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Lehrerbildung : Ehrenrunde an der Landesgrenze

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Wenn Lehrer in ein anderes Bundesland umziehen wollen, müssen sie oft Jahre warten. Und manchmal eine Handballprüfung nachholen. Aber bald soll alles einfacher werden.

          Die Schulferien sind in den meisten Ländern nun vorbei. Und viele der Lehrer, die in ein anderes Bundesland umziehen wollten, haben es wieder nicht geschafft. Der Bildungsföderalismus hindert sie daran. Ein Blick in eines der zahlreichen Pädagogen-Foren reicht aus, um eine Ahnung von den Wirren des Systems zu bekommen. „Wechsel zum Referendariat in ein anderes Bundesland? Ist dies überhaupt möglich, und wie funktioniert das?

          Wäre für Informationen sehr dankbar“, schreibt ein Lehramtsabsolvent. Die ernüchternde Antwort: „Nein! Referendariat macht man dort, wo man studiert hat. Und auch später kann ein Wechsel Jahre dauern, wenn er überhaupt klappt.“ Verzweifelte Fragen treffen auf schwebende Vermutungen.

          Eine Gymnasiallehrerin hat in Nordrhein-Westfalen ihr zweites Staatsexamen abgelegt und unterrichtet dort seit sechs Jahren an einer staatlichen Schule. Mit Erfolg, sagen ihre Vorgesetzten. Ihr Ehemann, der für einen weltweit tätigen Konzern bald in München arbeiten soll, lebt dort derzeit in einer kleinen Übergangswohnung. Eine andere will er sich in der teuren Stadt noch nicht mieten. Denn bisher ist nicht klar, ob das zweite Staatsexamen seiner Frau in Bayern überhaupt anerkannt wird. Sie muss also weiterhin in Nordrhein-Westfalen arbeiten und will sich nun bald an privaten Schulen in München bewerben. Freizügigkeit im 21. Jahrhundert - während die Europäische Union für mehr Mobilität zwischen den einzelnen Nationen wirbt, stoßen deutsche Lehrer schon im eigenen Land an viele Grenzen.

          Bayern gilt als besonders streng

          Dass gerade Klaus Wenzel viele solche Klagen erreichen, ist wohl kein Zufall. Denn Wenzel ist der Präsident des Bayerischen Lehrerverbandes, und der Freistaat im Süden gilt als besonders streng, wenn es um die Anerkennung anderer Abschlüsse geht. Oft gehe es dabei um Familienzusammenführung. Das Bild vom gnadenlosen bayerischen Staat, der es den Absolventen anderer Länder schwer macht, weist das bayerische Kultusministerium aber zurück. „Wer fleißig studiert hat, kann normalerweise auch bei uns unterrichten. Wenn es möglich ist, akzeptieren wir die Lehramtsabsolventen anderer Länder“, erklärt eine Referentin der Zulassungsstelle, die für die Anerkennung zuständig ist.

          Aber einfach möglich ist das eben selten: Schwierig werde es vor allem dann, wenn die Länder sich nicht an bundesweite Vorgaben halten und die Studiengänge nur nach den eigenen Vorstellungen ausrichten, erklärt sie. Konkret bereiten zum Beispiel Abschlüsse aus Nordrhein-Westfalen, wie sie bis in die achtziger Jahre hinein gemacht wurden, dem Ministerium Kopfzerbrechen. Während in Bayern Gymnasiallehrer zwei gleichwertige Unterrichtsfächer vertieft studieren, hat man damals in Köln, Düsseldorf oder Bonn ein Haupt- und ein Beifach abgeschlossen, das weniger intensiv studiert wurde als das zweite Fach in Bayern.

          In solchen oder ähnlichen Fällen müssen erfahrene Lehrer Prüfungen des ersten Staatsexamens nachholen. So geht es auch Sportlehrern, die nach Bayern wechseln wollen: weil Lehrer dort auch in Handball fit sein müssen.

          Tauschen mit anderen Lehrern

          Am einfachsten ist der Wechsel über das Lehrertauschverfahren. Die Kultusministerien bieten eine Plattform an, über die Umzugswillige andere Lehrer der gleichen Schulart und mit derselben Fächerkombination finden können. Was einfach klingt, ist es aber nicht für alle: Nicht jedes Land ist gleich begehrt. Wer einen Platz in Frankfurt oder Hamburg anzubieten hat, findet leichter einen Tauschpartner als jemand aus Stendal oder Wernigerode. Zu diesem Ergebnis kommt das Projekt „Monitor Lehrerbildung“, bei dem das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gemeinsam mit mehreren Stiftungen die Mobilität von Lehrern in Deutschland untersucht hat. Die Wanderungsströme verlaufen demnach schon unter Referendaren sehr ungleichmäßig. Während in Sachsen-Anhalt im Schuljahr 2010/2011 beinahe die Hälfte aller angehenden Referendare aus einem anderen Bundesland kam, begannen in Brandenburg nur fünf auswärtige Absolventen den Vorbereitungsdienst. Auch in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen ist der Anteil von Wechslern relativ hoch. Insgesamt zieht ein Fünftel aller Lehramtsabsolventen noch vor dem Referendariat in ein anderes Bundesland, die meisten davon in ein benachbartes.

          Genaue Zahlen kennt selbst die Kultusministerkonferenz nicht, die sich die Lösung des Problems auf die Fahne geschrieben hat. Außer dass jährlich schätzungsweise zwischen 6000 und 9000 angehende Lehrer in ein anderes Bundesland auswandern. Die ungleiche Verteilung hat ihren Grund ebenfalls im Föderalismus. Nicht überall gibt es schließlich gleich viele offene Stellen, in einigen Bundesländern werden Lehrer nicht mehr verbeamtet und mancherorts gibt es einen Zuschlag für Pädagogen, die Mangelfächer unterrichten.

          Das Studium ist überall anders

          Kooperative Gesamtschule, integrierte Sekundarschule und regionale Schule. Diese Namen sind nur Beispiele für die mehr als 23 Schularten, die den Umzug von Schleswig-Holstein nach Bayern, von Sachsen nach Thüringen oder von Hessen nach Nordrhein-Westfalen zusätzlich erschweren können. In einer Broschüre erklärt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Bewerbungsverfahren und Einstellungschancen in den einzelnen Bundesländern. „In manchen Ländern bewirbt man sich zentral, in anderen bei den Städten oder sogar direkt auf Stellenanzeigen einzelner Schulen“, erläutert Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs Schule der GEW.

          Und jedes Bundesland hat das Lehramtsstudium anders gestaltet: So studiert ein Kölner Student unter Umständen eine Fächerkombination, die es in Stuttgart gar nicht gibt. Hält Bayern in modularisierter Form auch nach der Bologna-Reform am Staatsexamen fest, treten in Berlin Absolventen mit Master-Abschluss den Vorbereitungsdienst für die Arbeit als Lehrer an. Und auch das Referendariat ist alles andere als einheitlich, dauert es mancherorts ein und andernorts zwei Jahre.

          Ein paar Hindernisse werden bleiben

          Nun versucht die Runde der Kultusminister in Bonn beim Thema Lehrermobilität ihr Glück, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Im März verfasste sie einen fünf Seiten langen Beschluss, der ein Hoffnungsschimmer für all jene sein könnte, die in Zukunft jenseits der Ländergrenzen lehren wollen. Es hatte in der Vergangenheit schon viele derartige Versuche gegeben. Doch alle Beschlüsse hatten es den aufnehmenden Ländern erlaubt, die Wechsler zu prüfen. Nun aber einigte sich die Ministerrunde auf eine bundesweite, bedingungslose Anerkennung aller Abschlüsse und Referendariate. Nachprüfungen dürfte es dann nicht mehr geben. Landeseigene Regeln sollen keine Hindernisse mehr sein. Doch ein paar Hintertürchen bleiben dennoch offen: So wollen Bayern und Hessen auswärtige Kandidaten nur dann zum Vorbereitungsdienst zulassen, wenn diese eine zulässige Fächerkombination studiert haben. Und Sachsen will weiterhin nur Grundschullehrer einstellen, die Deutsch und Mathematik unterrichten dürfen. Für das Fach „Islamischer Religionsunterricht“ werden nur in einigen Ländern wie Niedersachsen und Hessen Lehrer ausgebildet. Bis Ende des Jahres haben die Kultusminister Zeit, den Beschluss umzusetzen.

          Aber ist es wirklich gerecht, wenn ungleiche Abschlüsse als gleichwertig angesehen werden? Rolf Busch, stellvertretender Vorstand des Verbands Bildung und Erziehung, ist skeptisch. Die bayerische sowie viele andere Zulassungsstellen in Deutschland versuchen derweil weiterhin eine Balance zwischen Gleichbehandlung und Fairness zu finden. Sie wollen die inländischen Absolventen nicht benachteiligen und dennoch Lehrer aus anderen Bundesländern aufnehmen.

          Seltsame Freizügigkeit: Für Lehrer ist es einfacher, ins Ausland zu wechseln als in ein anderes Bundesland.

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