigenden Studierendenzahlen erhöhten staatliche Anbieter in den letzten zehn Jahren ihre Studierendenzahlen um 24 Prozent auf 2,3 Millionen - bei den Privaten liegt die Steigerungsrate im selben Zeitraum bei 191 Prozent. „Die Privathochschulen sind nicht mehr nur eine Ergänzung, sondern ein fester Bestandteil des deutschen Wissenschaftssystems geworden“, bilanziert Dietmar Goll vom Deutschen Wissenschaftsrat die Entwicklung.

          Zwar macht die Rückkehr zum gebührenfreien Studium an staatlichen Hochschulen den privaten Anbietern mit ihren kostenpflichtigen Studiengängen die Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt schwerer. Doch ihnen kommen die Trends zur Akademisierung der Berufswelt und zum lebenslangen Lernen entgegen. „Die Privaten decken gezielt Bedarfe ab und nutzen Nischen, die staatliche Hochschulen nicht ausreichend aufgreifen“, sagt Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).

          Hohe Erwartungen auf dem Arbeitsmarkt lassen die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften steigen, immer mehr Menschen streben einen akademischen Abschluss an. Darauf reagieren die privaten Hochschulen mit zunehmender Spezialisierung, die sich besonders im boomenden Gesundheitssektor niederschlägt. Ließ man sich früher zu Pflegeberufen ausbilden, bieten heute zahlreiche Hochschulen ein sechs- bis achtsemestriges Studium zum Ergotherapeuten oder Logopäden an - so auch an der SRH Fachhochschule für Gesundheit in Gera. „Wir haben mit 77 Studierenden als erste private Hochschule Thüringens angefangen und konnten uns innerhalb von nur sieben Jahren auf knapp 700 Studierende steigern“, berichtet Klaus Hekking, Vorstandsvorsitzender der SRH Holding. Ganz frisch bietet die Privathochschule in Gera einen neuen MasterStudiengang Neurorehabilitation an, der Fachkräfte zur Behandlung von Schlaganfallpatienten ausbildet. „Der Trend zur Spezialisierung durchzieht alle Bereiche der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. Dem muss auch das Bildungssystem gerecht werden“, sagt Hekking. Noch im Wintersemester 2002/2003 waren 0,5 Prozent aller Studierenden von gesundheitlich orientierten Fächern an privaten Hochschulen eingeschrieben, im Wintersemester 2012/13 waren es schon 13 Prozent.

          Auch Jennifer Spiegel hat sich wegen besserer beruflicher Perspektiven für ihr Studium der Gesundheitspsychologie an der SRH Gera entschieden: „Ich möchte später einmal als Psychologin arbeiten und habe das Gefühl, mit diesem Studium genau das Richtige zu tun“, sagt die 23-Jährige, die nach ihrem Fachabitur im Sozialwesen nun im vierten Semester studiert. „Wir werden in kleinen Gruppen unterrichtet und haben gutausgebildete Professoren mit viel Berufserfahrung.“ 445 Euro kostet Jennifer Spiegel das Studium monatlich, das sie mit dem Kindergeld ihrer Eltern und einem Bafög-Anteil bezahlt. „Viele kaufen sich ein Auto, ich investiere das Geld lieber in meine berufliche Zukunft“, sagt Spiegel, die im Anschluss an ihren Bachelor-Abschluss auch noch einen konsekutiven Master an der SRH in Gera machen will.

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