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Lehrbeauftragte & Co. : Ein Uni-Leben zwischen Frist und Frust

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Die verbreitete Befristungspraxis erschwert Karriere- und Familienplanung. Bild: dpa

Arbeitsvertrag befristet, Stress und Ortswechsel programmiert. Wer es nicht zum Professor schafft, hat es an den Hochschulen schwer.

          Viele Überstunden, hohe Mobilität, unsichere Beschäftigung: Der akademische Mittelbau, das wissenschaftliche Personal zwischen Studierenden und Professoren, leidet unter oftmals prekären Arbeitsbedingungen. Auch um sie geht es im neuen Hochschulpakt, den Bund und Länder gerade erst verhandelt haben. Aus dem 2007 gestarteten und zweimal verlängerten Investitionsprogramm wird eine dauerhafte Finanzierung der Hochschulen durch den Bund. Dieser sagte nun bis zum Jahr 2023 jährlich 1,88 Milliarden Euro zu und legt von 2024 an noch etwas drauf, danach sollen dauerhaft 2,04 Milliarden Euro im Jahr fließen. Die Länder beteiligen sich in gleicher Höhe. Klingt komfortabel – aber Milliardensummen allein verhindern keine Not.

          Als besonders problematisch gilt die ausufernde Praxis der befristeten Stellen bei Akademikern an Hochschulen. Ursache dafür ist die sogenannte Zwölfjahresregel, die mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz von 2007 eingeführt wurde: Der akademische Nachwuchs darf jeweils sechs Jahre vor und nach der Promotion beschäftigt werden. Wer dann keine der wenigen Professuren ergattert hat, ist meist auf zeitlich begrenzte Drittmittelstellen angewiesen – oder muss die Hochschule verlassen, weil es unterhalb der Professur kaum unbefristete Stellen gibt. Im Gesetzentwurf hieß es zwar, dass „das dauerhafte Beschäftigungsverhältnis auch weiterhin das Regelarbeitsverhältnis“ bleiben solle. Eingetreten ist jedoch das Gegenteil: Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren 2009 von 146100 hauptberuflich tätigen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 83 Prozent befristet beschäftigt, Tendenz steigend. Aktuelle Zahlen sollen 2020 vorliegen, Schätzungen belaufen sich auf mehr als 90 Prozent. Denn die Hochschulen finanzieren sich seit geraumer Zeit mehr und mehr über befristete Pakete und Drittmittel.

          Gegen die häufig miserablen Bedingungen regt sich immer größerer Protest beim wissenschaftlichen Personal: 2017 gründete sich etwa das „Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ (NGAWiss). Es will die rund 30 Mittelbau-Initiativen in deutschen Hochschulen und Fachgesellschaften zusammenbringen, denn im Gegensatz zu Studierenden und Professoren hat der Mittelbau keine bundesweite Vertretung. „Wir verstehen uns gewissermaßen als das Bewegungsgedächtnis“, sagt Peter Ullrich, Mitgründer des Netzwerks, und ergänzt: „Es ist prekär, die Prekären zu organisieren. Unter den aktuellen Bedingungen – kurze Arbeitsverträge, chronische Arbeitsüberlastung, häufige Ortswechsel und starke Selbstausbeutung der Beschäftigten – ist es schwer, sich langfristig für die gemeinsamen Interessen einzusetzen.“

          100.000 Postdocs und Lehrbeauftragte

          Das ändert sich allmählich: Im Zuge der Verhandlungen über den Hochschulpakt meldete sich der Mittelbau immer deutlicher zu Wort. So hat NGA-Wiss gemeinsam mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eine Online-Petition unter dem Motto „Frist ist Frust“ gestartet. Die zentrale Forderung: Die Mittel des Hochschulpakts sollen vollständig für Dauerstellen eingesetzt werden. Mehr als 10.000 Unterschriften hat die Initiative gesammelt – rund 10 Prozent der deutschlandweit etwa 100.000 Postdocs und Lehrbeauftragten, die sich häufig über viele Jahre von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln.

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