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Medizin-Examen : Und immer an die Patienten denken

Maren Götz während der Untersuchung einer Patientin im Examen. Bild: Cornelia Sick

Das Medizinstudium wird verändert, die Patienten sollen sich besser fühlen und mehr verstehen. Aber machen neue Prüfungen auch neue Ärzte? Zu Besuch in Heidelberg.

          Als Maren Götz das Zimmer im Erdgeschoss der Chirurgischen Klinik betritt, hat sie keine Ahnung, was sie erwartet. Wie krank ist die Patientin, auf die sie nun treffen wird? Ist sie ihr gegenüber aufgeschlossen oder eher grantelig? Wird sie die Untersuchungen bereitwillig mitmachen? Alles wie im echten Leben also, da können sich Ärzte ihre Patienten schließlich auch nicht aussuchen. Eines allerdings ist anders bei der neuen Examensprüfung für Medizinstudenten in Deutschland, die an diesem sonnigen Wintertag an der Uniklinik Heidelberg einem ersten Probelauf unterzogen wird: Der Patient soll viel stärker als bisher bei der Abschlussprüfung im Mittelpunkt stehen.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Der komme im Alltag in den Praxen und Kliniken bisher „viel zu kurz“, sagt Jana Jünger, Direktorin des Instituts für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP), das die Reform der insgesamt drei Staatsexamen im Fach Humanmedizin entwickelt hat. „Die Anliegen der Patienten werden nicht gehört. Oft verstehen sie die Fachsprache der Ärzte auch schlicht nicht.“ Das soll nun anders werden, haben die Gesundheits- und Kultusminister von Bund und Ländern vor gut zwei Jahren mit dem „Masterplan Medizinstudium 2020“ beschlossen, der allerdings noch unter Finanzierungsvorbehalt steht. In den Lehrplänen an den Universitäten und auch in den Prüfungen soll die Kommunikation zwischen Arzt und Patient künftig eine stärkere Rolle spielen. Darüber hinaus sollen Medizinstudenten lernen, besser mit anderen Berufsgruppen wie dem Pflegepersonal zusammenzuarbeiten, und mehr wissenschaftliche Kompetenz erlangen, damit sie ihren Patienten stets auf Basis der aktuellen Forschung die besten Therapien empfehlen können.

          Zurück bei Maren Götz, die inzwischen ihre Patientin kennengelernt hat, 70 Jahre alt, gerade zum zweiten Mal innerhalb von viereinhalb Jahren operiert wegen eines Tumors im Verdauungstrakt. Das weiß Maren Götz nicht etwa aus der Patientenakte, die steht ihr in diesem Teil der Prüfung nämlich noch nicht zur Verfügung. Sie hat es durch das Gespräch herausgefunden. Dabei hat sie Glück, dass ihre Patientin über die Diagnosen, Operationen und Medikamente ganz gut Bescheid weiß und offen Auskunft gibt. Einige Fragen kann die Patientin allerdings nicht beantworten, zum Beispiel wo der Tumor jeweils genau lag und ob es der Dünndarm war, von dem ein Teil entfernt wurde, oder der Dickdarm. „Dieser Patientin haben wir offenbar noch nicht gut genug erklärt, was mit ihr los ist“, wird Oberarzt André Mihaljevic von der Uniklinik Heidelberg, an diesem Tag einer der beiden Prüfer, später eingestehen.

          Genau von den Prüfern beobachtet

          Aufgabe von Studentin Maren Götz ist es nun, möglichst viel über die Krankengeschichte der Patientin zu erfahren, sie gründlich zu untersuchen, sich Gedanken über die weitere Behandlung zu machen und sie mit konkreten Anweisungen an eine Pflegekraft zu übergeben – zum Beispiel, welche Medikamente zum Einsatz kommen sollen. Bei allem, was sie tut, wird sie von den beiden Prüfern genau beobachtet. Die sehen zufrieden aus: Maren Götz, 25 Jahre alt und gerade im 14. Semester ihres Studiums, behandelt ihre Patientin freundlich und respektvoll, schaut ihr in die Augen, erklärt ihr, was sie bei der Untersuchung genau tut, und schildert in verständlicher Sprache ihre Befunde. Nur Kleinigkeiten hat Oberarzt und Prüfer Mihaljevic hinterher zu bemängeln. Zum Beispiel, dass Maren Götz während des Gesprächs mit der Patientin die ganze Zeit stand, während diese im Bett lag, und so von oben auf sie herabschaute. Sein Tipp: einfach einen Stuhl ans Bett heranziehen. Oder, zweiter Kritikpunkt: dass die Patientin während der Untersuchung längere Zeit kaum bekleidet im Bett lag. „Da kann man zwischendurch ruhig die Bettdecke mal etwas höher ziehen, damit sie sich wohl fühlt.“

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