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Volkswirtschaftslehre : Bitte weniger eintönig

  • -Aktualisiert am

Wer über Zentralbanken redet, sollte auch wissen, wie sie funktionieren. Bild: Waldner, Amadeus

Folgt der Krise eine Krise der Wirtschaftswissenschaften? Studenten fordern eine Reform des Curriculum. Ein Appell, der nicht ohne Echo bleibt.

          Es sei ihm egal, wer die Gesetze eines Landes verfasse, hat der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Samuelson einmal gesagt, solange nur er selbst die Ökonomielehrbücher schreiben könne. Die Hoheit übers Curriculum aber wollen Studierende der Volkswirtschaftslehre ihren Professoren nicht länger kampflos zugestehen. Studenteninitiativen aus neunzehn Ländern veröffentlichten im Mai einen gemeinsamen Aufruf, in dem sie eine „besorgniserregende Einseitigkeit der Lehre“ anprangern.

          Es mangele dem Fach an konkurrierenden Theorien, methodischem Pluralismus und einer kritischen Debatte. „Diese fehlende intellektuelle Vielfalt beschränkt nicht nur Lehre und Forschung, sie behindert uns im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts - von Finanzmarktstabilität über Ernährungssicherheit bis hin zum Klimawandel“, schreiben die Studenten. Ihr Aufruf hat, vor allem in Großbritannien, eine Debatte ausgelöst, die an den Fundamenten der Volkswirtschaftslehre rüttelt.

          „Es ist an der Zeit, einige der Grundbausteine der Wirtschaftswissenschaften zu überdenken“, forderte Andrew Haldane, Chefvolkswirt der Bank of England. Die Macht der Volkswirtschaftslehre liege darin, dass sie Einfluss auf das Leben der Menschen habe. Eben darum sei ein Prozess der beständigen Erneuerung unausweichlich. Die Cambridge-Ökonomen Ha-Joon Chang und Jonathan Aldred sprachen in der englischen Wochenzeitung „The Observer“ von einer „offenen Revolte“ in ihrer Disziplin: „Studenten und viele Arbeitgeber spüren, dass der typische Ökonomieabsolvent heute eine Ausbildung erhält, die irrelevant ist für das Verständnis der realen Wirtschaft.“ Den Studenten mangele es an Kenntnissen der historischen Hintergründe und institutionellen Mechanismen: „Sie können die kompliziertesten mathematischen Modelle manipulieren, aber sie schaffen es nicht, ihre Erkenntnisse in der realen Welt in Geschäftsstrategien und Wirtschaftspolitik zu übersetzen.“

          Nicht gesellschaftstauglich

          Im deutschsprachigen Raum haben sich zwanzig lokale Hochschulgruppen, die eine Erneuerung der Volkswirtschaftslehre fordern, zum „Netzwerk Plurale Ökonomik“ zusammengeschlossen. Sie organisieren Ringvorlesungen, Projekttutorien und setzen sich für eine Öffnung der Lehrpläne ein. Einige der Initiativen bestehen bereits seit über zehn Jahren, doch die Finanzkrise, die 2008 ihren Ausgang nahm, wirkte als Katalysator. „In der Krise ist plötzlich klargeworden: Unsere Art, Wirtschaftswissenschaft zu betreiben, geht nicht einher mit dem, was wir als Gesellschaft brauchen“, erklärt Janina Urban, Sprecherin des Netzwerks. Für Chang und Aldred ist die Unzufriedenheit der Studenten nachvollziehbar. Die konventionellen ökonomischen Theorien hätten die Finanzkrise nicht vorhergesagt - und nicht einmal im Rückblick zufriedenstellend erklären können. „Hier ist das Rätsel: Warum hat sich das Curriculum nicht verändert?“

          Ein Blick in die Geschichte zeigt: Tiefgreifende Umbrüche erlebte die Volkswirtschaftslehre immer dann, wenn etablierte Theorien die wirtschaftliche Realität nicht mehr abbilden konnten. So war es in der Folge der Great Depression. Die damals gängige Wirtschaftslehre behauptete, der Markt sorge stets für ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Arbeitslosigkeit sei daher immer freiwillig - in Zeiten geringer Löhne konsumierten Menschen mehr Freizeit, um später, bei höheren Löhnen, mehr zu arbeiten. Als die Arbeitslosenquote in den Industrieländern Anfang der 1930er Jahre auf über zwanzig Prozent stieg, wurde diese Position unhaltbar. John Maynard Keynes lieferte in seiner General Theory eine Erklärung für das Auftreten „unfreiwilliger Arbeitslosigkeit“ - und revolutionierte damit die Volkswirtschaftslehre.

          Einen zweiten Umbruch erlebte die Disziplin im Zuge der Ölkrise in den 1970er Jahren. Die Phase der Stagflation - eine Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation - brachte den Keynesianismus in Bedrängnis, da seine wirtschaftspolitischen Empfehlungen nicht mehr griffen. Dieses Vakuum füllten neue Theorien. Sie teilten, vereinfacht gesagt, zwei Annahmen: Erstens, dass Akteure immer rational handeln und mit Blick auf begrenzte Ressourcen ihren Nutzen maximieren, und zweitens, dass sich Märkte stets in einem Gleichgewicht befinden. Diese Grundzüge der neoklassischen Schule dominieren bis heute das ökonomische Denken.

          Wenig Raum für neue Ideen und Einflüsse

          Jakob Kapeller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Linz, glaubt nicht, dass die Krise die Lehrbücher revolutionieren wird. „Die Reproduktion des neoklassischen Paradigmas ist von der Realwelt abgekoppelt“, sagt Kapeller. Anders als in früheren Krisen sei die Volkswirtschaftslehre heute homogener. Für Nachwuchswissenschaftler, die jenseits des neoklassischen Mainstreams forschten, sei es äußerst schwierig, im akademischen Betrieb Fuß zu fassen. So bleibe wenig Raum für neue Ideen und Einflüsse.

          Ein Problem sieht Kapeller auch in der zunehmenden Bedeutung, die Rankings wissenschaftlicher Zitate bei der Besetzung von Stellen spielen. Das größere Forschungsgebiet genieße einen Vorteil, da die Wahrscheinlichkeit, zitiert zu werden, dort größer sei. „Die besten Chancen für alternative Theorien bestehen heute in den Entwicklungsländern“, sagt Kapeller. Der Grund: Dort litten die Menschen stärker unter der bestehenden Wirtschaftsordnung.

          Gerhard Illing, Professor für Makroökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält eine Revolution der Lehrbücher ebenfalls für unwahrscheinlich - und die Forderung danach für unbegründet. Es greife zu kurz, argumentiert Illing, der selbst Koautor eines Standardlehrbuchs für Makroökonomie ist, die Finanzkrise als ein Scheitern der makroökonomischen Theorie darzustellen. Illing beruft sich dabei auf den Nobelpreisträger Paul Krugman. Der vertritt den Standpunkt: Die Vorhersage der Finanzkrise blieb aus, weil Ökonomen die Entwicklungen in der realen Wirtschaft nicht verfolgten - nicht aber, weil ihnen technische Instrumente fehlten, um die Ereignisse zu verstehen.

          Auswendiglernen wird rational

          Auch den Vorwurf, der akademische Betrieb biete neuen Ideen zu wenig Raum zur Entfaltung, lässt Illing nicht gelten. Er verweist auf die experimentelle Wirtschaftsforschung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten etablieren konnte. In der Lehre selbst sieht Illing zwar Reformbedarf - aber eher in Bezug auf die Form als auf den Inhalt. Er wünscht sich komplexere Prüfungsformate. „Wenn es in einer Veranstaltung möglich ist, durch Auswendiglernen leicht gute Noten zu bekommen, dann ist es rational für jeden Studenten, diese Veranstaltung zu wählen“, sagt Illing. Die Fähigkeit zur Reflexion größerer Zusammenhänge gehe so aber verloren.

          Das Netzwerk Plurale Ökonomik fordert tiefgreifende inhaltliche Reformen. Aber wie könnte eine reformierte Volkswirtschaftslehre aussehen? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Workshops, zu dem das Netzwerk gemeinsam mit dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung im August sechzig Studenten und Doktoranden nach Berlin einlud. In Seminaren gaben Wissenschaftler Einführungen in Strömungen jenseits der vorherrschenden Lehre - etwa in den Postkeynesianismus, die Verhaltensökonomik und die Ökologische Ökonomik. Die Diskussion war engagiert: Dürfen wir die Zukunft diskontieren? Haben Ökosysteme nur einen Wert, wenn sie Menschen nutzen? Verändert die Käuflichkeit die Natur mancher Dinge (Beispiel: Wählerstimmen)? Was bedeutet das für die Grenzen des Marktes?

          Im Studium finden solche Fragen bisher gewöhnlich keinen Raum. Das wollen die Teilnehmer des Workshops ändern. In Gruppen arbeiteten sie an Entwürfen für ein reformiertes Curriculum. Für die Einführungsvorlesung etwa lautet ihr dringlichster Wunsch: ein ideengeschichtlicher Überblick. Zudem dürfe die derzeitige Wirtschaftsordnung nicht als naturgegeben dargestellt werden. „Interessierte, kritische Studierende werden durch oberflächliche Einführungsveranstaltungen schnell abgeschreckt“, sagt Marcel Zeitinger. Der Student der University of Warwick plädiert für begleitende Tutorien und Seminare, die Raum für Fragen und Diskussionen lassen.

          Friedman sehen manche mittlerweile kritisch

          Die Liste der Forderungen der Studierenden ist lang: Mehr Pluralismus im Hinblick auf Methoden und Theorien, ein stärkerer interdisziplinärer Ansatz und die Vermittlung fundierter historischer Kenntnisse des eigenen Fachs stehen ganz oben auf dem Wunschzettel. In diesem Programm drückt sich ein Verständnis der eigenen Disziplin aus, das historische Vorläufer hat. Die Ursprünge der Ökonomie liegen in der Moralphilosophie, die „politischen Ökonomen“ des neunzehnten Jahrhunderts betonten die sozialwissenschaftliche Dimension ihres Fachs. Keynes vertrat die These, ein guter Ökonom müsse eine seltene Kombination von Begabungen vereinen: „Er muss Mathematiker sein, Historiker, Staatsmann und Philosoph.“

          Über die letzten Jahrzehnte hat die Volkswirtschaftslehre eine zunehmende Formalisierung und Mathematisierung erfahren. Diese Entwicklung ging mit einem methodologischen Wandel einher. Die Auffassung des Ökonomen Milton Friedman, eine Theorie müsse nach ihrer prognostischen Fähigkeit beurteilt werden und nicht nach der Plausibilität ihrer Annahmen, gewann seit den späten sechziger Jahren an Einfluss. Damit rückte der Anspruch, neben Vorhersagen auch Erklärungen für das Wirtschaftsgeschehen zu geben, in den Hintergrund. Außerdem entstand die Vorstellung einer wertfreien, positivistischen Wirtschaftstheorie.

          Beide Entwicklungen sieht das Netzwerk Plurale Ökonomik kritisch. Die Realität - wie auch die Rückwirkungen der Volkswirtschaftslehre auf die Realität - müsse wieder stärker in den Blick genommen werden. Aber: „Es geht uns keineswegs darum, die Mathematik abzuschaffen“, sagt Christoph Gran, Doktorand in Oldenburg, „sondern darum, sie um andere, auch qualitative Methoden zu ergänzen.“ Die Mathematik sei Voraussetzung, dürfe aber nicht Selbstzweck werden. Konkrete Fallbeispiele und eine Kenntnis der Institutionen seien wichtig, so Gran. „Wenn wir über Zentralbanken reden, dann müssen wir auch wissen, wie diese Einrichtungen entstanden sind und wie sie arbeiten.“

          Ob das Netzwerk Plurale Ökonomik die Meinung der Mehrheit der Studierenden vertritt, lässt sich kaum beurteilen. Aber die Initiative verleiht der wachsenden Sorge um die Auswirkungen einer einseitigen ökonomischen Lehre Ausdruck - und kann dabei, auch in Deutschland, auf zahlreiche Unterstützer verweisen. Eine Gruppe prominenter Sozialwissenschaftler etwa warnte bereits 2012 in einem Memorandum, das Wirtschaftsstudium leiste „in seiner heutigen Form einer ethisch fragwürdigen Ökonomisierung des Denkens Vorschub“ - und bemängelte zugleich eine fehlende Streitkultur in der Volkswirtschaftslehre. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) erklärte gegenüber dieser Zeitung, die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge erforderten „eine erweiterte Lösungsperspektive“. Die interdisziplinäre Beschäftigung mit Themen an den Grenzen zu Wirtschaftsgeschichte, Soziologie und Psychologie werde im Studium immer wichtiger: „Die Akkreditierung von Studiengängen, an der auch Studierende und Vertreter der Berufspraxis mitwirken, ist ein gutes Instrument, um notwendige Veränderungen anzustoßen.“

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