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Numerus clausus in Medizin : Eins Komma null

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Grundpfeiler der Medizinerausbildung in der Europäischen Union ist die Berufsanerkennungsrichtlinie der EU. Danach muss eine Universität Träger der Ausbildung sein, nur für die klinische Praxis dürfen außeruniversitäre Einrichtungen - in der Regel Kliniken - eingebunden werden. Das gilt auch für Kooperationen zwischen Hochschulen im europäischen Ausland mit inländischen Kliniken. Allerdings sind die Kosten deutlich höher. Ein Semester in Sofia kostet 4000 Euro, in Wien sind es 11.000 Euro. Das Gros bewegt sich irgendwo dazwischen.

Die klinische Phase ist meist der Zeitpunkt für die Rückkehr

Fragt sich nur, wann die Ausweichler wieder in die Heimat zurückkehren. Es gebe zwar jene Studenten, die länger bleiben, als sie anfangs denken - die Universität Vilnius etwa sei so gut, dass von den rund 20 deutschen Studenten im Jahr nur drei bis vier das Land nach der Vorklinik wieder verlassen. Der Rest studiere dort einfach zu Ende. Allerdings ist der Eintritt in die klinische Phase - dann also, wenn im Umgang mit Patienten die fremde Sprache eine größere Rolle spielt - meistens der Zeitpunkt des Abschieds. Dann folgt oft der zweite Versuch, doch noch in Deutschland Fuß zu fassen. Mittels der jetzt längeren Wartezeit - oder per Klage in ein höheres Semester. Kostenpunkt: 12.000 bis 15.000 Euro.

Zu Grünberg, nebenbei Vertrauensanwalt der Deutschen Hochschulstiftung, ist einer jener Spezialisten, die Universitäten nachzuweisen versuchen, dass sie bei der Angabe ihrer Kapazitäten untertrieben haben und eigentlich doch mehr Studenten aufnehmen könnten - zum Beispiel seine Mandanten. Es gibt regelrechte Klagelisten mit den aussichtsreichsten Universitäten. Er hat zwischen 15 000 und 20 000 Verfahren betreut, wie er sagt, warnt aber trotzdem vor Überschwang: Die Verfahrensdauer sei lang, der Ansturm enorm. Beim Klageweg sei inzwischen eine Kapazitätsgrenze erreicht. Der vorübergehende Weg ins Ausland nach dem Abi wirkt da schon angenehmer. Es gebe ja auch einige seriöse Anbieter. Allerdings: „Grundsätzlich ist das ein völlig unregulierter Bereich, in dem jeder erzählen kann, was er will. Deshalb gibt es auch schwarze Schafe.“ Ein Hinweis auf jene vermeintlich exzellenten Auslandsuniversitäten, die hier und da angeboten, deren Leistungsnachweise in Deutschland aber nicht anerkannt werden. Ein Konkurrent von Medistart sei hier mal mit einem eher zweifelhaften Angebot in Bulgarien besonders negativ aufgefallen.

Auch Clara, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil sie sich noch um einen Studienplatz in Medizin bewerben will, hat schlechte Erfahrungen gemacht. Nach berufsorientierenden Psychologietests und Praktika im Krankenhaus wollte sie Ärztin werden - wie der Vater. Ihre Abiturnote: 2,2. Für Deutschland zu schlecht, für eine Bewerbung an einer polnischen Universität kein Problem. Nach einem sogenannten Vorsemester Medizin in Deutschland, eine Art Vorbereitungskurs ihrer Vermittlungsagentur für 2500 Euro, kam sie schließlich nach einem Aufnahmetest an die Universität Olsztyn (Allenstein) nach Polen. Das Semester kostete 6700 Euro, aber in Gesprächen mit Kommilitonen aus Schweden - auch dort ist die Nachfrage größer als das Angebot - erfuhr sie, dass diese pro Jahr knapp 1000 Euro weniger bezahlen mussten. Die deutschen Betreuer vor Ort seien am Ende auch nur mäßig interessiert gewesen - anders als nach den blumigen Präsentationen zu erwarten war. Außerdem seien noch mehr Kosten hinzugekommen, für Bewerbungen und weitere Vorbereitungskurse etwa. Von Studenten aus anderen Auslandsuniversitäten habe sie aber auch schon viel Gutes gehört, besonders aus Riga und Budapest.

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