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Freiraum für Studenten : Gebt uns mehr Zeit für den Bachelor

  • -Aktualisiert am

Regelstudienzeit: Und was ist in der Praxis die Regel? Bild: dpa

In der Regelstudienzeit fertig zu werden ist längst nicht mehr die Regel. Studenten rufen nach mehr Freiraum. Um auch mal ein Buch lesen zu können oder für den Nebenjob.

          Franz Hartmann will sich zum Studieren Zeit lassen, ganz bewusst. „Ich habe mein Studium nicht deshalb begonnen, um in sechs Semestern eine Berufsausbildung auf dem Papier zu haben, sondern weil ich ein Anhänger der klassischen Universallehre bin“, sagt der 29-jährige Student der Politikwissenschaften, der nebenher beim Göttinger Institut für Demokratieforschung jobbt und sich in ehrenamtlicher Jugendarbeit engagiert. Seinen Masterstudiengang an der Universität Göttingen sollte Hartmann laut Prüfungsordnung am besten in vier Semestern abschließen, mittlerweile steckt der Student schon im sechsten Fachsemester. „Damit habe ich persönlich überhaupt kein Problem“, sagt Hartmann. Viel lieber investiere er Zeit in Praktika oder einen Auslandsaufenthalt, um möglichst viel Erfahrung in seiner Studienzeit anzusammeln.

          Franz Hartmanns Weg ist eher die Regel als die Ausnahme. Er verkörpert auch nicht das, was man früher einen Bummel- oder Langzeitstudenten nannte. Länger zu studieren, als es vorgesehen ist, ist an deutschen Hochschulen heute normal. Wie das Statistische Bundesamt Anfang Februar mitteilte, erwarben im Prüfungsjahr 2012 nur 39,3 Prozent aller Hochschulabsolventen in Deutschland einen Abschluss innerhalb der Regelstudienzeit. Mit anderen Worten: Noch nicht einmal die Hälfte der Studierenden schafft ihren Abschluss innerhalb des vom Bachelor-/Master-Systems vorgegebenen Rahmens. Was ist das für eine Regelstudienzeit, an die sich kaum jemand hält?

          Je nach Fachbereich variiert die durchschnittliche Studiendauer teilweise erheblich: So schaffen 90,5 Prozent der Verwaltungswissenschaftler, 52,7 Prozent der Sozialpädagogen und 50,4 Prozent der Sozialwissenschaftler ihren Abschluss innerhalb der Regelstudienzeit. Kulturwissenschaftler wie Romanisten (28,8 Prozent) oder Slawisten (26,3 Prozent) dümpeln hingegen weit unterhalb des Durchschnitts herum. Bei Wirtschaftswissenschaftlern liegt der Anteil der Absolventen innerhalb der Regelstudienzeit bei 42,7 Prozent, bei Informatikern bei 31,5 Prozent. „Diese unterschiedlichen Werte kommen dadurch zustande, dass die Fächer unterschiedlich stark durchorganisiert sind“, erklärt Professor Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Während zum Beispiel in den Verwaltungswissenschaften der Studienverlauf relativ stringent vorgezeichnet sei, würden Geisteswissenschaftler auch mal in andere Fächer schnuppern oder ins Ausland gehen und damit eben länger brauchen.

          Dass die Mehrzahl deutscher Studierender die Regelstudienzeit nicht einhält, überrascht in der Hochschullandschaft niemanden - und doch zieht die neuste Studie des Statistischen Bundesamtes einige Ansätze der auf Effizienz getrimmten Bachelor-Master-Reform grundsätzlich in Zweifel: „Man muss sich der Frage stellen, ob das mit der Bologna-Reform angestrebte verschulte Lernen wirklich sinnvoll ist“, fasst Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes, zusammen. „Die Einführung von Bachelor und Master war mit dem Ziel angetreten, die Studienzeiten zu verkürzen. Die neusten Zahlen belegen, dass dieses Ziel nicht erreicht wurde.“ Bachelorstudiengänge haben an deutschen Universitäten zumeist eine Regelstudiendauer von sechs, an Fachhochschulen von meist sieben Semestern. Masterstudiengänge haben eine Regelstudiendauer von zwei bis vier Semestern. „Es zeigt sich jetzt, dass ein Studium auch Freiheiten braucht und nicht zu sehr reguliert werden darf“, sagt Jaroch.

          Dabei war die Festlegung einer Regelstudienzeit ursprünglich als Absicherung für Studierende gedacht: Hochschulen sollten ihre Studiengänge so konzipieren, dass sie in der vorgegebenen Zeit bewältigbar sind und Hochschüler nicht während ihres Studiums die Streichung ihres Faches aus dem Angebot der Universität befürchten müssen. „Heute gilt die Regelstudienzeit als Bringschuld der Studierenden, die in dieser Zeit fertig werden müssen, weil sie sonst angeblich ihr Studium verbummeln würden“, klagt Katharina Mahrt, Vorstand des Freien Zusammenschlusses von Studentinnenschaften in Deutschland (FZS). „Dieser Ansatz ignoriert aber zum Beispiel die Studierenden, die neben dem Studium zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes arbeiten müssen, oder Studierende mit Kindern.“

          Wichtig ist die Regelstudienzeit aber auch für Studenten, die Bafög bekommen. Denn die staatlich finanzierte Förderung der Studienausbildung wird in der Regel nur bis zum Ende der in den Prüfungsordnungen angesetzten Regelstudiendauer gezahlt. Wer darüber hinaus gefördert werden will, muss einen Antrag stellen, in dem triftige Gründe wie Krankheit oder Schwangerschaft für die Überziehung der Regelstudienzeit nicht nur genannt, sondern auch belegt werden müssen. Hat die Verzögerung einen anderen Grund gehabt oder lässt sich ein gesetzlich anerkannter Grund nicht nachweisen, so besteht nur die Möglichkeit, Studienabschlusshilfe zu beantragen und auf Basis eines Volldarlehens gefördert zu werden. Auch bei einem Rückzahlungserlass spielt die Regelstudienzeit eine Rolle: Je schneller ein Studium beendet wurde, desto weniger muss ein Absolvent von dem teils als Darlehen, teils als Zuschuss gezahlten Bafög-Betrag zurückzahlen. Angesichts der aktuellen Zahlen, nach denen eine Überschreitung der Regelstudienzeit den Normalfall darstelle, fordert der Freie Zusammenschluss der Studentinnenschaften eine Überarbeitung der Bafög-Regularien: „Die maximale Förderung des Bafög muss von der Regelstudienzeit losgelöst werden, weil Studierende sonst gegen Ende ihres Studiums unverschuldet in finanzielle Notlage geraten“, fordert FZS-Vorstand Jan Cloppenburg.

          Für Achim Meyer auf der Heyde, den Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes, wäre schon mit der Verlängerung des Bachelor-Studiums von sechs auf acht Semester ein vernünftiger Anfang getan. „Die Stofffülle und der Ablauf von Modulen muss so organisiert sein, dass das Studium studierbar bleibt.“ Grundsätzlich offenbarten die aktuellen Zahlen zur Studiendauer einen Zustand der Fehlorganisation an den deutschen Hochschulen, viele Lehrpläne seien überfrachtet, sagt Meyer auf der Heyde.

          Auch nach Meinung der Studierenden liegt das Hauptproblem an der Überschreitung von Regelstudienzeiten in mangelhaften Lehrplänen, die überarbeitet werden müssen. Da in der Statistik die Hochschulen in Thüringen besonders schlecht abschneiden, sahen sich dort ansässige Studierendenschaften veranlasst, die Fehlplanungen ihrer Hochschulen offenzulegen. Danach sei die Arbeitsbelastung mit Pflichtveranstaltungen und Praktika in Thüringen derart hoch, dass das verlangte Pensum in der Regelstudienzeit einfach nicht zu schaffen sei. „Das Konzept der genormten Studiendauer ist aus unserer Sicht überholt“, sagt Christian Schaft, Sprecher der Konferenz Thüringer Studierendenschaften. Es werde weder den Studierenden gerecht, noch könnten die Hochschulen die notwendigen Rahmenbedingungen zur Einhaltung der Zeit bieten. Meyer auf der Heyde sieht die Hochschulen deshalb nun in der Pflicht, ihre Lehrpläne zu verlängern und auch durch mehr Personal die individuelle Betreuung der Studierenden auszubauen.

          Auch aus Sicht des Hochschulverbandes wurden die Vorgaben der Bologna-Reform an den Hochschulen allzu bürokratisch umgesetzt und durch den Verwaltungsapparat aufgepfropft, ohne die Realität der Studierenden zu berücksichtigen. „Bislang wurden Probleme als Kinderkrankheiten bagatellisiert. Die Zahlen zeigen jedoch, dass hier etwas geändert werden muss“, sagt Jaroch, der ebenfalls die Befreiung des Bachelors aus dem „Sechs-Semester-Korsett“ für sinnvoll hält.

          Keinen Grund für Schwarzmalerei sieht hingegen der CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. Für ihn ist das Hochschulsystem insgesamt auf einem guten Weg. „Insgesamt liegen die durchschnittlichen Studienzeiten heute weit unter den Zahlen, die wir noch zu Zeiten des Diploms hatten“, sagt Ziegele und verweist darauf, dass der Anteil der Studienabschlüsse innerhalb der Regelstudienzeit auf 77 Prozent steige, wenn man zur Regelstudienzeit noch zwei Folgesemester hinzuzähle. „Das ist ein relativ hoher Wert, der belegt, dass Studieren in Deutschland in den vergangenen Jahren sehr viel effizienter geworden ist.“

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