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Praxisnähe im Studium : Die Illusion der Berufsqualifikation

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Wie fern sind die vermittelten Inhalte an der Uni von der Berufspraxis? Bild: dpa

Bologna hatte einmal ein sinnvolles Ziel: das Studium an den Studenten auszurichten. Daraus wurde eine reine Maßnahme für den europäischen Arbeitsmarkt. Das Problem ist ein falscher Praxisbezug.

          Der Bologna-Prozess leidet nach wie vor an zwei Grundübeln: an der Hybris, Studieninhalte europaweit regeln zu wollen, und an einer Ideologie der „Employability“, der Beschäftigungsfähigkeit. Beide Übel werden durch eine schönfärbende Rhetorik verdeckt. Das dauert nun schon fünfzehn Jahre und schränkt Generationen von Studenten darin ein, sich ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend zu qualifizieren.

          Ausgangspunkt des Bologna-Prozesses war 1988 ein Manifest der Universitäten, die „Magna Charta Universitatum“. Zur 900-Jahr-Feier der Universität Bologna unterschrieben 430 Universitätsrektoren ein Loblied auf autonome Universitäten in Europa, mit zwei Forderungen, die Konsequenzen haben sollten.

          Zum Ersten sei bei der Gestaltung des Studiums von den Bedürfnissen der Studierenden auszugehen: „Jede Universität muss . . . ihren Studenten die Freiheit gewähren und die Voraussetzungen schaffen, die sie zur Erreichung ihrer Bildungs- und Ausbildungsziele benötigen.“ Und zweitens wurde die europaweite Mobilität der Studenten gefordert zur „gegenseitigen Kenntnis und der wechselseitigen Beeinflussung verschiedener Kulturen“.

          Zentralismus statt Flexibilität

          Bologna. Der Name ist Symbol. Er steht für eine Universität, die den Studenten dient, im Gegensatz zu Paris, der Professoren-Universität, das Vorbild für die Entwicklung der kontinentaleuropäischen Universität. Auf das Manifest aus Bologna folgte bezeichnenderweise die Sorbonne-Erklärung von 1998. Auch da gab es ein Jubiläum, aber hier trafen sich Minister. Der Prozess wurde zu einer staatlichen Angelegenheit. Die Minister aus Deutschland, England, Frankreich und Italien forderten, einen gemeinsamen „europäischen Hochschulraum“ zu schaffen. So geschah es im Jahr darauf mit der nun von 29 Ländern unterzeichneten Bologna-Erklärung, die ebendiesen europäischen Hochschulraum „zur Förderung der Mobilität und arbeitsmarktbezogenen Qualifizierung seiner Bürger“ einrichten wollte. Aus dem Ziel, das Studium an den Interessen der Studenten auszurichten, war eine Maßnahme des europäischen Arbeitsmarktes geworden. Im Laufe der Jahre und nach vielen Erklärungen, Kommuniqués und Gesetzen ist daraus ein hochkomplexes System der Steuerung von Hunderten von Universitäten in 45 Ländern geworden. Ohne Zuständigkeit - für die Hochschulen sind die Länder zuständig - und ohne Kompetenz - eine Studienreform ist ohne das Engagement von Professoren vor Ort nicht zu haben -, aber voller unbeabsichtigter Nebenwirkungen.

          Wie für den Binnenmarkt sollten alle Mobilitätshindernisse „koordiniert“ beiseitegeräumt werden, insbesondere durch die Einführung eines Leistungspunktesystems - ähnlich dem ECTS - zur „Förderung größtmöglicher Mobilität der Studierenden“. Außerdem sollte die europäische Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung verstärkt werden. Das Ziel waren „vergleichbare Kriterien und Methoden“. Qualitätssicherung ist der euphemistische Ausdruck für eine europaweite Steuerung durch ein System der Akkreditierung der Studiengänge. Die Credit Points des „European Credit Transfer System“, des ECTS, sind zur Währung der Bologna-Studiengänge geworden: 1 Punkt = 30 Stunden, 180 Punkte = 1 Bachelor. Dieses Verwaltungssystem konterkarierte die schönen Ziele. So ließ die Jagd nach Credit Points keine Zeit für Mobilität. Die Verschulung behinderte die Qualifizierung der Studierenden.

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