https://www.faz.net/-gyl-10z0h

Neue Lehrmethoden : Virtuelle Patienten, reale Reformen

Bild: F.A.Z. - Tresckow

Das praxisferne Pauken hat Generationen angehender Ärzte verzweifeln lassen. Jetzt stellen immer mehr Reformmodelle das Medizinstudium vom Kopf auf die Füße. Endlich mehr Praxisbezug.

          Bologna? Nein, danke. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge, mit der ihre Kommilitonen in anderen Fächern zu kämpfen haben, spielt für Medizinstudenten in Deutschland bislang keine Rolle. Eine Richtlinie des Europarates regele seit 1993 die Vergleichbarkeit der Abschlüsse und damit die Freizügigkeit von Medizinern, argumentiert etwa die Bundesärztekammer, ein Hauptziel des Bologna-Prozesses sei damit schon erreicht. Und die Reform der Ausbildung, die habe man ja selbst längst in die Hand genommen. Nicht Bologna, sondern die neue Approbationsordnung ist hier das Zauberwort.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was nach ermüdender Lektüre klingt, hat seit 2002 vielerorts das Medizinstudium vom Kopf auf die Füße gestellt. "Wir brauchen mehr Praxisbezug schon in den ersten Semestern", nennt Leo Steinmeyer die studentische Dauerforderung, die jetzt nach und nach erfüllt wird. Sie selbst ist in Marburg für Humanmedizin eingeschrieben und Mitglied im Studienausschuss der medizinischen Fakultät. Während früher viele Studenten erst im elften oder zwölften Semester mit Patienten in Kontakt kamen, setzen inzwischen fast alle Hochschulen auf integrative Modelle.

          Immer am konkreten Fall

          Als die Berliner Charité und die private Universität in Witten-Herdecke (lesen Sie über das Wittener Medizinmodell: Näher dran sein ) ihre Reformstudiengänge entwickelten, waren sie noch Pioniere; inzwischen gehen auch die TU Dresden, die Medizinische Hochschule Hannover, die RWTH Aachen, die Universität zu Köln und die Universität Heidelberg eigene Wege in der Ausbildung. Aber auch in Marburg, wo kein solches Modell angeboten wird, haben neue Lehrmethoden Einzug gehalten. Im "Skills Lab" können die Studenten seit diesem Semester den Umgang mit Simulationspatienten, eigens geschulten Schauspielern, üben (lesen Sie dazu Medizinerausbildung: Simulanten hinter Spiegelglas). "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Steinmeyer, die seit fünf Semestern an der Lahn studiert. Weitere Punkte auf den studentischen Wunschlisten sind nicht nur dort das sogenannte problemorientierte Lernen oder "bedside teaching" sowie die Einrichtung von Trainingszentren. Die Inhalte der Einzelfächer, das vereint die Ansätze, sollen nicht mehr getrennt voneinander gepaukt, sondern am konkreten Fall angewandt und verstanden werden. So soll das Studium wieder attraktiver werden. Die Wende ist offenbar überfällig, denn schon jetzt fehlt es auf dem Land an niedergelassenen Ärzten und an vielen Hochschulen an forschenden Medizinern.

          Ein weiterer Kritikpunkt aus der Vergangenheit: Die einst so raren Übungsmöglichkeiten sollen vervielfacht werden. In Heidelberg haben sich die Anatomen zu diesem Zweck etwas Besonderes einfallen lassen. Die Medizinausbildung der traditionsreichen Hochschule belegt in den einschlägigen Ranglisten regelmäßig Spitzenplätze, doch ein guter Ruf trägt sich nicht von selbst. Das "Heidelberger Curriculum Medicinale" und in Deutschland bislang einzigartige Einrichtungen wie der "virtuelle Präpariersaal" halten ihn frisch. Auf dem Gelände der medizinischen Fakultät auf dem "Neuenheimer Feld", wo die Mauern grau an grau beisammenstehen und im Herbstregen wenig einladend wirken, ist davon zwar zunächst wenig zu ssehen. Doch in Gebäude 307, dessen Fensterscheiben einen Blick in Übungsräume mit Skeletten und Kunststoffmodellen von menschlichen Körperteilen erlauben, ist die Innovation zu Hause.

          Weitere Themen

          Papa im Dienstwagen

          Arbeitswelt : Papa im Dienstwagen

          Während die Kinder freitags für den Klimaschutz auf die Straße gehen, fahren die Eltern zur Arbeit – mit dem Dienstwagen. Aber wer hat eigentlich ein Dienstfahrzeug?

          Topmeldungen

          2007 sitzt Kanzlerin Angela Merkel von dem Eqi Gletscher in Dänemark – heute ist der Klimawandel eine ihrer größten Herausforderungen. (Archivbild)

          Klimapolitik der CDU : Die größte Baustelle der Merkel-Ära

          Die CDU will endlich den gordischen Klima-Knoten durchschlagen. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn der Preis auf Kohlendioxid nicht so endet wie die Energiewende.

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch seine Gespräche mit Kommissionschef Juncker blieben ohne konkretes Ergebnis. Das erste Treffen zwischen den beiden Politikern findet ein kurioses Ende.
          Samstagabend in Lampedusa: 82 Gerettete wurden an Land gebracht

          Italien und die Seenotrettung : Vorübergehend berechenbar

          Die neue Regierung in Italien dreht im Streit über private Seenotretter bei. Doch das Grundproblem des Dubliner Übereinkommens bleibt bestehen. Regierungschef Conte verlangt Reformen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.