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Mentoren für Studenten : Auf Tuchfühlung mit dem Prof

Bild: F.A.Z./Tresckow

Welcher Professor kennt heute schon noch seine Studenten? Für persönliche Gespräche ist an Massenunis keine Zeit. In Duisburg und Essen soll sich das nun ändern: Dort bekommt jeder Erstsemester einen Mentor.

          Odysseus, der Held aus der griechischen Mythologie, hatte einen guten Freund, der sich während der zehn Jahre dauernden Irrfahrt des Vaters mit Rat und Tat um dessen Sohn Telemachos kümmerte. Mentor hieß dieser Freund. Zum Mentor ist vor drei Jahren auch Professor Christian Mayer an der Universität Duisburg-Essen geworden. Nicht für die Kinder von Freunden, sondern für ein gutes Dutzend Chemie-Studenten. Und auch nicht für zehn, sondern - sofern sie die Regelstudienzeit einhalten - nur für drei Jahre. Zweimal im Semester trifft er sich mit ihnen, Kaffee und selbstgebackener Kuchen stehen dazu auf dem Tisch, zur Sprache kommen all die großen und kleinen Probleme, die das Studieren mit sich bringt. Wenigstens zwei Studenten aus seinen inzwischen drei Mentorengruppen hätten ohne diese freiwillige, formlose Art der Betreuung ihr Studium abgebrochen, schätzt Meyer. Und nicht zuletzt habe er selbst viel gelernt durch die Nachmittage neben dem Kickertisch im Aufenthaltsraum des Chemielabors. „Alle anfänglichen Widerstände haben sich aufgelöst. Das Mentoring hat sich bei uns bewährt.“

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So sehr offenbar, dass es nun alle Fakultäten der Uni Duisburg-Essen einführen, nach und nach für alle ihre 31.000 Studenten. So steht es hier in der neuen Rahmenprüfungsordnung für Bachelor-Studiengänge. Zum Wintersemester beginnt der in Deutschland einzigartige Versuch. Den Anstoß dazu hat Franz Bosbach gegeben, der vor einem Jahr aus Bayreuth ins Ruhrgebiet kam, mit dem Titel eines Prorektors für Forschung und Lehre und einem hehren Ziel. „Wir wollen die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden stärken, die uns in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren verlorengegangen ist“, sagt der Historiker. Als Gastforscher in Cambridge habe er selbst erlebt, wie befruchtend sich das dort kultivierte persönliche Verhältnis von Studenten und Professoren auf beide Seiten auswirke.

          Runter mit den Abbrecherquoten

          Ob die britische Vorzeigeadresse tatsächlich als Vorbild für die bislang in einschlägigen Ranglisten und Exzellenzinitiativen kaum aufgefallene Massenhochschule im Ruhrpott taugt? „Wir müssen Strategien finden, um diese Universität sichtbar zu machen“, räumt Bosbach ein. Und eine davon soll künftig eben die gute Betreuung der Studenten sein, Abbrecherquoten von bis zu 60 Prozent soll es dann nicht mehr geben. Die letzte Sozialerhebung hat gezeigt, dass in Duisburg und Essen besonders viele Studenten ohne akademisch gebildetes Elternhaus, dafür aber mit Migrationshintergrund eingeschrieben sind. Bosbach schreibt seiner Hochschule deshalb Modellcharakter für die gesamte Republik zu. „Das ist die Zukunft. Früher oder später wird jede Universität vor der Aufgabe stehen, diese Talente zu heben.“

          Kein Talent soll mehr übersehen werden, kein Frustrierter mehr voreilig abbrechen - deshalb wird das Mentoring künftig verpflichtend sein. Der Abschied von der geliebten Freiwilligkeit fällt erfahrenen Mentoren wie Christian Mayer schwer. „Aber sonst kommen nur die Guten“, nennt er im selben Atemzug den entscheidenden Knackpunkt. „Die trauen sich das Gespräch mit ihrem Professor ohnehin zu.“ Deshalb sind zurzeit alle elf Fakultäten damit beschäftigt, per Losverfahren, Zufallsgenerator oder auf anderen Wegen ihre neuen Erstsemester in Gruppen mit maximal fünfzehn Teilnehmern einzuteilen und diese den Professoren und Dozenten zuzuweisen, die ihnen bis zur Abschlussprüfung zur Seite stehen sollen. Mit insgesamt rund 4000 Anfängern rechnet die Univerwaltung.

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