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Oldenburg : Informatik nur für Migranten

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An der Universität Oldenburg werden Zuwanderer in Informatik unterrichtet Bild: dapd

An der Universität Oldenburg werden Zuwanderer mit akademischem Vorwissen für den deutschen Arbeitsmarkt qualifiziert. Der Studiengang ist in Europa einzigartig.

          Als Nataliya Tsynman von dem Oldenburger Studiengang „Informatik für Migranten“ las, dachte sich die Zuwanderin aus der Ukraine: „Das könnte etwas für mich sein: Ich lerne ja gerne etwas Neues dazu.“ Zumal sie mit ihrem ersten Abschluss als Ingenieurin für Druckmetallbearbeitung in Deutschland nicht weit kam. Dabei wurde der ukrainische Abschluss sogar anerkannt, und sie hatte Berufserfahrung vorzuweisen. „Aber hier war die Technologie eine andere, und die Fachbegriffe waren es auch“, sagt Tsynman. „Zudem mögen die Arbeitgeber einen deutschen Abschluss lieber, unter dem sie sich etwas vorstellen können.“ Tsynman beriet zunächst andere Zuwanderer aus Osteuropa. „Doch im Bereich der Logik zu arbeiten interessierte mich sehr“, sagt die 40 Jahre alte Frau. Deshalb entschloss sie sich, noch einen Bachelor in Informatik zu machen - und zwar in dem eigens für Migranten aufgelegten Oldenburger Programm, das nach Angaben der Hochschule einmalig in Europa ist.

          2008 hat die Universität dieses Programm entwickelt, auch um dem Mangel an IT-Spezialisten zu begegnen. Ziel ist es, Zuwanderer mit akademischem Vorwissen für den deutschen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. „Die Leute bringen oft sehr gute fachliche Kenntnisse im theoretischen Bereich mit“, sagt Larissa Krekeler, eine der Koordinatorinnen des Programms. „Aber es fehlt ihnen oft an Praxis-Erfahrung, etwa im modernen Software-Engineering.“

          Asylberechtigte, Spätaussiedler oder anerkannte Flüchtlinge

          Krekeler unterstützt die Migranten bei Fragen zur Studienorganisation und im Umgang mit den Behörden. Der Studienplan wird genau auf die Bewerber zugeschnitten. Tsynman bekam zum Beispiel mathematische Leistungen aus ihrem Erststudium angerechnet, was ihren Bachelor verkürzt. Dafür hat sie zusätzliche Programmiersprachen belegt. Inzwischen ist Tsynman, die im fünften Semester studiert, von der theoretischen Informatik begeistert. „Ich überlege gerne, ob ein Programm überhaupt laufen kann, bevor es geschrieben wird.“

          18 Studierende zwischen 28 und 50 Jahren nehmen an dem Oldenburger Programm teil; 15 sind Frauen. Sie kommen aus Russland und der Ukraine, dem Irak, der Türkei und aus Südamerika. Manche sind Asylberechtigte, andere Spätaussiedler oder anerkannte Flüchtlinge. „Neben dem dauerhaften Aufenthaltsrecht müssen alle Bewerber einen Abschluss nachweisen, der dem deutschen Abitur vergleichbar ist“, sagt Koordinatorin Krekeler. Außerdem müssen sie die deutsche Sprache gut beherrschen. Um Lücken zu schließen, gerade bei den Fachbegriffen, wird ein Deutschkurs angeboten.

          780 Euro je Semester

          „Der Sprachkurs hat mir geholfen, das, was ich in der Informatik bereits kann, auch auf Deutsch zu verstehen und in Projekten umzusetzen“, lobt Nubia Fecht. Die 32 Jahre alte Frau aus Venezuela erkannte schnell, dass ihr Informatikabschluss aus der Heimat auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht viel zählte. Als die ehemalige Verwalterin einer Datenbank anfing, Spanisch zu unterrichten, merkte sie wie sehr ihr auch das Vermitteln von Wissen liegt. Nun verknüpft sie an der Oldenburger Universität Hispanik und Informatik für Lehramt, was in dem Migranten-Programm ebenfalls möglich ist. Bald will sie ihr Wissen an Schüler weitergeben. Das hat sie schon auf dem Informationstag der Universität getan, als sie Jugendlichen zeigte, wie sich ferngesteuerte Roboter bewegen lassen.

          Doch bis zum Abschluss liegt noch ein Stück Weg vor ihr und ihren Kommilitonen. Manche kämpfen dabei auch mit den Studienbeiträgen, die 780 Euro je Semester betragen. Für einen Nebenjob lasse das anspruchsvolle Studium wenig Zeit. „Ich kenne seit zwei Jahren keine Wochenenden mehr“, sagt Tsynman und fügt hinzu: „Doch danach fragt man nicht, wenn man etwas will - man muss es einfach machen.“

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