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Numerus clausus in Medizin : Eins Komma null

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In Österreich Biologie studieren

So oder so, Polen war für sie nicht das Richtige, sie hat ihr Studium abgebrochen. Heute macht sie eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und hofft auf ihre einzige verbliebene Chance - die Wartezeit. Sie würde ja gerne zur Überbrückung Physiotherapie oder Biologie studieren, aber Studien an deutschen Hochschulen werden nicht als Wartesemester anerkennt. Sie kenne Kandidaten, die in Österreich Biologie studieren, um diesem Dilemma zu entkommen und sich danach mit mehr Wartesemestern wieder in Deutschland in ein höheres Semester zu bewerben. Die entsprechenden Scheine würden anerkannt. Allerdings: „Leider ist die Idee nicht neu, weshalb man auch auf diesem Weg mit vielen Konkurrenten rechnen muss.“ Ihr Ziel bleibe es trotzdem, Hausärztin auf dem Land zu werden. „Das ist eigentlich genau das, was Deutschland händeringend sucht, und trotzdem darf ich nicht studieren.“

Da müsste sie mal Dirk Naumann zu Grünberg hören. Der sagt: „Es ist traurig, dass Abiturienten diese Umwege gehen müssen. Der Weg ins Ausland ist so etwas wie der Plan B, und auch aus einem Plan B kann man eine tolle Zeit machen. Es ist aber eine Gemeinheit gegenüber denen, die sich als Arzt für die Gesellschaft engagieren wollen.“

Nationale Alternativen in diesem Sinne als Plan C zu bezeichnen, würde den sogenannten Medical Schools in Deutschland sicher nicht gefallen - sehen sich Standorte wie Hamburg, Kassel oder Nürnberg, die mit ausländischen Hochschulen kooperieren, doch als hochwertige Adressen neben den staatlichen Angeboten. Allerdings gab es zuletzt reichlich Diskussionen, wie seriös, vor allem wie wissenschaftlich fundiert die zwar anerkannte, aber polarisierende Medizinerausbildung dort ist. Mancherorts werde allenfalls auf Fachhochschulniveau ausgebildet, so der Vorwurf. Vor allem Nürnberg mit seiner Kooperation mit einer Privatuniversität in Salzburg stand regelrecht am Pranger. Johanna Weber, die Vizepräsidentin für Hochschulmedizin und Gesundheit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), spricht zwar von einer sinnvollen Ergänzung. Private Angebote könnten dazu beitragen, das Missverhältnis zwischen Nachfrage und Studienplatzangebot in Deutschland zu lindern. Allerdings: „Entscheidend ist, dass diese Angebote den wissenschaftlichen Standards einer universitären Ausbildung entsprechen. Auch die neuen Standorte müssen sich am Leitbild des wissenschaftlich und praktisch ausgebildeten Arztes der Approbationsordnung ausrichten. Und dies ist unseres Erachtens nicht bei allen Standorten der privaten Medizinerausbildung gewährleistet.“

Private Medical Schools kosten viel Geld

Die neuen Modelle ließen teilweise nicht hinreichend erkennen, dass die Qualitätsstandards in Forschung und Lehre gewährleistet werden. Vielerorts seien vor allem in der Krankenversorgung tätige Ärzte für die Lehre in den klinischen Fächern gewonnen worden. Und die klinisch-theoretischen Fächer seien nicht überall ausreichend abgedeckt. Andererseits: Die Einbindung einer ausländischen Universität begründe nicht gleich den Verdacht, dass deutsche Standards unterlaufen werden.

Frank Wissing, der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages, klingt da schon etwas skeptischer. „Ein Studium an einer privaten Medical School ist mit Studiengebühren von etwa 50.000 bis 115.000 Euro kostenintensiv“, sagt er. „Damit dürfte der vereinfachte Zugang doch nicht für alle Bewerber möglich sein.“ Ob über diese Auswahlkriterien ausreichend qualifizierte Studenten gewonnen und zu guten Ärzten ausgebildet werden können, müsse sich erst noch zeigen. Das gilt auch für einen der Hauptvorwürfe - nämlich dass von den privaten Anbietern gewissermaßen Schmalspur-Mediziner ausgebildet würden, provokativ formuliert: der Dr. med light. Mit entsprechend schlechteren Aussichten am Arbeitsmarkt. Wissing sagt: „Da noch keine der Studierenden-Kohorten an den Medical Schools ihr Studium abgeschlossen hat, ist es noch zu früh, um die Ergebnisqualität zu beurteilen. Die gelegentlich geäußerte Hoffnung, dass die an Medical Schools ausgebildeten Ärzte vorwiegend in den unterversorgten Regionen tätig sein werden, halte ich aber für naiv.“

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