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Latein als Studienvoraussetzung : Cicero wird noch gebraucht

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Wer also einen lateinfreien Bremer Bachelor in der Tasche hat und dann den Master in Heidelberg, Bonn oder Dresden machen will, kommt ums Lateinbüffeln nicht herum. Von einer Vergleichbarkeit der Abschlüsse, die die Bologna-Befürworter stets als Begründung ihrer Reformen ins Feld führen, kann hier also keine Rede sein.

Pragmatische Reaktionen

Die Studenten reagieren darauf pragmatisch. Johannes Reich, 21 Jahre, studiert im fünften Semester Französisch und Geografie in Bremen. Er will sich die Möglichkeit des Uni-Wechsels nach dem Bachelor auf jeden Fall offenhalten. Deshalb zahlt er die 80 Euro für den Sprachkurs bei Herrn Reimers. „An vielen Unis braucht man spätestens fürs Masterstudium Latein. Das ist der wichtigste Grund, warum ich hier sitze.“ Auch seine Kommilitonin, die lieber anonym bleiben will, ist deshalb hier. Sie studiert im fünften Semester Germanistik und Geschichte in Bremen. In der Schule habe sie Englisch, Französisch und Italienisch gelernt. „Bislang komme ich ganz gut ohne Latein zurecht“, sagt sie. Sie wisse aber, dass das fürs Masterstudium nicht ausreiche: „Da ist es wichtig, Quellentexte auch im Original lesen zu können.“

Daneben gibt es Freiwillige wie den 24 Jahre alten Fabian Schönborn, der Lateinkenntnisse für sein Psychologiestudium eigentlich nicht braucht, den Lateinkurs aber trotzdem schätzt: „Hätte ich so einen Lehrer in der Schule gehabt, dann hätte ich damals schon Latein gewählt.“ Er ziehe auch einen persönlichen Nutzen für sein Fach aus dem Kurs: Die Sprache helfe ihm, anatomische Begriffe herzuleiten.

„Jeder zweite Student muss einen Lateinkurs belegen“

Brauche ich für mein Studium Latein oder nicht? Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, das hängt von Fach, Hochschule, Studienabschluss und Prüfungsordnung ab. Die Medizin - früher ein Argument fürs Lateinlernen in der Schule - hat diese Sprachschranke inzwischen komplett fallenlassen. Hier müssen in der Regel nur noch alle im ersten Semester einen „Terminologie-Kurs“ belegen, in dem lateinische und griechische Fachausdrücke gebimst werden. „Den Kurs schafft man ohne Probleme. Ich habe noch von niemandem gehört, der damit Schwierigkeiten hatte“, sagt Franziska Goldschmidt von der Bonner Medizin-Fachschaft. Sie selbst habe in der Schule jedenfalls kein Latein gehabt.

Dass Schülern dennoch „ordentlich vermittelt“ werden sollte, wofür man Latein brauche, ist Matthias Koch ein großes Anliegen. Das werde ihnen nicht immer deutlich gemacht, kritisiert der Kustos am Institut für Geschichtswissenschaft der Uni Bonn. „Jeder zweite Student bei uns muss mittlerweile einen Lateinkurs belegen.“ Zwar müsse der Nachweis darüber noch nicht zum Studienbeginn vorliegen, aber spätestens zum dritten Semester.

Für Lehramtsstudenten läuft der Kurs komplett nebenher

Während man sich den Kurs im Bachelorstudium aber noch mit Credit Points anrechnen lassen kann, müssen Lehramtsstudierende ihn komplett nebenher belegen. Das sei ein gutes Stück Arbeit, berichtet Heinz-Lothar Barth, der in Bonn zurzeit 250 Studenten in sechs Lateinkursen betreut. „Mit einer 38,5-Stunden-Woche ist das für die Betreffenden nicht zu schaffen.“ Sie müssten dafür mit rund acht Stunden zusätzlichem Arbeitsaufwand in der Woche rechnen. Für die staatliche Latinum-Prüfung, in der deutlich mehr verlangt werde als in der universitätsinternen Prüfung, müssen die Lehramtskandidaten sogar doppelt so viele Lateinkurse belegen: vier statt zwei.

Was die Erfolgsquote betrifft, so hänge diese vor allem mit der Anwesenheit zusammen, sagt Barth. Seitdem die Anwesenheitspflicht weggefallen sei, habe sich die Durchfallquote von rund 20 auf 50 Prozent erhöht. „Es ist besser, Latein schon in der Schule zu lernen, denn Latein ist ein schweres Fach“, rät Barth.

Dritthäufigste Fremdsprache

  •  Rund 810.000 Schüler lernen hierzulande Latein. Die Sprache ist nach Englisch und Französisch die dritthäufigste Fremdsprache an Gymnasien und Gesamtschulen, Tendenz: steigend.
  • Das Latinum wird in der Regel nach fünfjähriger fortlaufender Unterrichtszeit erreicht. In Ausnahmefällen kann man es auch nach drei Jahren erlangen; dann sind aber eine schriftliche und eine mündliche Prüfung abzulegen. Mehr Infos: www.altphilologenverband.de
  • Einen Online-Lateinkurs für Selbstlerner bietet die TU Dresden an. Man kann dort bis zu drei Module buchen, die dem Inhalt je eines Lateinsemesters an der Uni entsprechen. Ein Modul kostet ohne Betreuung durch E-Lehrer je 100 Euro, mit Betreuung je 300 Euro. Wer prüfungsrelevante Texte von Cicero und Seneca lesen lernen möchte, sollte alle drei Module buchen. Mehr unter: www.scioviam.de

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