https://www.faz.net/-gyl-7v76a

Mädchenschulen : Besser lernen ohne Jungs

  • -Aktualisiert am

Mütter, die auf einer Mädchenschule waren, schicken meist auch ihre Töchter wieder auf eine. Bild: Agentur Focus

Sie gelten als altmodisch und exotisch. Zu Unrecht, klagen Schülerinnen, die sie besuchen. Ein anderes Klischee über Mädchenschulen stimmt allerdings - es hat mit Naturwissenschaften zu tun.

          Von rund 38.000 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland sind nur 163 reine Mädchenschulen. Meist befinden sie sich in kirchlicher, vor allem katholischer Trägerschaft. In Bayern, Westfalen, im Rheinland und in Baden-Württemberg können Eltern ihre Töchter vielfach noch monoedukativ, also gleichgeschlechtlich, beschulen lassen. Bayern liegt anteilsmäßig vorn: Jede zweite Mädchenschule liegt im Freistaat.  Der Norden und Osten Deutschlands sind dagegen weitgehend mädchenschulfrei. „Hier in Bayern ist es noch ganz normal, auf eine Mädchenschule zu gehen“, berichtet die Augsburger Jugendforscherin Leonie Herwartz-Emden.

          Sie selbst ist früher auf eine gegangen, und auch ihre Tochter hat wieder eine Mädchenschule besucht. „In Deutschland wurde die gemischtgeschlechtliche Erziehung lange Zeit als Fortschritt verkauft: Koedukation sei emanzipativ und modern, hieß es. Das ist aber nur sehr eingeschränkt der Fall.“ Leonie Herwartz-Emden hat viel zu dem Thema geforscht und diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Fazit: Mädchen, die Mädchenschulen besucht haben, sind gegenüber Geschlechtsgenossinnen aus gemischten Schulen im Vorteil. So könnten sie etwa im naturwissenschaftlichen Bereich besser gefördert werden.

          Mädchenschülerinnen, so zeigten ihre Studien, würden seltener das typische Jungsfach Physik als „unbeliebtestes Fach“ bewerten, während dies in koedukativen Klassen immerhin jedes dritte Mädchen tut. Auf Mädchenschulen würden sich Schülerinnen im Physikunterricht auch wohler fühlen. Wichtig sei aber, sagt die Professorin, dass die monoedukative Erziehung langfristig und kontinuierlich angelegt sei. Nur dann komme es zu den belegten positiven Effekten.

          Schüchterne Mädchen können sich entfalten

          Im englischsprachigen Ausland habe man Monoedukation übrigens nicht derart verteufelt wie hierzulande, bemerkt die Forscherin. „Deshalb gibt es dort noch sehr viele und sehr gute Mädchenschulen.“ Martina Wieser von der Euro-Internatsberatung in München bestätigt: „Britische Mädchenschulen schneiden bei Rankings im naturwissenschaftlichen Bereich sehr gut ab. Schüchterne Mädchen können sich dort hervorragend entfalten.“ Diese Schulen seien auch bei deutschen Eltern - vor allem bei den Vätern - für Auslandsaufenthalte ihrer pubertierenden Töchter sehr beliebt. „Der behütende Aspekt spielt natürlich eine Rolle. Viele Mädels, die hierzulande gemischte Schulen besuchen, sind aber auch einfach selbst neugierig und wollen für ein oder zwei Terms Mädchenklassenluft schnuppern. Meist gefällt es ihnen dann so gut dort, dass sie gar nicht weg wollen“, berichtet Wieser.

          Das sei insofern verständlich, als Jungen und Mädchen anders lernen: „Mädchen brauchen Ruhe im Unterricht, Jungen Aktivität. Bei Jungs kann der Lehrer nicht genug vorturnen, Mädchen brauchen das nicht.“ Es ist paradox: Nicht trotz, sondern wegen der Diskurse um Emanzipation und Gendermainstreaming hat die „höhere Töchterschule“ nicht an Ansehen verloren, sondern kann sich - wo es sie denn noch gibt - vor Zulauf kaum retten. Denn wer heute seine Tochter zum Lernen in die jungenfreie Zone schickt, legt sich die Argumente genau zurecht.

          Vielen Eltern spricht dann wohl die Kinderbuchautorin Cornelia Funke („Wilde Hühner“, „Tintenherz“) aus dem Herzen: Die in die Vereinigten Staaten ausgewanderte Schriftstellerin schickte ihre Tochter Anna auf eine Mädchenschule, weil sie es leid war, dass sich nette Mädchen jedes Mal in unselbständige Zicken verwandelten, sobald Jungs in der Nähe waren. Zu ihrer eigenen Schulzeit an einer katholischen Mädchenschule in Nordrhein-Westfalen sagte die Schriftstellerin: „An einer Mädchenschule kannst du lernen, dass es keine Grenzen für Frauen gibt. Frauen können alles, alles. Es gab nichts, was wir nicht machten. Wir waren alle sehr selbstbewusst.“

          Besseres Klima, wärmere Atmosphäre

          Oft herrscht in Familien ein regelrechtes „Mädchenschul-Gen“: Hat die Mutter eine Mädchenschule besucht, wird die Tochter auch dort angemeldet. Der Ludwigsburger Erziehungswissenschaftler Rafael Frick spricht von „Schulbesuchstraditionen“, die allerdings auch für andere Schulspezifika gelten, etwa Schulform und Trägerschaft: Haben die Eltern beispielsweise eine Realschule besucht, sollen die Kinder mindestens auch eine Realschule besuchen; haben die Eltern eine konfessionelle Schule besucht, ziehen sie für ihre Kinder eine ebensolche eher in Betracht als andere Eltern.

          Zusammen mit seiner Kollegin Rosemarie Godel-Gassner hat Frick Eltern an baden-württembergischen Mädchenrealschulen befragt, um zu erkunden, welche Motive bei der Mädchenschulwahl eine Rolle spielen. Das Ergebnis: An der Spitze rangiert die Atmosphäre der Schule, 70 Prozent halten sie für „sehr wichtig“. Auf Platz zwei kommt das Erziehungskonzept (66 Prozent), Platz drei erringt das Schülerinnen-Lehrer-Verhältnis (53 Prozent), danach kommt der „gute Ruf“ (52 Prozent). Die Eltern setzen auf „positive Mädchenschuleffekte“, schlussfolgern die Forscher. Mädchenschulen gelinge es offenbar besser, ein gutes Schulklima und spezielle Aspekte der „behütenden Atmosphäre“ zu erzeugen, als gemischten Schulen. „Mädchenschulen, die diese Voraussetzungen erfüllen, dürften mittelfristig nicht an Attraktivität verlieren“, prophezeien die Autoren.

          Auffällig ist, dass für den Besuch einer Mädchenrealschule sogar vergleichsweise oft auf den Gymnasialbesuch verzichtet wird - trotz entsprechender Grundschulempfehlung. „Man geht lieber auf eine exklusive private Realschule als auf ein x-beliebiges staatliches Gymnasium“, sagt Frick. Dies zeige: Eltern geht es bei der Schulwahl ihrer Kinder, vor allem der Töchter, weniger um Leistung als um „weiche Faktoren“. Deshalb haben die Forscher sich auch gezielt auf Realschulen konzentriert. Bei Mädchengymnasien hätten Eltern dagegen inzwischen durchaus den Leistungsaspekt im Kopf. Immerhin hat sich herumgesprochen, dass Geschlechtertrennung während der Pubertät Mädchen stärker für Naturwissenschaft und Technik begeistern kann, weil dann die alten Rollenklischees aufgebrochen werden.

          Der Legitimationszwang scheint hoch

          Als „Königsweg“ bewertet Frick den Trend, in der Unter- und Mittelstufe monoedukativ und danach beide Geschlechter wieder gemeinsam zu unterrichten: „Rein pädagogisch finde ich das bestechend.“ Inzwischen gebe es auch immer mehr Jungenzweige an Mädchenschulen, „weil die Jungeneltern den Mädchenschulen die Türen einrennen“: Sie wollen, dass ihre Söhne auch von der guten Schule ihrer Töchter profitieren. Eva Espermüller-Jug ist nicht überzeugt von der Idee, Jungs und Mädels nur partiell getrennt zu unterrichten, etwa in Naturwissenschaften und Sprachen, wie einige Schulen das neuerdings handhaben. „Wenn, dann sollte man es auch konsequent machen. Denn wenn man nur stundenweise innerhalb einer Schule separiert, werden die alten Rollenbilder nicht aufgebrochen, man fällt in sie zurück“, sagt die Schulleiterin der Anne-Frank-Realschule in München. Die städtische Mädchenschule - 41 Prozent der Schülerinnen haben einen Migrationshintergrund - gewann im Juni den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis.

          Der Jury gefiel, dass sie Mädchen Lust auf Naturwissenschaft und Technik macht. Nach dem Abschluss in der zehnten Klasse seien die Mädchen „dann so gefestigt, dass sie auch stark genug sind für den Besuch einer weiterführenden koedukativen Schule“, versichert Espermüller-Jug. Man sollte deshalb „drüber nachdenken, ob es vielleicht doch nicht so blöd ist, getrennt geschlechtlich zu fördern“. Auch für Jungen sieht die Pädagogin einen entsprechenden Förderbedarf, etwa in Sprachen, Präsentationstechniken und Sozialverhalten.

          Und wie stehen die Mädels selbst zu geschlechtergetrenntem Lernen? Das Internetportal www.maedchen.de führte im Frühjahr eine Umfrage durch: Dabei äußerten sich 552 Teilnehmerinnen pro und 1584 contra Mädchenschule. Das Verhältnis spiegelt auch eine frühere Allensbach-Umfrage wider, nach der die Mehrheit der Bevölkerung Monoedukation ablehnt. Auch aus dem einfachen Grund, weil viele sie nie kennengelernt haben. „Ich bin selber auf einer Mädchenschule und der Unterricht ist viel entspannter und keine Jungs nerven die ganze Zeit rum“, schreibt „Anna“ auf dem Internet-Mädchenportal. „Sunshine“ meint hingegen: „Ich fände es total langweilig nur mit Mädchen, man könnte keinen Jungs hinterher schauen und so. Und außerdem gäbe es richtig oft Streit. Mit Jungs ist es einfach chilliger und lustiger.“

          Mädchenschulen würden mit dem Stereotyp belegt, altmodisch und exotisch zu sein, sagt Herwartz-Emden, weshalb Mädchen aus Mädchenschulen meist auch unter mehr oder weniger starkem „Legitimationszwang“ stehen. Allerdings würden Beobachtungen und Befragungen zeigen: Die Mädchenschülerinnen erleben ihren schulischen Alltag, auch den Unterricht, als „normale“ und vorteilhafte Lernumgebung. Und allzu belastend scheint der Legitimationszwang auch gar nicht zu sein - schließlich wählen viele ehemalige Mädchenschulschülerinnen den gleichen Bildungsweg ja auch für ihre eigenen Töchter.

          Weitere Themen

          Studieren ohne Jungs

          Frauen an der Universität : Studieren ohne Jungs

          Feministinnen, Mauerblümchen und Realitätsverweigerinnen – so stellt sich manch einer vielleicht Studiengänge vor, die nur für Frauen geeignet sind. Hinter der Idee steckt aber viel mehr.

          Dem Himmel nah

          Hilfe für Peru : Dem Himmel nah

          Studieren dank Meerschweinchen und ein Dach für die Hühner. Bildung bringt Arme in den Anden auf gute Ideen. Zwei Münsteraner helfen.

          Topmeldungen

          Besuch eines Kanzlers: Johann Georg Reißmüller im Gespräch mit Helmut Kohl am 11. November 1997 auf dem Weg zur großen Redaktionskonferenz

          Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

          Der frühere F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren in Frankfurt am Main. Sein journalistisches Lebensthema war das Schicksal Mittel-, Ost- und Südosteuropas.

          Brexit : Theresa Mays Odyssee durch Europa

          Die in der Heimat schwer in Bedrängnis geratene Premierministerin May sucht in Den Haag, Berlin und Brüssel nach Verbündeten. Doch die EU will den Deal partout nicht neu verhandeln.

          So wird das Wetter : Winter is coming

          In Deutschland wird es in den nächsten Tagen frostig, glatt – und es fällt Schnee. Im höheren Bergland sinken die Temperaturen sogar auf bis zu minus zehn Grad.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.