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Volkswirtschaftslehre : Bitte weniger eintönig

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Einen zweiten Umbruch erlebte die Disziplin im Zuge der Ölkrise in den 1970er Jahren. Die Phase der Stagflation - eine Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation - brachte den Keynesianismus in Bedrängnis, da seine wirtschaftspolitischen Empfehlungen nicht mehr griffen. Dieses Vakuum füllten neue Theorien. Sie teilten, vereinfacht gesagt, zwei Annahmen: Erstens, dass Akteure immer rational handeln und mit Blick auf begrenzte Ressourcen ihren Nutzen maximieren, und zweitens, dass sich Märkte stets in einem Gleichgewicht befinden. Diese Grundzüge der neoklassischen Schule dominieren bis heute das ökonomische Denken.

Wenig Raum für neue Ideen und Einflüsse

Jakob Kapeller, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Linz, glaubt nicht, dass die Krise die Lehrbücher revolutionieren wird. „Die Reproduktion des neoklassischen Paradigmas ist von der Realwelt abgekoppelt“, sagt Kapeller. Anders als in früheren Krisen sei die Volkswirtschaftslehre heute homogener. Für Nachwuchswissenschaftler, die jenseits des neoklassischen Mainstreams forschten, sei es äußerst schwierig, im akademischen Betrieb Fuß zu fassen. So bleibe wenig Raum für neue Ideen und Einflüsse.

Ein Problem sieht Kapeller auch in der zunehmenden Bedeutung, die Rankings wissenschaftlicher Zitate bei der Besetzung von Stellen spielen. Das größere Forschungsgebiet genieße einen Vorteil, da die Wahrscheinlichkeit, zitiert zu werden, dort größer sei. „Die besten Chancen für alternative Theorien bestehen heute in den Entwicklungsländern“, sagt Kapeller. Der Grund: Dort litten die Menschen stärker unter der bestehenden Wirtschaftsordnung.

Gerhard Illing, Professor für Makroökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hält eine Revolution der Lehrbücher ebenfalls für unwahrscheinlich - und die Forderung danach für unbegründet. Es greife zu kurz, argumentiert Illing, der selbst Koautor eines Standardlehrbuchs für Makroökonomie ist, die Finanzkrise als ein Scheitern der makroökonomischen Theorie darzustellen. Illing beruft sich dabei auf den Nobelpreisträger Paul Krugman. Der vertritt den Standpunkt: Die Vorhersage der Finanzkrise blieb aus, weil Ökonomen die Entwicklungen in der realen Wirtschaft nicht verfolgten - nicht aber, weil ihnen technische Instrumente fehlten, um die Ereignisse zu verstehen.

Auswendiglernen wird rational

Auch den Vorwurf, der akademische Betrieb biete neuen Ideen zu wenig Raum zur Entfaltung, lässt Illing nicht gelten. Er verweist auf die experimentelle Wirtschaftsforschung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten etablieren konnte. In der Lehre selbst sieht Illing zwar Reformbedarf - aber eher in Bezug auf die Form als auf den Inhalt. Er wünscht sich komplexere Prüfungsformate. „Wenn es in einer Veranstaltung möglich ist, durch Auswendiglernen leicht gute Noten zu bekommen, dann ist es rational für jeden Studenten, diese Veranstaltung zu wählen“, sagt Illing. Die Fähigkeit zur Reflexion größerer Zusammenhänge gehe so aber verloren.

Das Netzwerk Plurale Ökonomik fordert tiefgreifende inhaltliche Reformen. Aber wie könnte eine reformierte Volkswirtschaftslehre aussehen? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Workshops, zu dem das Netzwerk gemeinsam mit dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung im August sechzig Studenten und Doktoranden nach Berlin einlud. In Seminaren gaben Wissenschaftler Einführungen in Strömungen jenseits der vorherrschenden Lehre - etwa in den Postkeynesianismus, die Verhaltensökonomik und die Ökologische Ökonomik. Die Diskussion war engagiert: Dürfen wir die Zukunft diskontieren? Haben Ökosysteme nur einen Wert, wenn sie Menschen nutzen? Verändert die Käuflichkeit die Natur mancher Dinge (Beispiel: Wählerstimmen)? Was bedeutet das für die Grenzen des Marktes?

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