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Ostdeutsche Altlasten : Nachhilfe für den Englischlehrer

  • -Aktualisiert am

Wer muss Englisch lernen? Die Schüler? Oder zunächst mal die Lehrer? Bild: dpa

Ab in die Gastfamilie! So hieß es in Sachsen-Anhalt nicht für die Schüler sondern für die Englischlehrer. Denn bei denen klafften zum Teil gewaltige Lücken. Und es ging um mehr als nur die sächselnde Aussprache.

          An diese Studie aus dem Jahr 2009 denken die Englisch-Fachkollegen ostdeutscher Schulbehörden noch heute zurück. Die Kultusministerkonferenz testete damals in einem bundesweiten Ländervergleich Neuntklässler auf ihre Fremdsprachenkenntnisse. Für die neuen Bundesländer war das Ergebnis verheerend: Die Mehrheit der Schüler aus Ostdeutschland schloss beim Verstehen englischer Muttersprachler signifikant schlechter ab als gleichaltrige Westdeutsche - Schüler aus Sachsen-Anhalt belegten den vorletzten Platz.

          Eine Überraschung war das Ergebnis nicht: Die Mauer war 2009 zwar schon fast 20 Jahre gefallen, doch ostdeutsche Schüler litten weiter unter der sozialistischen Vergangenheit. Englischlehrer, die noch an DDR-Universitäten ausgebildet wurden, sprechen wahrscheinlich bis heute oft schlechter Englisch als ihre westdeutschen Kollegen. „Auslandserfahrung in England oder Amerika zu sammeln war zu DDR-Zeiten undenkbar: Die Mauer war schließlich im Weg“, sagt Siegfried Eisenmann, Direktor des Landesinstituts für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (Lisa). Oft mussten ostdeutsche Englischlehrer zudem noch Russisch lernen, das an Schulen weitaus häufiger unterrichtet wurde. „Bei solchen Kollegen war das Englisch natürlich etwas eingerostet“, sagt Eisenmann.

          Seine Kollegen hatten schon mehrfach versucht, das Englisch der älteren Lehrer in Sachsen-Anhalt aufzubessern. Meist kooperierte das Lisa dazu mit Universitäten und kleineren privaten Sprachschulen. „Doch das schlechte Ergebnis im Ländervergleich machte uns deutlich, dass wir eine Lösung im großen Stil finden mussten.“

          Sprachtraining mit Briten, Amerikanern und Iren

          In Sachsen-Anhalt begaben sich Lisa und das Kultusministerium auf die Suche nach einem Kooperationspartner und wurde im Jahr 2011 schließlich fündig: Statt mit Universitäten, Volkshochschulen oder privaten Sprachschulen in Deutschland zusammenzuarbeiten, gewannen sie das British Council als Partner, das weltweite britische Kulturinstitut. „Eine einzelne Universität hätte niemals so viele Englischlehrer fortbilden können“, sagt Lisa-Direktor Eisenmann. Das British Council hingegen, Pendant zum deutschen Goethe-Institut, konnte mit Kontakten zu Dutzenden Sprachschulen und Englischlehrern in England aufwarten, bot einen reichen Fundus an Lehrmaterial und hatte Erfahrung mit Großprojekten.

          Um die Aussprache der Englischlehrer aus Sachsen-Anhalt aufzufrischen, entwickelte Lisa gemeinsam mit dem British Council eine deutschlandweit einmalige Weiterbildungsaktion namens „Brush up your English“, für die sich Englischlehrer aus Sachsen-Anhalt bewerben mussten. Zwischen 2012 und 2014 nahmen 750 der insgesamt rund 2500 Fachkollegen teil - also ein Drittel der Englischlehrer des Bundeslandes.

          Ab in die Gastfamilie!

          Die Pädagogen trafen sich gruppenweise zum Sprachtraining mit Briten, Amerikanern und Iren, die es nach Sachsen-Anhalt verschlagen hatte, in Magdeburg, Halle an der Saale und weiteren Orten. Hinzu kamen Übungsgespräche mit einem Tutor über den Video-Telefondienst Skype. Zusätzlich reisten alle Lehrer zwei Mal für mehrere Wochen nach Großbritannien, besuchten dort Sprachkurse in Sprachschulen und Unterrichtsstunden in englischen Schulen. Während ihres Aufenthalts wohnten sie bei Gastfamilien. „Wir haben die Lehrkräfte in unterschiedliche Regionen Großbritanniens geschickt“, sagt Michael Croasdale, der beim British Council für das Brush-up-Programm verantwortlich ist. „Sie sollten nicht nur ihre Sprachkenntnisse verbessern, sondern auch unsere Kultur intensiv kennenlernen.“ Ziele also, die man üblicherweise Schülern mit auf den Weg gibt.

          Birgit Fromm, Teilnehmerin am Programm Brush up, hält immer noch Kontakt zu einigen ihrer Gastfamilien. Von der Fortbildung war die Englischlehrerin so begeistert, dass sie sowohl 2012 als auch 2014 an dem Programm teilnahm - und immer noch Alumni-Mitglied ist, um ihr Englisch weiter zu trainieren. „Ich habe meine Sprachkenntnisse durch das Programm stark verbessern können“, sagt Fromm, die Englisch, Deutsch und Musik an der Grundschule „Auf den Höhen“ in Thale im Harz unterrichtet. Ihr Fazit: „Dank der Auslandsaufenthalte kann ich die englische Kultur im Unterricht nun viel besser vermitteln als früher.“

          Lernen im Online-Kurs

          Lisa-Direktor Eisenmann freut sich natürlich, wenn Teilnehmer persönlich von dem Programm profitieren konnten. Er hofft allerdings, dass sich die Aktion auch für die Sprachkompetenz der Lehrer in ganz Sachsen-Anhalt bezahlt gemacht hat. In diesem Jahr findet wieder ein Ländervergleich unter Schülern in ganz Deutschland statt, die Ergebnisse werden voraussichtlich im kommenden Jahr erscheinen. „Wir hoffen, dass sich die Leistung von Schülern in Sachsen-Anhalt verbessert hat“, sagt Eisenmann.

          Auch andere ostdeutsche Bundesländer haben sich inzwischen nach der Englisch-Nachhilfe erkundigt, heißt es beim British Council. Die Verhandlungen laufen, die Finanzierung, die im Fall von Sachsen Anhalt aus dem Europäischen Sozialfonds stammte, ist noch nicht gesichert. Sachsen-Anhalt hingegen hat die nächste Kooperation mit dem British Council schon längst unter Dach und Fach: Seit März lernen 25 Lehrer in einem Online-Kurs, wie Inklusion im Klassenraum in Großbritannien funktioniert.

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