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Noteninflation : Einser für alle

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

In manchen Fächern gibt es nur noch gute Noten. Nicht jeden Studenten erfreut das. Denn diese Inflation entwertet die Zeugnisse - und stellt Arbeitgeber vor Probleme.

          Annika Weinert ist eine der besten Studentinnen ihrer Universität. Ihre Abschlussnote wird das aber nicht verraten. Die 24 Jahre alte Studentin der Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg ist mit ihrem Notendurchschnitt von 1,3 nämlich nur eine von vielen. „Sehr gute Noten werden sehr häufig vergeben“, sagt Weinert. Positiv abgrenzen konnte sie sich nur mit zusätzlichem Engagement. Sie hat etwa die Hochschulgruppe der SPD an ihrer Universität gegründet, den niedersächsischen Wissenschaftspreis gewonnen und ist auch schon Lehrbeauftragte.

          Wer auffallen will, muss mehr vorweisen als gute Noten. Das ist eine Folge der Inflation von sehr guten Noten an Schulen und an vielen Fakultäten. Dass es diese Noteninflation gibt, ist unstrittig. Der Wissenschaftsrat, ein Beratergremium der Bundesregierung, hat im November vergangenen Jahres den dritten Arbeitsbericht „Prüfungsnoten in Hochschulen“ vorgelegt. Das Ergebnis: Die Noten „sehr gut“ und „gut“ wurden im Prüfungsjahr 2011 an knapp 80 Prozent der Diplom- und Magister-Absolventen vergeben. Das war ein Anstieg von 9 Prozent, verglichen mit 2000.

          Noten durch Effekte beeinflusst, die „mit der Leistung nichts zu tun haben“

          Manchen Politiker freut das. Bildungspolitiker haben es sich schließlich zum Ziel gesetzt, die Prüfungsergebnisse zu verbessern nach dem schwachen Abschneiden deutscher Schüler in ersten Pisa-Vergleichstests. Sitzenbleiben ist mittlerweile fast nirgendwo in Deutschland mehr möglich. Derweil steigt auch die Akademikerquote, und auch der akademische Nachwuchs an den Hochschulen bekommt immer bessere Noten.

          Wolfgang Marquardt, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, mahnt, die Noten würden durch Effekte beeinflusst, die mit „der Leistung der Studenten nichts zu tun haben“. Das Niveau der Abschlussnoten unterscheidet sich so etwa von Studienfach zu Studienfach enorm. Die Fächergruppen Kunstwissenschaften (Durchschnitt-Examensnote 1,7) oder Kultur- und Sprachwissenschaften (1,9) weisen viel bessere Durchschnittsnoten auf als Staatsexamina der Juristen (3,0) oder Maschinenbau-Abschlüsse (2,3).

          „Bei einer Eins vor dem Komma beschwert sich keiner“

          Die Studentin der Kulturwissenschaft Johanna Hartenstein, die ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, erklärt sich die gute Notenvergabe mit der Bequemlichkeit der Dozenten: „Bei einer Eins vor dem Komma hat sich bislang noch kein Student beschwert.“ Besonders in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, in denen mehr Aufsätze oder Seminararbeiten geschrieben würden, gäbe es kein so eindeutiges „richtig oder falsch“. Komplexe Argumentationen sowie Literaturrecherche zu bewerten dauert länger. Das Kalkül der Lehrenden: bessere Noten für die Studenten, weniger Diskussionen in der Sprechstunde, mehr Zeit für die eigene Forschung. Denn für ihre Karriere ist es wichtig, dass sie gute Forschungsleistungen bringen - und nicht eine ausgewogene und differenzierte Rückmeldung für die Studenten leisten. Einmal, sagt Johanna Hartenstein, habe sie eine „besonders gute“ Hausarbeit wiederbekommen: eine glatte 1,0 auf dem Deckblatt - ohne dass nur eine Seite der Arbeit geknickt oder ein Kommentar im Fließtext gestanden hätte.

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