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Volkswirtschaftslehre : Bitte weniger eintönig

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Im Studium finden solche Fragen bisher gewöhnlich keinen Raum. Das wollen die Teilnehmer des Workshops ändern. In Gruppen arbeiteten sie an Entwürfen für ein reformiertes Curriculum. Für die Einführungsvorlesung etwa lautet ihr dringlichster Wunsch: ein ideengeschichtlicher Überblick. Zudem dürfe die derzeitige Wirtschaftsordnung nicht als naturgegeben dargestellt werden. „Interessierte, kritische Studierende werden durch oberflächliche Einführungsveranstaltungen schnell abgeschreckt“, sagt Marcel Zeitinger. Der Student der University of Warwick plädiert für begleitende Tutorien und Seminare, die Raum für Fragen und Diskussionen lassen.

Friedman sehen manche mittlerweile kritisch

Die Liste der Forderungen der Studierenden ist lang: Mehr Pluralismus im Hinblick auf Methoden und Theorien, ein stärkerer interdisziplinärer Ansatz und die Vermittlung fundierter historischer Kenntnisse des eigenen Fachs stehen ganz oben auf dem Wunschzettel. In diesem Programm drückt sich ein Verständnis der eigenen Disziplin aus, das historische Vorläufer hat. Die Ursprünge der Ökonomie liegen in der Moralphilosophie, die „politischen Ökonomen“ des neunzehnten Jahrhunderts betonten die sozialwissenschaftliche Dimension ihres Fachs. Keynes vertrat die These, ein guter Ökonom müsse eine seltene Kombination von Begabungen vereinen: „Er muss Mathematiker sein, Historiker, Staatsmann und Philosoph.“

Über die letzten Jahrzehnte hat die Volkswirtschaftslehre eine zunehmende Formalisierung und Mathematisierung erfahren. Diese Entwicklung ging mit einem methodologischen Wandel einher. Die Auffassung des Ökonomen Milton Friedman, eine Theorie müsse nach ihrer prognostischen Fähigkeit beurteilt werden und nicht nach der Plausibilität ihrer Annahmen, gewann seit den späten sechziger Jahren an Einfluss. Damit rückte der Anspruch, neben Vorhersagen auch Erklärungen für das Wirtschaftsgeschehen zu geben, in den Hintergrund. Außerdem entstand die Vorstellung einer wertfreien, positivistischen Wirtschaftstheorie.

Beide Entwicklungen sieht das Netzwerk Plurale Ökonomik kritisch. Die Realität - wie auch die Rückwirkungen der Volkswirtschaftslehre auf die Realität - müsse wieder stärker in den Blick genommen werden. Aber: „Es geht uns keineswegs darum, die Mathematik abzuschaffen“, sagt Christoph Gran, Doktorand in Oldenburg, „sondern darum, sie um andere, auch qualitative Methoden zu ergänzen.“ Die Mathematik sei Voraussetzung, dürfe aber nicht Selbstzweck werden. Konkrete Fallbeispiele und eine Kenntnis der Institutionen seien wichtig, so Gran. „Wenn wir über Zentralbanken reden, dann müssen wir auch wissen, wie diese Einrichtungen entstanden sind und wie sie arbeiten.“

Ob das Netzwerk Plurale Ökonomik die Meinung der Mehrheit der Studierenden vertritt, lässt sich kaum beurteilen. Aber die Initiative verleiht der wachsenden Sorge um die Auswirkungen einer einseitigen ökonomischen Lehre Ausdruck - und kann dabei, auch in Deutschland, auf zahlreiche Unterstützer verweisen. Eine Gruppe prominenter Sozialwissenschaftler etwa warnte bereits 2012 in einem Memorandum, das Wirtschaftsstudium leiste „in seiner heutigen Form einer ethisch fragwürdigen Ökonomisierung des Denkens Vorschub“ - und bemängelte zugleich eine fehlende Streitkultur in der Volkswirtschaftslehre. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) erklärte gegenüber dieser Zeitung, die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge erforderten „eine erweiterte Lösungsperspektive“. Die interdisziplinäre Beschäftigung mit Themen an den Grenzen zu Wirtschaftsgeschichte, Soziologie und Psychologie werde im Studium immer wichtiger: „Die Akkreditierung von Studiengängen, an der auch Studierende und Vertreter der Berufspraxis mitwirken, ist ein gutes Instrument, um notwendige Veränderungen anzustoßen.“

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