https://www.faz.net/-gyl-9dmym

Interview mit Meeresbiologen : „Entfernen von Plastik im offenen Ozean würde große Schäden anrichten“

Eine Plastiktüte treibt im offenen Meer herum. Bild: dpa

Ein deutsch-chilenisches Universitätsteam um Martin Thiel forscht über Plastikmüll im Südpazifik. Im Interview erklärt der Professor für Meeresbiologie, warum man treibendes Plastik nicht einfach so aus dem Meer fischen darf.

          Bedeutet die hohe Konzentration von Plastik unter anderem rund um die Osterinseln, die Sie in der Fachzeitschrift „Frontiers in Marine Science“ veröffentlicht haben, dass es praktisch keine Meeresregion mehr gibt, die von Plastikmüll verschont bleibt?

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ja, Plastik ist in alle Meeresgegenden und in alle marinen Ökosysteme eingedrungen. Sogar in der Tiefsee, also auch im polaren Eis, hat man Plastik gefunden – und oft gar nicht so wenig. Da Plastik praktisch nicht abbaubar ist, verbleibt es sehr, sehr lange im System, Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte.

          Welche Art Müll haben Sie gefunden?

          Es gibt aus dem Südpazifik bisher keine Information zu Plastik in Walen, was aber wohl vor allem daran liegt, dass bisher niemand nachgeschaut hat. In Fischen, Schildkröten und vor allen in Seevögeln hat man allerdings oft Plastik gefunden: in Schildkröten vor allem größere Teile wie Tüten, Tütenreste, Flaschendeckel und so weiter. Und in Seevögeln und Fischen vor allem Mikroplastik, das nur wenige Millimeter groß ist. In Thunfischen und Haien hat man auch größere Teile gefunden. Vor allem betroffen sind Fische und Seevögel von den Osterinseln, die sich genau im Zentrum des südpazifischen Ozeans befinden – genau in der Zone, in der die große südpazifische Wirbelströmung all das treibende Plastik konzentriert. Auf seinem jahrelangen Weg mit den Meeresströmungen zerfällt Plastikmüll in kleine Fragmente, sogenanntes Mikroplastik. Und daher findet man insbesondere im Zentrum des Südpazifiks – wie auch im Zentrum der anderen Ozeane – sehr, sehr hohe Konzentrationen von Mikroplastik.

          Es gibt inzwischen einige technische Lösungsvorschläge: Wird es möglich sein, größere Mengen dieses Plastikmülls wieder aus der Meeren zu entfernen?

          Nein, es gibt keine Möglichkeit, das Plastik aus den Weiten der Ozeane wieder herauszuholen. Abgesehen von den enormen technischen Problemen, die mein Kollege Mark Lenz vor einigen Jahren treffend als „Science-Fiction“ bezeichnet hat, würde dies auch sehr große ökologische Schäden anrichten. Alles, was an der Ozeanoberfläche treibt, wird sofort von vielen Organismen besiedelt.