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Pflegende Studenten : Nach der Vorlesung noch Oma pflegen

  • -Aktualisiert am

Empathie kostet Kraft. Bild: dpa

Wer sich im Studium um einen Angehörigen kümmern muss, stößt schnell an seine Grenzen. Weil manche Uni wenig hilft, werden Studenten zu Einzelkämpfern.

          Moritz Bellheim hätte eigentlich zur Uni gemusst. Stattdessen hockt der 26-Jährige an diesem Nachmittag im Badezimmer seiner Großmutter und hilft ihr aus der Wanne. Plötzlich verzieht die alte Frau das Gesicht und klammert sich an ihn. „Ist dir schlecht?“, fragt Bellheim beunruhigt. Sie nickt, übergibt sich. Ihre Augenlider flattern, klappen zu – dann rührt sie sich nicht mehr. Bellheim hat Angst, er ruft den Krankenwagen. Stirbt sie jetzt?, fragt er sich voller Panik. Der Notarzt kommt, er stabilisiert die Großmutter. Dehydrierung, sagt er.

          Es ist das Jahr 2016. Die Demenz von Bellheims Großmutter hatte zwei Jahre zuvor begonnen. Der Student aus Erlangen entschied sich damals, zusammen mit seinem Onkel und seinen beiden Cousins die Pflegeverantwortung zu übernehmen. Er wurde Vormund seiner Großmutter, bekam einen Betreuerausweis. Mindestens drei Tage in der Woche besucht Bellheim seine Oma im nahegelegenen Fürth, wäscht sie, setzt ihr Hörgerät und Gebiss ein, schmeißt den Haushalt. Er steht regelmäßig um fünf Uhr morgens auf, um die 99-Jährige um sieben Uhr zur Blutabnahme zu bringen. Er kümmert sich um ihre Finanzen, richtet Daueraufträge ein und besorgt Grundbucheinträge. Der heute 26-jährige Bellheim gehört zu einer weitgehend unbekannten Anzahl junger Menschen, die parallel zu ihrem Studium einen Angehörigen pflegen.

          Im Jahr 2017 pflegten rund 230.000 Jugendliche in Deutschland ein Familienmitglied, heißt es im Report „Junge Pflegende“ des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP). Aktuelle Zahlen dazu, wie viele der jungen Pflegenden gleichzeitig studieren, gibt es jedoch kaum. Im Jahr 2011 ergab eine Umfrage an der Universität Bielefeld immerhin, dass 292 ihrer Studenten in die Pflege eines Angehörigen eingebunden waren. Von den Studenten, die ihr Studium unterbrechen, nennen fünf Prozent als Grund die Pflege von Angehörigen, zeigt die aktuellste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks.

          „Ich wollte nicht einfach davonlaufen“

          Das dürftige Zahlenmaterial legt nahe, dass die Situation pflegender Studenten in der Gesellschaft kein Thema ist. Und das, obwohl die Bevölkerung immer älter wird, immer mehr Menschen pflegebedürftig werden – und damit potentiell auch mehr junge Menschen eine Pflegeaufgabe übernehmen müssen. Etwa 3,4 Millionen Pflegebedürftige gab es im Jahr 2017 in Deutschland, zeigt die aktuelle Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes. Drei Viertel der Pflegebedürftigen wurden zu Hause gepflegt, 1,76 Millionen davon allein von Angehörigen.

          Für Moritz Bellheim war es selbstverständlich, seiner Großmutter zu helfen. „Als Kind war ich oft bei ihr, sie hat sich immer gekümmert. Als sie krank wurde, war für mich klar, dass ich jetzt für sie da sein muss“, sagt er. Anfangs ärgerte er sich zwar oft, wenn er samstagabends nicht mit auf eine Party konnte, weil er sonntags zu seiner Großmutter fahren sollte. Doch er arrangierte sich mit solchen Einschränkungen. „Es ist ja meine Oma. Ich wollte nicht einfach davonlaufen, wenn es schwierig wird“, sagt Bellheim.

          So wie er denken viele junge Menschen mit Pflegeverantwortung, sagt die Psychologin Imke Wolf. Als Leiterin der Psychologischen Online-Beratung der Plattform „Pflegen und leben“ hat sie regelmäßigen Kontakt zu Jugendlichen und Studenten, die Angehörige pflegen. Erkrankt jemand aus der Familie schon früh, empfänden viele junge Menschen ein „Dauerverpflichtungsgefühl“, sagt Wolf. Und zwar zum Teil aus ganz praktischen Gründen: „Gerade junge Menschen sind oft finanziell abhängig von ihrer Familie. Ihnen bleibt mitunter gar nichts anderes übrig, als für sie zu sorgen.“

          Angebote oft unbekannt

          Studenten stehen hierbei vor einer besonderen Herausforderung, müssen sie für ihr Studium doch häufig aus der Heimat wegziehen. Für sie kann die Pflege eines Angehörigen sogar das Aus fürs Studium bedeuten. Zwar gibt es die Möglichkeit, Urlaubssemester zu beantragen. Allerdings können Studenten sich nicht an jeder Hochschule gleich lang beurlauben lassen. Schon innerhalb eines Bundeslandes unterscheiden sich die Regeln: An der Universität Erlangen etwa sollte ein pflegender Student nicht mehr als zwei Urlaubssemester nehmen. An einem anderen bayerischen Studienort, in Würzburg nämlich, ist dagegen nur ein Urlaubssemester möglich – mit Verweis auf das Pflegezeitgesetz, das eine Höchstdauer dieser Zeit von sechs Monaten vorsieht. Zudem sehen nicht alle Hochschulen in der Pflege eines Angehörigen überhaupt einen Grund für ein Urlaubssemester. Nicht zuletzt gibt es während eines Urlaubssemesters meist kein Bafög – und deshalb können es sich Studenten mitunter gar nicht leisten, sich freistellen zu lassen.

          Zu der zeitlichen und oft auch finanziellen Belastung kommt der wachsende Leistungsdruck an den Universitäten. „Wer nicht Schritt halten kann, weil er jemanden pflegt, stößt damit nicht überall auf Verständnis“, sagt Psychologin Wolf. Viele Unis bieten zwar Beratungen und psychologische Sprechstunden für Studenten an, die sich um ihre Familie kümmern. Dabei sprechen sie jedoch vor allem Studenten mit Kind an. Doch selbst wenn sich Angebote ausdrücklich an pflegende Studenten richten, werden sie nicht unbedingt wahrgenommen. Auf Anfrage heißt es etwa von der Uni Würzburg, dass sich dort bisher noch keine Studenten mit Pflegeverantwortung gemeldet hätten.

          Moritz Bellheim wurde nur durch Zufall auf das Angebot der Uni Erlangen aufmerksam. „Eines Tages bekam ich eine Mail vom Familienservice, in der es um pflegende Angehörige ging“, erzählt er. „Dass es solche Angebote gibt, hatte ich nicht gewusst. Also bin ich zu dem Vortrag gegangen, wo eine Seelsorgerin auf mich zukam.“ Sie nahm ihn mit in einen Gesprächskreis für pflegende Angehörige, in dem er sich bis heute alle zwei Wochen über seine Pflegeerfahrungen austauscht. Die Teilnehmer des Gesprächskreises helfen ihm, mit der Dauerbelastung umzugehen.

          Viele wünschen sich mehr Entlastung

          Für Menschen, die einer besonderen psychischen Belastung ausgesetzt sind, kann eine solche Vernetzung überlebenswichtig sein. Davon ist Julika Stich überzeugt. Die Gründerin der Lübecker Initiative „Young Helping Hands“ hat selbst 17 Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt und währenddessen eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Mit ihrer Initiative setzt sie sich nun für junge Menschen in ähnlichen Situationen ein. Was sie durchgemacht hat, entspreche den Erfahrungen vieler anderer Betroffenen, sagt Stich: „Ich hatte ständig Angst, dass ich nicht im richtigen Moment für sie da bin. Morgens war ich oft nicht fit, wenn meine Mutter nachts nach mir gerufen hatte. Das hat natürlich auch meine Leistungen gemindert.“ Erst rückblickend sei ihr bewusst geworden, dass sie jahrelang nicht an sich selbst gedacht hatte und nur für ihre Mutter da war. „Den meisten jungen Menschen ist gar nicht klar, dass sie pflegen. Sie nehmen es einfach so hin.“ Stich versucht, die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren.

          Viele pflegende Studenten wünschen sich mehr Entlastung. „Ganz wichtig ist es, die Pflegeverantwortung langfristig auf mehrere Schultern zu verteilen“, sagt Psychologin Wolf. Dabei gebe es verschiedene Möglichkeiten: Tagespflege, ehrenamtliche Helfer, soziale Dienste – und andere Familienmitglieder. Auch Moritz Bellheim brauchte Unterstützung, als die Demenz der Großmutter immer mehr zunahm. Im Jahr 2015 hatte der Student sein Germanistik-Masterstudium begonnen, war jedoch zunehmend mit der Pflege seiner Großmutter beschäftigt. Bis sie im Jahr 2016 im Badezimmer zusammenbrach. Mit damals 24 Jahren war das eine enorme Belastung für Bellheim – und gleichzeitig ein Wendepunkt. Denn die Familie entschied nach dem Vorfall, die Großmutter in einem Pflegeheim unterzubringen. Eine Entlastung, die Bellheim brauchte, um sein Studium zu beenden. Wegen der Pflegeverantwortung hatte er länger gebraucht als üblich, musste einen Verlängerungsantrag an der Uni stellen. Seinen Abschluss machte er dann im vergangenen Jahr. Im selben Jahr starb seine Großmutter – im Alter von 101 Jahren. Bellheim hat inzwischen ein Volontariat bei einer Tageszeitung begonnen. Er weiß schon jetzt: Wenn er sich einmal ein Haus kauft, dann muss es barrierefrei sein. Für alle Fälle.

          „Den meisten jungen Menschen ist gar nicht klar, dass sie pflegen. Sie nehmen es einfach so hin.“ Julika Stich , Gründerin von „Young Helping Hands“

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