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Leistungsdruck : Im Takt der Klausuren

  • -Aktualisiert am

In Zeitnot und total gestresst: Alltag an der Hochschule Bild: dpa

Notendruck schon im ersten Semester: Auch das hat der Bologna-Prozess gebracht. Viele Studenten klagen über Stress. Das beste Mittel dagegen: eine Pause - auch wenn schon die nächste Prüfung ruft.

          Eigentlich hat Nadja gar keine Zeit. Sie hat dunkle Ringe um die Augen und hält sich an ihrem Glas Wasser fest. Gerade hat sie eine Kursarbeit abgegeben, bis zum nächsten Abgabetermin ist nur noch eine Woche Zeit. "Ich bin in Zeitnot und total gestresst", sagt die 21 Jahre alte Studentin, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Seit drei Semestern ist sie für Kommunikationswissenschaften an der Universität Leipzig eingeschrieben. Früher hieß dieser Studiengang genauso. Aber statt in sechs absolvierte man ihn in neun Semestern, und am Ende hatte man ein Magisterzeugnis in der Tasche. Jetzt aber ist der Studiengang "umgestellt" - auf die Bachelor- und Masterstruktur, auf deren Einführung sich die europäischen Wissenschaftsminister 1999 in Bologna geeinigt haben. Und in Leipzig wie anderswo klagen die Studenten über die verschärfte Arbeitsbelastung.

          Rein rechnerisch hat das Pensum allerdings überhaupt nicht zugenommen. Dem zehnten Studierendensurvey der Konstanzer AG Hochschulforschung zufolge jedenfalls pauken Bachelorstudenten durchschnittlich 34,6 Stunden in der Woche. Für Magisterstudenten lag dieser Wert zuletzt bei 35,5 Stunden. Aber früher gab es weniger Prüfungen - und manche Scheine schon dafür, dass die Studenten in der Vorlesung saßen und zuhörten, die sogenannten Sitzscheine. "Kannst du mal für mich unterschreiben? Ich habe heute keine Lust", war keine seltene Bitte unter Freunden, denn die Anwesenheit wurde nur lasch mittels Unterschriftenliste kontrolliert. Klausur- und Hausarbeitsnoten waren vielen gleichgültig, unter Minimalisten galt das Motto "Vier gewinnt". Für die Magisternote zählten ohnehin nur Examensprüfung und -arbeit.

          Mindestens 15 Prüfungen in drei Studienjahren

          Heute ist das anders. Mindestens 15 Prüfungen, je nach Wahlbereich können es auch mehr sein, müssen die angehenden Leipziger Kommunikationswissenschaftler in drei Studienjahren ablegen. Und alle Noten gehen ins Bachelor-Zeugnis ein. "In den alten Studiengängen mussten die Studenten sich selbst organisieren können", analysiert Sigi Oesterreich, die als psychologische Psychotherapeutin in der Beratungsstelle des Studentenwerks in Berlin arbeitet, den Unterschied. "Heute sind von den Bachelor- und Masterstudenten Selbstdisziplin und Fleiß gefragt." Oesterreich selbst hat die Bologna-Reform jede Menge Mehrarbeit beschert: Vor der Umstellung kamen im Schnitt 1000 Studenten im Jahr in die Beratungsstelle, inzwischen sind es 1400. "Es fällt auf, dass aus den neuen Studiengängen besonders viele Studenten jetzt schon in den ersten beiden Fachsemestern bei uns auftauchen", sagt Oesterreich. "Früher sind sie erst zur Zeit des Vordiploms oder der Zwischenprüfung gekommen."

          Außerdem hat sich auch die Zahl der ratsuchenden Diplom- und Magisterstudenten erhöht: Viele sind nun gezwungen, ihr Studium schnell zu beenden, weil es dafür in Zukunft keine Veranstaltungen mehr geben wird. Erst- und Zweitsemester dagegen klagen oft über Orientierungsprobleme: Sie sind sich nicht sicher, ob sie den richtigen Studiengang gewählt haben. Auch das mag strukturelle Gründe haben: Während die Diplom- und Magisterstudenten zum Studienbeginn überall mal reinschnuppern konnten, sind die neuen Studenten gezwungen, das Tempo von Beginn an zu forcieren.

          „Viele Studenten leiden an Stress“

          „Viele Studenten leiden an Stress“, diagnostiziert Oesterreich. "Sie können ihre Zeit nicht managen und wissen deshalb nicht, wie sie ihre Arbeit schaffen sollen." So entwickeln sich Arbeitsstörungen und Prüfungsängste. Damals, als es nur wenige wichtige Prüfungen zu bestehen gab, war das zumindest am Anfang des Studiums noch nicht weiter schlimm. Mittlerweile sind es aber zwischen zehn und vierzig Prüfungen, je nach Studiengang.

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