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Lerngruppen : Gemeinsam sind wir schlau

Bild: Peter von Tresckow

Eine Lerngruppe zu finden ist gar nicht so einfach. Oft passen die Leute nicht zusammen, es gibt Knatsch. Doch gute Lerngruppen profitieren von mehr Verständnis und Motivation. Manchmal lernen sie sogar schneller.

          Die Lerngruppe schien gut zu funktionieren. Zwei Semester lang bereiteten sich Franz, Lisa und Christine gemeinsam auf eine Klausur im Studiengang Volkswirtschaftslehre vor. Lisa besuchte alle Vorlesungen und Übungen, Franz und Christine gingen nur gelegentlich hin. Das machte nichts, denn Lisa war immer die Erste, die den Lernstoff durchblickte und sich freute, den anderen alles zu erklären. „Dabei lerne ich am besten“, war sie sich sicher. Am Ende des gemeinsamen Jahres schrieben alle drei die Klausur. Franz und Christine hatten eine Eins vor dem Komma, Lisa „nur“ eine Drei. Lisa ärgerte sich. Die enge Beziehung, die die drei während des Studiums hatten, kündigte sie auf. Franz und Christine haben schon lange nichts mehr von ihr gehört.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Franz, Lisa und Christine heißen in Wirklichkeit anders. Von Fällen wie dem ihren hat aber so mancher Student schon einmal gehört. Auch Marcel Pohl kennt solche kleinen „Lerngruppen-Unfälle“. Es sei nicht selten, dass derjenige, der den Stoff am besten durchdrungen hat, hinterher das schlechteste Ergebnis erzielt. „Das liegt daran, dass man sich zu sicher ist und nicht mehr richtig wiederholt“, sagt er. Marcel Pohl muss es wissen. Gäbe es deutsche Meisterschaften im Gruppenlernen für Klausuren, er und seine beiden früheren Kommilitonen Marcel Kopper und Robert Grünwald hätten sie gewonnen. Die heute 23 Jahre alten Betriebswirte haben ihr Studium an der privaten Hochschule FOM in Rekordgeschwindigkeit abgeschlossen: Bachelor und Master in insgesamt vier Semestern - elf sind Regelstudienzeit. Ihr Erfolgsgeheimnis führen sie auf einen zentralen Punkt zurück: das Lernen in der Gruppe. Darüber haben sie vor kurzem sogar ein Buch mit dem etwas reißerischen Titel „Die Turbostudenten“ veröffentlicht und eine Homepage rund ums Schnellstudium gestaltet.

          Ob es Einzelkämpfer-Naturen gibt, ist strittig

          Sind Lerngruppen im Studium wirklich das A und O? Fachleute sind darüber geteilter Meinung. „Es gibt Menschen, die von Natur aus eher Einzelkämpfer sind“, glaubt Werner Heister. Der Hochschulprofessor lehrt eigentlich Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein, beschäftigt sich aber seit Jahren intensiv mit Schlüsselqualifikationen von Studierenden. Eine seiner zentralen Fragestellungen lautet: Wie kann man das Lernen lernen? „Um herauszufinden, ob man bessere Erfolge in der Gruppe oder allein erzielt, sollte man ein Lerntagebuch führen“, empfiehlt Heister. Darin notieren Studenten in jeder Lernsituation ihre Emotionen. „Dann sieht man schnell: Ich habe mich immer am wohlsten gefühlt, wenn ich allein an meinem geliebten Schreibtisch war. Oder eben: Ich habe mich jedes Mal darauf gefreut, endlich mit den Kommilitonen zu debattieren.“ Heister ist außerdem der Meinung, dass sich Gruppenarbeit für manche Fächer besonders lohnt und für andere kaum. So seien die mathematischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge eher dazu geeignet, im Team Lösungswege zu suchen, Sprachen dagegen weniger. „Vokabeln pauken kann man nur allein.“

          Martin Hänze teilt diese Auffassung nicht. Der Professor für pädagogische Psychologie an der Universität Kassel hat sich auf kooperatives Lernen spezialisiert. Er ist der Meinung, dass es weder bestimmte Fächer noch bestimmte Lerntypen gibt, die für die Gruppenarbeit mehr oder weniger geschaffen sind. „In allen Fächern gilt, dass man sich zunächst einen gewissen Wissensgrundstock allein am Schreibtisch erarbeiten muss“, sagt er. „Im Anschluss dient dann die Gruppe zum Fragenstellen, zum Finden von Anwendungen und Beispielen und zum gegenseitigen Abfragen.“ Studenten seien nicht entweder als Gruppentyp oder Einzelkämpfer geboren. Vielmehr sei das individuelle Lernverhalten meist über Jahre anerzogen. „Wer glaubt, in Gruppen weniger erfolgreich zu sein, bringt meist so viel negative Einstellungen mit in eine Lerngemeinschaft, dass sie hinterher tatsächlich nicht funktioniert“, sagt Hänze. „Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.“ In seinem Fachbereich hat er kürzlich ein Experiment geleitet, das gezeigt hat, dass sich solch negative Einstellungen der Gruppe gegenüber ziemlich schnell ändern lassen. „Das geht durch einfaches Loben“, hat Hänze herausgefunden. „Wenn ein Gruppenmitglied während der Gruppenarbeit die anderen lobte, produzierte die Gruppe hinterher im Durchschnitt bessere Ergebnisse.“

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