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Serie „Cum tempore“ : Auf einmal wieder Ersti

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Viele junge Menschen: Passt jemand in der Lebensmitte hier überhaupt noch rein? Bild: Helmut Fricke

In Zukunft soll das lebenslange Lernen immer selbstverständlicher werden. Ist es aber noch nicht, hat unsere Autorin festgestellt, die hier protokolliert, wie es sich anfühlt, mit Mitte 30 zurück an die Uni zu gehen.

          Ich bezeichne mich als Spätberufene, wenn ich mich Kommilitonen oder Dozenten (auch sie manchmal fast zehn Jahre jünger als ich) vorstelle. Oft ernte ich einen amüsierten, meist aber einen fragenden Blick. „Das ist nicht dein erstes Studium?“, heißt es häufig. Wenn ich erzähle, dass ich 2004 Abi gemacht habe, folgt oft ein „Ich hätte dich viel jünger geschätzt.“ Das schmeichelt natürlich. Es ist angenehm, wenn man unter Twens nicht sofort als wesentlich älter auffällt. Gleichzeitig tut es gut, eine gewisse Bewunderung seitens der Jüngeren zu spüren, wenn ich erzähle, dass ich von 2006 bis 2012 ein Masterstudium abgeschlossen habe.

          Das tröstet ein wenig darüber hinweg, dass mich die Uni damals auf einen Arbeitsmarkt spuckte, der nicht unbedingt auf mich gewartet hatte. Ich hangelte mich von einer Elternzeitvertretung über eine freie Mitarbeit zum Pauschalistenstatus. Verdiente nie besonders viel, genoss aber Freiheiten, die eine Festanstellung nicht bietet. Und ich hatte Freude an dem, womit ich Geld verdiente.

          Mir fehlte es also eigentlich an nichts (außer vielleicht an etwas Sicherheit). Nun sitze ich trotzdem mit gut 800 Kommilitonen im Audimax einer altehrwürdigen deutschen Hochschule und erkläre einer 18-Jährigen, warum die heutige Einführungsveranstaltung in die Erziehungswissenschaften nicht zur vollen Stunde begonnen hat, sondern erst das akademische Viertel später. „Cum tempore“ – auch ich habe Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass mein bisheriger Berufsweg noch nicht zu Ende zu sein scheint.

          Unser Land braucht mehr Lehrer, hieß es doch in den vergangenen Jahren aus der Politik immer. Warum also nicht? Sicher, die familiäre Vorbelastung spielt eine Rolle: Beide Eltern und eine ältere Schwester sind Grundschullehrer. Trotz aller Herausforderungen dieses Berufes sind sie es gerne. Mit Kindern zu arbeiten sei erfüllend und wichtig für die Gesellschaft. Sie verschweigen trotzdem nicht, wie anstrengend es ist.

          Rucksack und Semesterticket

          Auch ich hatte nach dem Abitur überlegt, Lehrer zu werden, wollte aber nicht direkt vom Klassen- ins Lehrerzimmer wechseln und eine Arbeitswelt außerhalb der Schule kennenlernen. Doch dem Kosmos Lehramt konnte ich mich nie so ganz entziehen. Um es mit Luther zu sagen: Ich stehe hier und kann nicht anders.

          Seit Oktober bin ich also wieder ein „Ersti“, sitze in Hörsälen auf unbequemen hölzernen Klappsitzen und habe nach jeder Pädagogik-Vorlesung Rückenschmerzen. Ich trage wieder einen Rucksack, um Laptop, Ringblock, Federmäppchen und Lehrmaterialien in Papierform (die Digitalisierung ist nicht bei allen Dozenten angekommen, und nicht alle Lehrbücher sind gescannt) haltungsschonend mit mir herumschleppen zu können. Ich zahle Semesterbeiträge und radle zur Uni, wenn ich nicht mit dem Semesterticket die „Öffis“ benutze. Im Studi-Slang war ich schnell wieder drin. Und überhaupt fühlt es sich bislang weniger unnatürlich an, als ich befürchtete hatte. Ich klopfe auf das Holz der Tische im ehrwürdigen Audimax, dass es so bleibt.

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