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Atomausstieg : Kerntechniker in der Klemme

  • -Aktualisiert am

Die Atomenergie geht, die Arbeit bleibt: Beleuchtetes Reaktorbecken im Kernkraftwerk Grundremmingen. Bild: APN

Der Atomausstieg setzt Studenten unter Druck. Sie müssen sich fragen, was ein Studium zum Thema Kernenergie überhaupt noch soll. An den Lehrstühlen wird schon das Geld knapp.

          Langsam wird es eng, fürchtet Sören Alt. Gerade mal ein Student hat sich dieses Jahr noch für das Hauptstudium in Strahlen- und Kernenergietechnik angemeldet, berichtet der Leiter der Forschungsprofessur Reaktor- und Anlagensicherheit an der Hochschule Zittau. „Wir sind eine kleine Hochschule, und die Strahlen- und Kernenergietechnik als Spezialisierung im Energietechnik-Studium war nie ein Massenstudiengang“, sagt Alt. Mal zehn, mal sechs, mal nur drei Einschreibungen pro Jahr, das war für die Strahlen- und Kerntechniker in Zittau normal. „Damit können wir arbeiten. Aber wenn sich nun dauerhaft nur ein oder zwei Studenten pro Jahr einschreiben sollten, dann wird der Rechtfertigungsdruck für uns gegenüber der Hochschule und der Landesregierung natürlich steigen.“

          Dann könnte das Geld knapp werden - denn nicht nur die Studenten, auch der Staat und die Energiewirtschaft selbst zeigen immer weniger Interesse an kerntechnischen Studiengängen. Der Energiekonzern Vattenfall, der den Strahlen- und Kerntechnikern in Zittau bislang eine halbe wissenschaftliche Stelle finanzierte, hat die Zusammenarbeit zum Herbst dieses Jahres gekündigt. „Für zwei Jahre springt die Hochschule ein und finanziert die Stelle weiter“, berichtet Alt. „Aber wie es danach weitergeht, ist unklar.“

          Hochschulen und Lehrstühle, die sich auf Inhalte rund um die Erzeugung und Nutzung von Kernenergie spezialisiert haben, stehen unter Druck. Sie müssen immer wieder begründen, warum Deutschland überhaupt noch Nachwuchsexperten für Kerntechnik, Reaktorsicherheit und den Umgang mit radioaktiven Abfällen braucht - wo der Ausstieg aus der Kernenergie doch eigentlich längst beschlossene Sache ist. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hat die Bundesregierung schließlich entschieden, bis zum Jahr 2022 vollständig aus der Kernenergienutzung auszusteigen. Gerade einmal sechs Jahre Kernenergieerzeugung liegen also noch vor uns. Warum sollte bei dieser Zukunftsperspektive überhaupt ein Student einen Studiengang wählen, der sich mit den Grundlagen und der Nutzung der Kernenergie beschäftigt? Und warum sollte der Staat solche Studienplätze finanzieren, sollten Energieunternehmen Geld in Kerntechnik-Lehrstühle und Forschungseinrichtungen investieren?

          Mit dem Abschalten ist der Ausstieg längst nicht geschafft

          Für Kerntechnik-Professor Alt ist die Antwort auf diese Fragen klar: „Wir brauchen in Deutschland einen Erhalt der kerntechnischen Kompetenzen. Und das nicht nur bis zum Beginn der Rückbauphase, sondern noch weit darüber hinaus.“ Denn mit dem Abschalten eines Atomkraftwerks ist der Ausstieg längst nicht geschafft. Die radioaktiven Brennelemente müssen mindestens vier bis fünf Jahre in sogenannten Abklingbecken auf dem bisherigen Kraftwerksgelände zwischengelagert werden, bevor sie in lokale Zwischenlager und schließlich in ein zentrales Endlager weitertransportiert werden können. „Erst wenn die Brennelemente nicht mehr auf dem Kraftwerksgelände lagern, kann der eigentliche Rückbau der Kraftwerke beginnen“, sagt Alt. Das dauere dann noch einmal etwa zehn bis fünfzehn Jahre. „Während der gesamten Übergangszeit müssen Strahlenschutz und nukleare Sicherheit von Experten gewährleistet werden“, sagt Alt. „Und wenn man bedenkt, dass etwa die Endlager- und Zwischenlagerfrage noch längst nicht geklärt sind, dann ist durchaus auch mit weiteren Verzögerungen und vielen offenen Fragen zu rechnen, die auf uns zukommen.“ 50 bis 80 Jahre kann es nach Expertenschätzungen noch dauern, bis ein Endlager gefunden und eingerichtet ist.

          Außerdem sei es wichtig, dass Deutschland in Fragen der Kraftwerkssicherheit und der sicheren Entsorgung von radioaktivem Abfall zukünftig international noch mitreden könne, sagt Alt. „Wie soll uns etwa ein Nachbarland wie Belgien, das wir in kerntechnischen Sicherheitsfragen kritisieren, sonst in Zukunft noch ernst nehmen?“, fragt er. „Und wie sollen wir einschätzen können, wie sicher neugebaute Kernkraftwerke im Ausland tatsächlich sind, wenn wir keine eigenen Experten mehr haben, die sich mit den aktuellen kerntechnischen Entwicklungen auskennen?“

          Die Bundesregierung hat aus ebendiesen Gründen beschlossen, dass „Erhalt und Weiterentwicklung“ kerntechnischer Kompetenzen gefördert werden sollen. In der Praxis ist diese Aufgabe für die Hochschulen allerdings oft schwer zu erfüllen. „Zum einen ist es grundsätzlich schwierig, junge Leute für diese Studienrichtungen zu begeistern“, sagt Alt. „Zwar ist der Fachkräftebedarf ohne Zweifel noch für Jahrzehnte da. Aber das Ausstiegsszenario steht natürlich im Raum. Und die Stimmung in der Gesellschaft und in den Medien ist gegenüber der Kernenergie generell nicht sehr positiv.“ Wer sich für die Energiewirtschaft und energietechnische Fragen interessiere, begeistere sich heute meist eher für die erneuerbaren Energien als für das umstrittene Auslaufmodell Kernkraft.

          Manchmal kommt es zu hitzigen Diskussionen

          Wer Kerntechnik studiert, muss sich im Privatleben oft rechtfertigen, bestätigt Mathias Höhne, der in Zittau im 8. Semester Kerntechnik studiert und gerade an seiner Abschlussarbeit schreibt. „Wenn man neue Leute trifft und erzählt, was man studiert, schauen die einen oft mit großen Augen an“, sagt er. „Manchmal kommt es auch zu hitzigen Diskussionen pro und contra Kernkraft. Aber meistens sind die Leute einfach nur erstaunt, dass man sich überhaupt für Kernenergie interessiert.“ Er selbst sei von der Technik fasziniert - und habe einfach etwas anderes machen wollen. „Erneuerbare Energien studiert doch heute jeder. Und konventionelle Kraftwerkstechnik hat mich irgendwie nicht so interessiert.“

          Um seine Karrierechancen macht sich der Kerntechnik-Student keine Sorgen: „Bei den Fachkräften in der Strahlentechnik ist das Durchschnittsalter recht hoch, viele werden in den nächsten Jahren in Rente gehen“, sagt Höhne. „Die Studentenzahlen wiederum sind niedrig - und mit dem Rückbau der Kernkraftwerke steht uns noch eine Herkulesaufgabe bevor.“ Entsprechend rechne er sich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus. „Aktuell merkt man allerdings, dass die Unternehmen bei Neueinstellungen noch zurückhaltend sind, weil gesetzlich manche Fragen unklar sind und der Rückbau daher derzeit noch auf Sparflamme läuft“, berichtet er. „Das sollte sich aber bald ändern.“

          Um Studenten auch Karrierechancen jenseits der Kernenergie-Industrie zu eröffnen, hat die Hochschule Zittau den Fokus des Studiengangs im Jahr 2012 zudem stärker auf den Strahlenschutz gelegt. Die rein kerntechnischen Inhalte wurden reduziert, dafür lernen die Studenten jetzt mehr über den Einsatz von nuklearer Technik in Industrie, Forschung und Medizin. Eine ähnliche Entwicklung ist an den meisten Standorten der bisherigen Kompetenzzentren für Kerntechnik zu beobachten: Die Lehrstühle fahren ihre kerntechnischen Angebote zurück, konzentrieren sich stärker auf Forschungsthemen zu Rückbau, Endlagerung und Sicherheit und bauen ihr Lehr- und Forschungsangebot zum Einsatz von Kerntechnik jenseits der Energieerzeugung aus. An der RWTH in Aachen zum Beispiel läuft gerade der aktuelle Studiengang „Nuclear Safety Engineering“ aus - ersetzt werden soll er durch einen neuen Studiengang mit Schwerpunkt auf Rückbau und Endlagerung. Wann der neue Studiengang tatsächlich starten kann, ist aber noch ungewiss. Wenn es so weit ist, hofft man in Aachen auf 30 bis 50 interessierte Studenten pro Jahr.

          „In manchen Jahren meldet sich gar kein Student an“

          Die Technische Universität in Clausthal hat sich bereits vor einigen Jahren auf das Thema Endlagerung spezialisiert und vermeldet trotzdem deutlich niedrigere Studentenzahlen. Das Interesse am Studiengang „Management und Entsorgung radioaktiver Stoffe“ hält sich in Grenzen: „Wir haben weniger als zehn Studierende pro Jahr. In manchen Jahren meldet sich auch gar kein Student an“, berichtet Klaus-Jürgen Röhlig, Professor für Endlagerforschung in Clausthal. „Da steht man natürlich schon unter einem gewissen Druck. Wir müssen der Universität ja auch Leistungsnachweise bringen.“ Darum habe man sich an die Geo- und Umwelttechnischen Studiengänge angeschlossen und biete die Inhalte zur Endlagerung als Vertiefung im Master „Geoenvironmental Engineering“ an, nicht als eigenständigen Studiengang.

          Joachim Knebel, Bereichsleiter an einem der wichtigsten deutschen Zentren für kerntechnische Forschung, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT), beunruhigt die Entwicklung bei den spezialisierten Kerntechnik- und Endlagerungs-Studiengängen nicht. „Insgesamt gibt es zwar nur wenige kerntechnische Lehrstühle. Die relevanten Inhalte werden aber trotzdem vielerorts gelehrt“, sagt Knebel. Insgesamt hätten in Deutschland im Jahr 2015 rund 1700 Studenten im Rahmen ihrer allgemeiner angelegten Studiengänge, etwa im Bereich Maschinenbau oder Energietechnik, Vorlesungen oder Seminare belegt, die in irgendeiner Form mit dem Thema Kerntechnik zu tun hätten, berichtet Knebel. „Aus unserer Sicht ist es ohnehin am sinnvollsten, breit aufgestellte Energietechnik-Experten auszubilden“, sagt er. „Ein guter Ingenieur sollte in einem Kernkraftwerk ebenso einsetzbar sein wie in anderen Kraftwerkstypen.“

          Wichtig sei nur, dass die kerntechnischen Inhalte jetzt nicht vollständig aus den Lehrplänen gestrichen werden. „Die Gefahr besteht meiner Einschätzung nach auch nicht“, sagt Knebel. Zwar fließe der Großteil der Forschungsgelder inzwischen in Forschung zu Rückbau und Entsorgung. „Ein Drittel der staatlichen Forschungsgelder wird aber weiter in die Sicherheitsforschung gehen. An vielen Standorten wie etwa hier in Karlsruhe, in München und Dresden wird weiter intensiv und auf höchstem Niveau zu kerntechnischen Sicherheitsfragen geforscht.“ Wer sich indes an der Entwicklung neuer, moderner Kernkraftwerke beteiligen will, muss zum Studieren und Forschen ins Ausland gehen - und sich darauf einstellen, sein Berufsleben außerhalb Deutschlands zu verbringen.

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