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Mathe-Defizite : Acht geteilt durch zwei?

Uni-Mathematiker Hartwig Bosse (links) gibt Nachhilfe an der Max-Beckmann-Schule. Bild: Helmut Fricke

Manche Studenten können „acht geteilt durch zwei“ nicht im Kopf rechnen. Ein Projekt zweier Frankfurter Hochschulen bekämpft Mathe-Defizite schon im Klassenzimmer.

          Der „Nerd-Tisch“ macht Hartwig Bosse Freude. Die vier Schüler, die dort sitzen, fallen dem Mathematiker immer wieder durch kluge Antworten auf. Auch dieses Mal, als es um Wahrscheinlichkeitsrechnung geht, schlägt sich das Quartett gut. Nicht nur seine Leistungen fallen positiv auf: Die Frauenquote liegt bei 50 Prozent, und drei der vier kommen aus Einwandererfamilien. Wie auch viele andere der 15 angehenden Abiturienten, die an diesem Nachmittag in der Frankfurter Max-Beckmann-Schule mit Bosse für die Reifeprüfung lernen. Alle sind freiwillig hier und tun damit nicht nur sich selbst etwas Gutes, sondern stärken auch die Zusammenarbeit zwischen Schule und Universität.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bosse, ein lockerer Typ, 43 Jahre alt, ist Leiter des Mathematikzentrums der Goethe-Universität. Was er dort tut, beschreibt er so: „Mein Job ist es, Menschen Mathe beizubringen, die davon nichts wissen wollen“, also zum Beispiel angehenden Biologen und Chemikern. An die Beckmann-Schule ist er auch gekommen, um künftigen Studenten traumatische Mathe-Erfahrungen zu ersparen. Seine Lehrstunden sind Teil des neuen Projekts „Frankfurt Mentoring“, kurz Frame: Dozenten und fortgeschrittene Studenten der Goethe-Universität und der Frankfurt University of Applied Sciences gehen in Oberstufen, um den Schülern bei der Abi-Vorbereitung und der Wahl eines möglichen Studienfachs zu helfen.

          Ausgedacht haben sich das Projekt die Vizepräsidentinnen Tanja Brühl von der Goethe-Uni und Kira Kastell von der University of Applied Sciences. Ingenieurin Kastell sagt, sie stelle oft fest, dass die Mathe-Kenntnisse eines größeren Teils der Studienanfänger nicht ausreichend seien. Das gelte besonders für technische und betriebswirtschaftliche Fächer. Bosse beschreibt das Elend noch drastischer. Das Theoriewissen der Erstsemester sei von jeher „mies“, aber auch das „handwerkliche“ Können lasse nach. Schon am Kopfrechnen scheiterten viele: „Vor meinen Augen hat mal ein Student ,acht durch zwei‘ mit dem Taschenrechner gerechnet.“

          Heterogene Studentenschaft und G8-Reform

          Dessen exzessiver Gebrauch ist in Bosses Augen ein Grund für die Misere. Ein anderer sei die Ausdünnung des Schulstoffs infolge der G8-Reform, wobei vielen Uni-Dozenten dieser Zusammenhang überhaupt nicht bewusst sei. Und schließlich sei die Studentenschaft, was Können und Vorbildung angehe, inzwischen heterogener als früher. „Als ich Mathematik studiert habe, gab es eigentlich nur die Noten 1,0 und 1,3. Heute werden auch Dreien und Vieren verteilt, weil die Schwächeren im Studium bleiben.“ Bosse findet es richtig, dass auch weniger Leistungsstarke an der Uni eine Chance bekommen. Allerdings seien dann auch neue Lehr- und Lernmethoden nötig.

          Mindestens ebenso wichtig ist eine gute Vorbereitung auf das Studium noch in der Schule. Hier setzt das Frame-Projekt an. Zunächst wurden an den fünf teilnehmenden Schulen in Frankfurt und Offenbach - drei Gymnasien, zwei Fachoberschulen - Einstufungstests geschrieben. An der Beckmann-Schule erreichten die Mathe-Grundkursler dabei im Schnitt vier von 15 Notenpunkten, also eine Vier minus. „Das ist bedenklich“, urteilt Bosse.

          Im Dezember begann dann in dem Oberstufengymnasium der freiwillige Zusatzunterricht. Zwei Termine je Woche gibt es. Oft wiederholt zuerst Bosse ein paar Minuten an der Tafel Teile des Stoffs, den die Schüler schon aus den regulären Kursen kennen. Jeder Mathe-Abiturient sollte zum Beispiel mit der Formel „n über k“ etwas anfangen können: Auf wie viele verschiedene Arten kann man eine bestimmte Zahl (nämlich k-) Objekte aus einer Gesamtzahl von n-Objekten auswählen? Bosse illustriert seine Erläuterungen an der Tafel mit kleinen Skizzen, er zeichnet Smileys und, wenn er vor besonders tückischen Fehlern warnen will, auch mal einen Totenkopf. Seine Erklärungen zielen vor allem aufs Praktische ab: Wie lassen sich Rechnungen so vereinfachen, dass man sie auch im Kopf bewältigen kann? Welche Aufgabentypen sind im Abitur zu erwarten? Wo drohen beim Lösen Fallen?

          „Mathe richtig verstehen“

          Bosses Tempo sei „fix“, aber da der Stoff schon bekannt sei, mache das nichts, findet Samira Ikerkourn. Sie sitzt am „Nerd-Tisch“ und will vielleicht Physik studieren. Ihre Sitznachbarin Rofayda Dawoud „schwankt“ noch zwischen Physik, Mathematik und Ingenieurwesen. Samira sitzt hier, um „Mathe richtig zu verstehen“, wie sie sagt, und sie ist bisher zufrieden mit den Gastlehrern aus der Uni: „Die können gut erklären.“

          Zum Erklärer-Team gehört auch Thomas Mertz. Er ist 25 Jahre alt und studiert im 11. Semester Physik an der Goethe-Universität. Nachdem Bosse den Frontalunterricht beendet hat, gehen er und Mertz zur Einzel- und Kleingruppenberatung über: Sie setzen sich zu den Schülern an die Tische und fragen, was sie noch einmal erklärt bekommen wollen. Die einen wünschen eine Extralektion in Vektorrechnung, die anderen Nachhilfe im Umgang mit Matrizen. Mertz verrät einem der Dreizehntklässler die ebenso schlichte wie wahre Erfolgsformel für Matheprüfungen: „Du musst den Stoff können und nicht Aufgaben auswendig lernen.“

          „Das Leistungsniveau der Schüler ist niedriger, als ich erwartet habe, wohl auch, weil so viele Grundkursler dabei sind“, sagt Mertz später. Auch wenn ihn der Schulstoff intellektuell nicht mehr fordert, profitiert er nach eigenen Worten von der Tätigkeit als Tutor. „Man lernt, Inhalte verständlich rüberzubringen.“ Diese Fähigkeit kann auch dann nützlich sein, wenn man wie Mertz nicht Lehrer werden will, sondern Industriephysiker: Vielleicht hängt ja eines Tages die Genehmigung eines Projekts davon ab, dass man es dem verantwortlichen Manager in einfachen Sätzen erklären kann.

          Auch wenn es am Wissen manchmal hapert - motiviert sind die Beckmann-Gymnasiasten auf jeden Fall, da sind sich Mertz und Bosse einig. Was die unentgeltliche Nachhilfe durch Frame gebracht hat, soll in dieser Woche ein Abschlusstest zeigen. Sollte der Durchschnitt dann um drei Punkte über dem Ergebnis des Einstufungstests liegen, wäre das für Bosse ein Erfolg.

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