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Lernplattform : Nachhilfe im Netz

  • -Aktualisiert am

Nachhilfe per Film: Ein studentisches Startup-Unternehmen bietet Fern-Tutorien im Internet an Bild: Sofatutor

Mathe und BWL per Video: Zwei Studenten aus Berlin haben eine Lernplattform im Internet gegründet. Die Filmproduzenten werden nach ihrer Popularität bezahlt.

          Das Internetvideo über den Schnellzug TGV zeigt vorbeiziehende Häuser mit roten Dächern, dazwischen stehen dürre, blätterlose Bäume. „Mais où sommes nous?, wo sind wir denn?“, fragt aus dem Off die Stimme von Laurent, einem französischen Lehramtsstudenten an der Freien Universität Berlin. Eine weiße Tafel erscheint, davor Laurents Hand mit einem grünen Kärtchen. „Bonjour!“ steht darauf. Was entfernt an Sesamstraße erinnert, ist Französisch-Nachhilfe im Youtube-Zeitalter. Zu sehen ist sie auf der Internetseite des Berliner Start-up-Unternehmens Sofatutor.

          Die Idee zu den Nachhilfefilmen hatte Stephan Bayer an einem Sommerabend vor drei Jahren. „Ich musste für eine Matheklausur lernen“, berichtet der Student der Berliner Humboldt-Universität. „Allerdings hatte ich auch gerade eine neue Kamera.“ Aus dieser Kombination entstand ein kurzer Videoclip mit Titel „Das totale Differenzial“. Bayer stellte den Film ins Internet, und seine Kommilitonen fanden ihn nicht nur unterhaltsam, sondern auch hilfreich fürs eigene Lernen.

          Daraufhin tat sich der Berliner mit dem Medieninformatiker Andreas Spading zusammen. Im April 2009 ging Sofatutor online. Ein gutes Jahr später läuft das Geschäft gut: Auf eine knapp zweistellige Tausenderzahl beziffert Spading die aktuellen Nutzergruppe. Etwa 70 Prozent davon seien Schüler, 30 Prozent Studenten. Zielgruppen sind die Sekundarklassen vor dem Abitur und die ersten Studiensemester. Sie können sich in 15 verschiedenen Fächern mehr als 2700 Videos anschauen. Mathematik für Schüler und Studenten sowie BWL und VWL seien fast komplett abgedeckt, sagt Spading. Unter Latein oder Geographie hingegen finden Nutzer nur wenige Filme. Bis jetzt befinde sich die Website nach wie vor im Aufbau, betont der 29 Jahre alte Medieninformatiker. „Unsere Vision ist es, ein ansprechender und effizienter Lernbegleiter für die gesamte Bildungskarriere zu sein.“

          Loft statt Plattenbau

          Vor ein paar Monaten ist Sofatutor aus einem Plattenbau der Humboldt-Universität in ein 200-Quadratmeter-Loft in Berlin-Friedrichshain gezogen. Das helle Großraumbüro hat abgesehen von acht kleinen Aufnahmestudios drei abgetrennte Räume; zwei zum Konferieren, einen für die Buchhaltung. Kaum einer der zehn Mitarbeiter ist älter als 30 Jahre.

          Etwas mehr als hundert Videoproduzenten filmen im eigenen Wohnzimmer oder in einer der Studiokabinen für Sofatutor die Nachhilfeminuten - Studenten wie Laurent, aber auch Wissenschaftler und Lehrer. Jedes Video wird drei Experten vorgelegt, bevor es online gestellt wird. Für die Filmer ist der Anreiz groß, beim Publikum Gefallen zu finden - sie werden danach bezahlt, wie oft ihre Videos gesehen werden. Die Nutzer wiederum kaufen bei Sofatutor eine Flatrate. Ein Monat kostet je nach Laufzeit des Abonnements zwischen 7 und 14 Euro.

          „Wir schaffen etwas ganz Neues“

          „Nur von meinen 25 Videos kann ich nicht leben“, sagt Laurent. Doch er hofft, dass sich die Arbeit bald lohnen wird. „Steht der eigene Film einmal im Netz, braucht man nichts mehr zu machen, als monatlich auf das Geld auf seinem Konto zu warten“, sagt er. Aber das Geld sei ohnehin nicht der einzige Anreiz für die Arbeit als virtueller Nachhilfelehrer. „Es bringt Spaß“, sagt der Lehramtsstudent.

          Gleiches sagt Stephan Bayer über seinen arbeitsintensiven Managementjob. Er druckst jedoch ein wenig herum, wenn er nach seinem Studium gefragt wird. „Na ja, ich hoffe, dass ich bald fertig werde“, sagt der Siebenundzwanzigjährige schließlich. Ob ihm die brachliegende akademische Laufbahn Sorgen bereitet? Der Berliner schüttelt seinen blonden Lockenkopf. Bei Sofatutor handele es sich nicht um noch eine Dating-Plattform oder die Kopie eines amerikanischen Originals. „Wir schaffen etwas ganz Neues“, sagt er. „Das gibt dem Leben unheimlich viel Sinn.“

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