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Mindestlohn : Leidtragende sind die Studierenden

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Viele Unternehmen könnten sich künftig eher überlegen, ob sie Praktikanten einstellen. Bild: Picture-Alliance

Seit 1. Januar gilt der gesetzliche Mindestlohn. Auch für Hospitanten, solange sie kein Pflichtpraktikum absolvieren. Das könnte unangenehm für alle werden, die sich freiwillig praxisnah weiterbilden wollen.

          Seit 1. Januar gilt der Mindestlohn in Deutschland. Er gilt auch für alle Praktika nach Abschluss des Studiums sowie Praxisphasen, die studienbegleitend absolviert werden und länger als drei Monate dauern. Eine Ausnahme hierbei bilden Pflichtpraktika. Der Zwang zum Mindestlohn könnte dazu führen, dass die Firmen Praktikantenstellen reduzieren oder nach entsprechenden Schlupflöchern suchen. Dazu Martina Beermann, Leiterin des Career Service an der HHL Leipzig Graduate School of Management: „Die Leidtragenden sind die Studenten. Ich kann mir vorstellen, dass es zukünftig für diejenigen, die sich über ein Praktikum weiterqualifizieren möchten, Engpässe gibt. Sie werden dann zwangsläufig eine größere Anzahl von Bewerbungen verschicken müssen.“

          Die Praktikumsdauer von mehr als drei Monaten verteidigt Martina Beermann: „Für ein Praktikum verlangen viele Unternehmen, selbst Start-ups, möglichst fünf, idealerweise sechs Monate, da sie anfänglich einen großen personellen Aufwand haben. Der Praktikant muss sich auch erst einmal in komplexe Aufgabenstellungen und Unternehmensstrukturen einarbeiten können.“

          Einerseits würden die Unternehmen laut Diplom-Psychologin Beermann die Praktikanten als potentielle zukünftige Arbeitnehmer kennenlernen wollen, andererseits möchten sie jedoch auch Mitarbeiter, die aktiv einen Beitrag leisten. Den Aussagen zahlreicher Statistiken und Recruitern schließt sich Martina Beermann an: „Praktika sind als Eintrittskarte für den späteren Job außerordentlich wichtig.“ Zudem wüssten viele Studenten nicht ganz genau, wo sie beruflich hinwollen. „Ein Praktikum macht für sie Sinn, um zukünftige Berufsfelder kennenzulernen und um ihre Stärken realistischer einschätzen zu können“, so Beermann.

          Zu der Sinnhaftigkeit einer Praxisphase sagt sie weiter: „Aus Arbeitgebersicht ist das Praktikum das treffsicherste Auswahlverfahren. Im Gegensatz zum Einzelinterview, das nur eine Momentaufnahme des Kandidaten wiedergibt, und dem Assessment Center ist beim Praktikum die Prognosefähigkeit erhöht. Durch die längere Praxisphase stellt nicht nur das Unternehmen sondern auch der Praktikant fest, ob der so genannte Cultural Fit, das heißt die Identifikation des Bewerbers mit den Werten des Unternehmens, stimmt.“ 

          Zudem würde das Praktikum zeigen, ob der oder diejenige auch mit den potentiellen Kollegen zusammenarbeiten könne und wolle. Deshalb warnt Beermann vor einem Abbau von Praktikumsangeboten: „In Zeiten des Fachkräftemangels ist es um so wichtiger, dass sich beide Seiten – das Unternehmen wie auch potentielle Arbeitnehmer – intensiv kennenlernen.“ Am besten gelinge das ihrer Meinung nach über ein Praktikum.

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