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Als Dozent nach China : Leben und überleben in Taiyuan

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Ob Studium oder Sport - in China machen alle mit Bild: © fotolia.com

Kaputte Heizungen in eiskalten Hörsälen, abenteuerliche sanitäre Anlagen, aber disziplinierte und motivierte Studenten: Zwei Dozenten einer privaten Münchener Fachhochschule haben chinesische Studenten in Taiyuan unterrichtet. Und fürs Leben gelernt.

          „In Deutschland reden alle über China, aber wenige wissen, was sich dort wirklich abspielt“, blickt Andreas Schutkin auf seine Erfahrungen als Dozent im bevölkerungsreichsten Land der Erde zurück. Der 38 Jahre alte promovierte Kaufmann hat diesen Einblick vielen Deutschen voraus, denn er tauchte im Herbst in das Alltagsleben des Riesenreiches ein, als er für die private Münchener Fachhochschule für Oekonomie & Management (FOM) an zwei Universitäten „Produktions- und Kostentheorie“ unterrichtete. Die FOM, die sich in Deutschland durch ein Abendstudium für Berufstätige einen Namen gemacht hat, hat derzeit in Tai’an und Taiyuan zwei Standorte in China.

          Im Smog nach Atem ringen

          „Die Sprache im Unterricht war Deutsch, denn die chinesischen Studenten mussten zunächst ein Jahr lang Deutsch lernen, bevor sie die betriebs- und volkswirtschaftlichen Vorlesungen besuchen dürfen“, erläutert Schutkin. Anfangs war er deshalb nicht sicher, ob die Studenten seiner Redegeschwindigkeit folgen konnten. „Aber der Unterschied zu meiner Lehre an der FOM in München war nicht groß.“

          Schon der Weg morgens um 8 Uhr in einen der vielen Hörsäle auf dem Campus der „Shanxi University of Finance and Economics“ in Taiyuan sei immer wieder ein Erlebnis gewesen, sagt Schutkin. „Wenn ich meine Unterkunft verlassen habe, rang ich nach Atem.“ Die schlechte Luft in Taiyuan hat seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Taiyuan gilt als eine der Städte mit der größten Luftverschmutzung – nicht nur in China, sondern auf der ganzen Welt. Stahl- und Kohleindustrie prägen die Stadt, die meisten Industrieanlagen und Kohlekraftwerke der Drei-Millionen-Stadt sind veraltet, nur wenige haben Filteranlagen.

          Energieeffizienz ist ein Fremdwort

          Direkt hinter dem Hörsaal lag das universitätseigene Kohlekraftwerk. „Das ist auch nötig, denn Energieeffizienz ist in China ein Fremdwort. In den Wintermonaten läuft das Kraftwerk auf Hochtouren.“ In den Hörsälen funktionierten entweder die Heizungen nicht, dann war es wegen der kaum isolierten Fenster empfindlich kalt. „Oder die Heizungen liefen und man konnte sie nicht regulieren, dann rissen die Studenten schon nach wenigen Minuten die Fenster auf, um die Temperatur in dem Raum zu senken.“ Beißend sei auch der intensive Toiletten-Geruch in vielen Hörsälen gewesen. „Ich musste ständig ans Oktoberfest mit seinen vielen Pissoirs denken“, sagt der Bayer Schutkin.

          Das ganze studentische Leben spielte sich auf dem Campus der Universitäten ab. Das sei wie eine kleine Gemeinde gewesen, in der man seine gesamte Zeit verbringt. Deshalb sei auch der Kontakt zwischen Studenten und Dozenten viel enger als in Deutschland gewesen. Für Deutsche gewöhnungsbedürftig sind nach Schutkins Ansicht auch die Verhältnisse in den Wohnheimen. „Die Studenten müssen sich die Zimmer mit bis zu sechs Kommilitonen teilen. Privatleben ist da nicht möglich.“

          Polonaise auf der Uni-Feier

          Auch an ein ausschweifendes Studentenleben wie in Deutschland mit wilden Partys und durchzechten Nächten sei in China nicht zu denken gewesen. „Die Unifeiern haben noch etwas Unschuldiges. Mit dieser Feier lockst du in Deutschland keinen Studenten mehr hinter dem Ofen hervor: Polonaise auf dem Basketballfeld zwischen 17 und 21 Uhr.“

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