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Lehrer mit Migrationshintergrund : Vielfalt im Lehrerzimmer

Bild: dapd

Große Hoffnungen ruhen darauf, mehr Migranten für den Lehrerberuf zu gewinnen. Doch auch deutsche Studenten müssen lernen, besser mit der Vielfalt im Klassenzimmer umzugehen.

          Mariam Sahab kam im Alter von elf Jahren aus Afghanistan nach Deutschland; sie sprach kein Wort Deutsch. Heute ist sie neunzehn Jahre alt, vor kurzem hat sie ihr Abitur gemacht und will Lehrerin werden. Darüber freuen sich die Organisatoren des Schülercampus „Mehr Migranten werden Lehrer“, den Sahab in der vergangenen Woche gemeinsam mit 24 anderen jungen Frauen und Männern besucht hat. Alle können sich vorstellen, Lehrer zu werden. Auf dem Campus, der vor drei Jahren von der Zeit-Stiftung ins Leben gerufen wurde und nun zum siebten Mal, diesmal an der Universität Hildesheim, stattfand, sind sie vier Tage lang intensiv über den Lehrerberuf informiert worden. Die Idee dahinter: Man will Abiturienten mit ausländischen Wurzeln motivieren, den Lehrerberuf zu ergreifen, in der Erwartung, dass sie Schüler mit Einwanderungshintergrund besonders gut motivieren können. Das scheint schon deshalb geboten zu sein, weil mittlerweile 20 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, Tendenz deutlich steigend, aber nur sechs Prozent der Lehrer. Bisher haben drei Viertel der Teilnehmer des Campus ein Studium aufgenommen, fast 60 Prozent studieren auf Lehramt.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Was hält Sahab von der Idee des Campus? Die junge Frau weiß nicht so recht. „Wenn ich helfen kann, gerne“, sagt sie. „In erster Linie will ich aber Lehrerin werden, ob für Migranten- oder für deutsche Kinder.“ Eigentlich will sie gar nicht so sehr als Migrantin betrachtet werden. Auf dem Schülercampus fühlt sie sich sogar ein wenig fremd. „Ich habe gar keine Erfahrung mit Ausländern“, sagt sie. Die vergangenen acht Jahre hat sie in einer kleinen Stadt nahe der niederländischen Grenze verbracht. „Auf meinem Gymnasium gab es nur sieben Ausländer.“

          Auch Yasin Yilmaz, der ebenfalls am Campus teilnimmt, weiß nicht, ob er Lehrer vor allem für Migrantenschüler sein will. „Ich hätte sogar etwas Sorge, von solchen Schülern vereinnahmt zu werden.“ Dass er für Schüler aus sozialen Brennpunkten ein Vorbild sein könnte, kann er sich andererseits gut vorstellen. Er selbst, dessen Vater mit 16 Jahren aus der Türkei gekommen ist, habe solche akademischen Vorbilder aber nicht gebraucht. „Mein Vater ist mein Held“, sagt Yilmaz. „Er musste alles neu hinbekommen und hat auch ohne Studium viel erreicht, zum Beispiel seine Kinder so zu unterstützen, dass alle aufs Gymnasium gehen konnten.“

          „Ich war ja auch mal auf der Hauptschule“

          Pajam Irani findet es hingegen sehr wichtig, dass Schüler mit Einwanderungsgeschichte auf Lehrer mit Einwanderungsgeschichte treffen. Irani, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, ist Lehrer einer Klasse mit einem hohen Migrantenanteil - auf eigenen Wunsch. „Diese Schüler brauchen Lehrer wie mich“, sagt der 38 Jahre alte Irani, der im Alter von 13 Jahren aus Iran nach Deutschland kam. Die Schüler kämen mit ihm besonders gut zurecht. Ein wichtiger Grund: „Wenn ich sie kritisiere, können sie mir nicht vorwerfen, ausländerfeindlich zu sein.“ Deshalb sei in seiner Klasse „vieles einfacher und entspannter“. Auch kenne er viele der Probleme seiner Schüler aus eigener Erfahrung und könne manchmal schwieriges Verhalten besser einordnen.

          Als Irani nach Deutschland kam, musste er zunächst auf die Hauptschule, obwohl er in Iran ein Gymnasium besucht hatte. Heute unterrichtet er Schüler mit Hauptschulabschluss, die einen Realschulabschluss schaffen wollen. Mit Erfolg: „In meinem ersten Durchlauf ist kaum einer hängengeblieben“, sagt er. „Meine Quote war überdurchschnittlich hoch.“ Seinen Schülern sei er ein Vorbild. „Ich war ja auch mal auf der Hauptschule.“

          Viola Georgi, Professorin für Interkulturelle Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin, warnt freilich: Die Gleichung, dass eine Lehrkraft mit Migrationshintergrund gut für Schüler mit ausländischen Wurzeln sei, könne aufgehen, müsse es aber nicht. Die Wissenschaftlerin hat 260 Lehrer mit Einwanderungshintergrund befragt. Eine Mehrheit berichtet von einem besonderen Vertrauensverhältnis zu den Schülern. Sie erleben sich als positives Rollenvorbild, und die meisten wollen dies auch sein. Das dürfe man aber nicht als selbstverständlich betrachten, sagt Georgi. Ein Teil der Lehrer tue sich schwer damit, diese Vorbildrolle anzunehmen.

          Kein Allheilmittel

          Schwierig findet Georgi folgende Situation: Ein Lehrer mit türkischem Hintergrund, der neu in eine Schule kommt, wird als der begrüßt, der endlich mal mit den türkischen Eltern sprechen könne. Das berge die Gefahr, dass der Lehrer professionell entwertet werde. Denn eine kulturelle Sensibilität sei nur eine mögliche Zusatzqualifikation einer solchen Lehrkraft; ihre eigentliche Aufgabe sei aber das Unterrichten von Schülern jeglicher Herkunft.

          Mehr Migranten für den Lehrerberuf zu gewinnen ist auch nach Georgis Ansicht durchaus hilfreich, ein Allheilmittel sei es aber nicht. „Diese Lehrer können die vielen Probleme, die durch Versäumnisse in der Bildungspolitik entstanden sind, nicht ausgleichen“, warnt die Wissenschaftlerin. Deshalb müssten alle angehenden Lehrer im Studium besser auf den Umgang mit der Vielfalt im Klassenzimmer vorbereitet werden.

          Georgi versucht ihren Studenten ein Gefühl für Heterogenität zu vermitteln, auch in praktischen Übungen. Ein Beispiel: Sie stellt ihnen verschiedene Fragen: Wer trinkt Kaffee? Wer trägt eine Brille? Wer ist körperlich eingeschränkt? Es stehen jeweils die auf, welche die Frage mit Ja beantworten. „So erlebt man, dass man mal zu einer Mehrheit, mal zu einer Minderheit gehört.“

          Früh mit Schülern in Kontakt kommen

          Auch im Lehramtsstudium der Universität Hildesheim spielt die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine große Rolle. Das soll in Zukunft noch verstärkt werden. So wurde gerade ein Lehrstuhl für Deutsch als Zweitsprache eingerichtet. Mit den Anforderungen, die eine heterogene Schülerschaft an Lehrkräfte stellt, beschäftigt sich Olga Graumann schon seit Jahrzehnten; zunächst als Sonderschullehrerin, später als Professorin an der Hildesheimer Universität. Auch sie wirbt für mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Vor allem aber setzt sie sich dafür ein, dass alle Lehrer besser mit Vielfalt umgehen lernen. Das könnten noch zu wenige. „Unsere Lehrer müssen unsere Globalität begreifen. Sie dürfen nicht das deutsche Mittelschichtskind als Normalfall erwarten. Das gibt es kaum noch.“ Die Professorin, die seit kurzem emeritiert ist, hat ihren Studenten zu vermitteln versucht, dass man keinem Schüler ein Etikett anhaften darf. „Als Lehrer muss man sich differenziert über jeden einzelnen Schüler äußern können“, erklärt Graumann. Vor allem findet sie es wichtig, dass die Studenten viel und früh mit Schülern in Kontakt kommen. In Hildesheim gingen schon die Erst- und Zweitsemester jeden Freitag für zwei Stunden in die Schule. Positiv wirke auch das Projekt „Lernkuhlt - Kinder unterschiedlicher Herkunft lernen im Team“. Dabei erteilen Lehramtsstudierende vor allem Schülern mit Migrationshintergrund Förderunterricht. Graumann hofft, dass letztlich möglichst viele Studenten begreifen, was sie in ihren 13 Jahren als Lehrerin erfahren hat. „Eine heterogene Schülerschaft zu unterrichten ist anspruchsvoller, aber viel interessanter.“

          Derya Akdag hat als eine der wenigen Lehramtsstudentinnen mit ausländischen Wurzeln in Hildesheim studiert. In ihrer Masterarbeit hat sie gefragt, ob Lehrer mit Migrationshintergrund eine Antwort auf die Heterogenität im Klassenzimmer sind. Akdag befürwortet, dass mehr Migranten Lehrer werden, ist aber auch skeptisch. „Dass diese Lehrer Schüler insgesamt mehr motivieren, ist bisher noch nicht nachgewiesen worden“, erklärt die 36 Jahre alte Frau, deren Vater aus der Türkei kam und die in einem Brennpunktviertel aufgewachsen ist. Interkulturelle Kompetenz sei nicht angeboren, sie müsse im Studium vermittelt werden. „Doch leider kann man durchs Studium kommen, ohne etwas über Heterogenität gelernt zu haben.“

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