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Unterrichten im Ausland : Lehrer ohne Grenzen

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Lernen auf Kalifornisch: Schüler der German International School of Silicon Valley in Mountain View Bild: dpa

Warum denn immer in Deutschland unterrichten? Wer Abenteuer sucht, findet auch im Ausland jede Menge Schulen. Nur die Rückkehr wird oft holprig.

          Einfach mal alles loslassen, Hausstand auflösen, Heimat verlassen und neu durchstarten. „Einmal komplett auf null setzen“, sagt Michael Koops und schmunzelt in Erinnerung an den Moment, als er von der Schule kam und die Wohnzimmereinrichtung gerade abtransportiert wurde. „Man muss sich schon darauf einlassen.“ Eingelassen hat sich der Hamburger Schulleiter auf eine vergleichbare Position in Kalifornien, auf den „Head of German International School of Silicon Valley“. Die von einem Verein engagierter Eltern und Unternehmer gegründete Privatschule im Tal der Tüftler ist eine von 140 Deutschen Auslandsschulen, kurz DAS. Sie bietet ein in Deutschland anerkanntes internationales Abitur, wird dabei beraten, finanziell unterstützt und mit qualifizierten Lehrkräften gefördert – die Zuwendungen übernimmt das Auswärtige Amt. Lehramtsstudenten von heute dürfen also nicht nur von der Schule nebenan als möglichem Arbeitgeber träumen, sondern auch von viel ferneren Sehnsuchtsorten. Ein wenig Abenteuerlust vorausgesetzt.

          Über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) vermittelt und durch die Länder beurlaubt werden Fachleute wie Michael Koops: Mehr als zehn Jahre hat der Gymnasiallehrer für Deutsch und Biologie eine bilinguale Schule geleitet und sich dabei unter anderem für eine moderne Medienausstattung stark gemacht. „Den Neubau habe ich komplett mit W-Lan und Beamern ausgestattet und die Lehrer mit i-Pads versorgt, damit sie kabelfrei kommunizieren konnten.“ Eine ideale Grundlage für die Bewerbung als Auslandslehrer ins Silicon Valley, wo selbstfahrende Google-Autos, kreidefreie Klassenräume oder Schulkonferenzen per Videoübertragung längst Alltag sind. „Die Entwicklung ist rasant und viel schneller als unsere Planungsprozesse in den Schulen“, sagt der dreifache Familienvater.

          „Das ist so gar nicht behördenmäßig“

          Dass Koops mal ins englischsprachige Ausland gehen wollte, stand seit seiner Tätigkeit als Fremdsprachenkorrespondent in London fest. Aber das war am Ende seines Studiums, lange vor der Familiengründung. Wann passt es? „Das muss man sich gut überlegen“, sagt er. Als seine Frau grünes Licht gab, brachte Koops seine Bewerbung auf den Weg. „Das ist ein mehrstufiges Verfahren.“ Zunächst meldete er Interesse bei seinem Arbeitgeber, der Hamburger Schulbehörde, an, die seine Freistellung bewilligte. Die zweite Stufe endete mit einem Bewerbungsgespräch bei der ZFA in Bonn, die dritte direkt im Silicon Valley: Zusammen mit zwei Mitbewerbern durchlief Koops eine Art mehrtägiges Assessment Center, bestand Rollenspiele, stellte sich den Fragen aus dem Kollegium, der Elternschaft und dem Vorstand – zu 80 Prozent in englischer Sprache. Die Zusage bekam er erst ein paar Tage nach der Heimkehr per Mail. „Das ist so gar nicht behördenmäßig.“

          So viel Aufwand wird allerdings nicht immer betrieben. Ein Auswahlgespräch per Videokonferenz ist durchaus üblich, und als Ortslehrkraft kann man sich direkt bei Schulen auf der ganzen Welt bewerben – man muss dann allerdings mit den ortsüblichen Bezügen vorliebnehmen. Für einen bundesdeutschen Versorgungszuschlag auch für verbeamtete und beurlaubte Ortslehrkräfte macht sich zum Beispiel der Weltverband Deutscher Auslandsschulen (WDA) stark, hinter dem die freien Schulträger stehen. Zum WDA gehört das Stellenportal „lehrer-weltweit.de“, auf dem Schulen ihre freien Stellen veröffentlichen und ein Test die Bewerber zu passenden Jobangeboten führt. Fast 3000 Nutzer haben dort ihr persönliches Profil angelegt, sagt WDA-Sprecher Glen Wernecke. Wie viele davon tatsächlich inzwischen im Ausland arbeiten, kann er nicht sagen: „Wir stellen nur die Plattform zur Verfügung, Auswahl und Verträge kommen direkt zwischen Schulen und Kandidaten zustande.“

          Schulgebäude im Erdbebengebiet

          Aber man ahnt auch so, dass es schwieriger ist, zum Beispiel die Stelle an der Deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba zu besetzen als die im Silicon Valley. „Der Bedarf ist auf jeden Fall da, aber Nachfrage und Angebot passen nicht immer zusammen“, sagt Nelli Eisen, zuständig für die Personalgewinnung bei der ZFA. Viele Bewerber melden sich bei der Referentin, und fast alle fragen nach den Chancen einer Kandidatur. „Das kann man aber nicht pauschal beantworten, die Anforderungen sind sehr unterschiedlich“, sagt Eisen, die verbeamtete Lehrer mit mindestens zweijähriger Unterrichtserfahrung vermittelt. Dabei seien Fachlehrer für Naturwissenschaften, Mathematik oder Sprachen besonders gefragt, Gymnasiallehrer stärker als Grundschullehrer oder Neueinsteiger.

          „Es geht um die Sicherung und Qualität der deutschen Abschlüsse“, sagt Burghard Ahnfeldt. Der Referent für das Auslandsschulwesen koordiniert im Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) die Zusammenarbeit zwischen Ländern und Bund. Die Lehrpläne und Curricula für das Ausland – scherzhaft das 17. Bundesland genannt – sind ein Konglomerat von dem, was in den 16 heimischen Bundesländern gelehrt, gelernt und geprüft wird. Ein Lehrstück in Sachen Föderalismus, wie Ahnfeldt sagt: „Jedes Bundesland ist für eine andere Region in einem Turnus von vier Jahren zuständig.“ So prüfen Fachreferenten aus Bayern gerade die Abituraufgaben für deutsche Schulen in der Türkei und auf der Arabischen Halbinsel, Bremen ist für Nordamerika zuständig.

          Hohe Anforderungen an die Bildung – auch im Ausland

          Großer Aufwand, ambitionierte Ziele: Die Auslandsschulen in mehr als 70 Ländern sind längst nicht nur Anlaufstellen für Deutsche, die im Ausland leben. Sie sind auch eine Art Vermittler in Sachen Globalisierung und für die deutsche Wirtschaft, die über sie Nachwuchs gewinnen möchte. „Aus Expat-Schulen sind Begegnungsschulen geworden“, so KMK-Referent Ahnfeldt. „Einheimische schicken ihre Kinder dahin, weil die deutsche Bildung einen guten Ruf genießt.“ Michael Koops kann das bestätigen. Zumindest was das Qualitätsmanagement betrifft: „Da ziehen immerzu Teams durch die Klassenzimmer, Peer-Reviews, Bund-Länder-Inspektoren oder Vertreter vom kalifornischen Privatschulverein. Die Schule ist ständig unter Beobachtung.“

          Er selbst fand das Leben und Arbeiten in einem multikulturellen Weltwirtschaftsraum mit Kindern, die schon an vielen Orten der Welt zu Hause waren, und in ständig wechselnden Zusammensetzungen spannend. Baulich allerdings hatte die German International School of Silicon Valley Nachholbedarf: „Das sah aus wie ein Containerdorf, da war nicht viel.“ Vor allem musste der neue Schulleiter gleich in seinem ersten Jahr einen Standort umquartieren. „Das Gebäude befand sich auf einer Erdbebenfalte. In den Unterlagen stand, dass man gar nicht hätte einziehen dürfen, ohne es erdbebentüchtig zu machen.“ Koops war im Dauereinsatz, beschäftigte Gutachter und eine Rechtsanwältin – viel Neuland für ihn: „Ausland ist immer auch ein Abenteuer, mit dem man so gar nicht rechnet.“

          Schlechte Karten für Besserwisser

          Aber auch sonst war richtig Stress angesagt: Der Familiensprössling wurde nicht richtig heimisch, das Leben war so teuer, dass jeder Wochenendausflug wohlüberlegt sein musste. Und der Vorstand hielt nicht immer Distanz. „Spricht jetzt ein Elternteil oder ein Vorstand mit mir?“, fragte sich Koops bisweilen. Diese Gemengelage führte dazu, dass der Hamburger seinen Vertrag nach zwei Jahren auflöste und nach Norddeutschland zurückkehrte. Auch wenn das ursprünglich anders geplant war. „Die durchschnittliche Verweildauer von Schulleitern im Ausland liegt bei 4,8 Jahren, normale Lehrkräfte bleiben tendenziell noch länger vor Ort“, sagt Burghard Ahnfeldt. Aber nach sechs Jahren wäre bei Koops amerikanischem Visum sowieso Schluss gewesen. Und auch so findet der 53-Jährige, der jetzt wieder in Deutschland als Schulleiter arbeitet, dass er genügend Erfahrung und Kontakte gesammelt hat. „Ich möchte die Zeit nicht missen, ich würde das wieder machen“, sagt er.

          Mitgebracht hat Koops mehr als die vielzitierten interkulturellen Kompetenzen oder Erfahrungen im Unterricht mit hohen Sprachförderanteilen. Vielmehr ist er Impulsgeber für digitales Lernen, weil er erlebt hat, wie unterschiedliche, von zu Hause mitgebrachte Geräte den Unterricht entweder torpedieren oder die Kreativität beflügeln können. Einen „Entrepreneur-Club“ für Schüler – inklusive einer preisgekrönten App für Schülerfahrgemeinschaften – oder den ersten Youtube-Kanal an einer deutschen Auslandsschule aufgebaut zu haben: Wie wird das nach einer Rückkehr aufgenommen? „Meine Behörde hat mich dazu nicht befragt“, sagt er.

          Ahnfeldt, der in seiner Zeit als Hamburger Referatsleiter viele Lehrer auf ihrem Weg ins Ausland beraten hat, hat auch einen Tipp für die Rückkehrer parat: „Gehen Sie defensiv mit ihren Erfahrungen um!“ Wer eine besserwisserische Haltung einnehme und stets vorführe, was er wie im Ausland umgesetzt hat, stoße in den Lehrerkollegien gerne mal auf Unverständnis. „Die Schulen und Lehrkräfte im Inland entwickeln sich ja auch weiter.“ Das hofft auch Michael Koops und hat nur die Sorge, dass die Entwicklung alle Planungen überrollen und Deutschland im Bildungsbereich abhängen könnte. Seine persönliche Konsequenz: Er will mit einer Unternehmerin eine Pilotschule für Künstliche Intelligenz anschieben. Die schwärmerische Hoffnung: „Das sollte ein Ort der Innovation, der Kreativität und Neugestaltung einer Gesellschaft sein.“

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