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Atomausstieg : Kerntechniker in der Klemme

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Außerdem sei es wichtig, dass Deutschland in Fragen der Kraftwerkssicherheit und der sicheren Entsorgung von radioaktivem Abfall zukünftig international noch mitreden könne, sagt Alt. „Wie soll uns etwa ein Nachbarland wie Belgien, das wir in kerntechnischen Sicherheitsfragen kritisieren, sonst in Zukunft noch ernst nehmen?“, fragt er. „Und wie sollen wir einschätzen können, wie sicher neugebaute Kernkraftwerke im Ausland tatsächlich sind, wenn wir keine eigenen Experten mehr haben, die sich mit den aktuellen kerntechnischen Entwicklungen auskennen?“

Die Bundesregierung hat aus ebendiesen Gründen beschlossen, dass „Erhalt und Weiterentwicklung“ kerntechnischer Kompetenzen gefördert werden sollen. In der Praxis ist diese Aufgabe für die Hochschulen allerdings oft schwer zu erfüllen. „Zum einen ist es grundsätzlich schwierig, junge Leute für diese Studienrichtungen zu begeistern“, sagt Alt. „Zwar ist der Fachkräftebedarf ohne Zweifel noch für Jahrzehnte da. Aber das Ausstiegsszenario steht natürlich im Raum. Und die Stimmung in der Gesellschaft und in den Medien ist gegenüber der Kernenergie generell nicht sehr positiv.“ Wer sich für die Energiewirtschaft und energietechnische Fragen interessiere, begeistere sich heute meist eher für die erneuerbaren Energien als für das umstrittene Auslaufmodell Kernkraft.

Manchmal kommt es zu hitzigen Diskussionen

Wer Kerntechnik studiert, muss sich im Privatleben oft rechtfertigen, bestätigt Mathias Höhne, der in Zittau im 8. Semester Kerntechnik studiert und gerade an seiner Abschlussarbeit schreibt. „Wenn man neue Leute trifft und erzählt, was man studiert, schauen die einen oft mit großen Augen an“, sagt er. „Manchmal kommt es auch zu hitzigen Diskussionen pro und contra Kernkraft. Aber meistens sind die Leute einfach nur erstaunt, dass man sich überhaupt für Kernenergie interessiert.“ Er selbst sei von der Technik fasziniert - und habe einfach etwas anderes machen wollen. „Erneuerbare Energien studiert doch heute jeder. Und konventionelle Kraftwerkstechnik hat mich irgendwie nicht so interessiert.“

Um seine Karrierechancen macht sich der Kerntechnik-Student keine Sorgen: „Bei den Fachkräften in der Strahlentechnik ist das Durchschnittsalter recht hoch, viele werden in den nächsten Jahren in Rente gehen“, sagt Höhne. „Die Studentenzahlen wiederum sind niedrig - und mit dem Rückbau der Kernkraftwerke steht uns noch eine Herkulesaufgabe bevor.“ Entsprechend rechne er sich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus. „Aktuell merkt man allerdings, dass die Unternehmen bei Neueinstellungen noch zurückhaltend sind, weil gesetzlich manche Fragen unklar sind und der Rückbau daher derzeit noch auf Sparflamme läuft“, berichtet er. „Das sollte sich aber bald ändern.“

Um Studenten auch Karrierechancen jenseits der Kernenergie-Industrie zu eröffnen, hat die Hochschule Zittau den Fokus des Studiengangs im Jahr 2012 zudem stärker auf den Strahlenschutz gelegt. Die rein kerntechnischen Inhalte wurden reduziert, dafür lernen die Studenten jetzt mehr über den Einsatz von nuklearer Technik in Industrie, Forschung und Medizin. Eine ähnliche Entwicklung ist an den meisten Standorten der bisherigen Kompetenzzentren für Kerntechnik zu beobachten: Die Lehrstühle fahren ihre kerntechnischen Angebote zurück, konzentrieren sich stärker auf Forschungsthemen zu Rückbau, Endlagerung und Sicherheit und bauen ihr Lehr- und Forschungsangebot zum Einsatz von Kerntechnik jenseits der Energieerzeugung aus. An der RWTH in Aachen zum Beispiel läuft gerade der aktuelle Studiengang „Nuclear Safety Engineering“ aus - ersetzt werden soll er durch einen neuen Studiengang mit Schwerpunkt auf Rückbau und Endlagerung. Wann der neue Studiengang tatsächlich starten kann, ist aber noch ungewiss. Wenn es so weit ist, hofft man in Aachen auf 30 bis 50 interessierte Studenten pro Jahr.

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