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Konformismus an Eliteunis : Macht Harvard dumm?

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Falls ja, ist die Frage, ob ein umfassend institutionalisiertes, streng durchgetaktetes Campusleben dafür das geeignete Modell ist, zumal, wenn die „Kunden“ der Universitäten letztlich reiche Eltern und reiche Alumni - also potentielle Spender - sind und die Namen der Universitäten als Punkte im Kampf um Status und soziale Anerkennung dienen. Und so spielen denn auch die Statusängste der oberen Mittelschicht eine wichtige Rolle in Deresiewicz’ Analyse, gemeinsam mit einem zunehmend globalisierten Wettbewerb um die Arbeitsplätze, die als erstrebenswert gelten. Er ist nicht der Erste, der die zunehmende Fokussierung von Eliteabsolventen auf die Unternehmensberatungen und Banken moniert, die besonders gut darin sind, mit den nächsten „Goldsternchen“ im Lebenslauf zu locken - ohne dass diese Allokation von Humankapital gesamtgesellschaftlich sinnvoll wäre, oder auch nur die scheinbaren Gewinner glücklich machen würde.

Es wäre zu einfach, nur auf die zersetzende Kraft des „Marktes“ als Ursache des Problems zu verweisen, zumindest wenn damit nur der privatwirtschaftliche Charakter vieler amerikanischer Universitäten gemeint ist. Dieser allein ist nicht das Problem; Deresiewicz kritisiert vor allem den Fetisch der diversen Rankings, denen sich die Universitäten regelmäßig unterwerfen. Und er hinterfragt die allzu menschliche Tendenz, sich mit anderen zu vergleichen, und das Bedürfnis, sich des eigenen Wertes zu versichern, indem man messbare Leistungen erbringt. Denn messbar sind eben nur die Reifen, durch die man gesprungen ist. Charakterbildung aber geht über die messbaren Faktoren hinaus. Wer sich nur auf das konzentriert, was sich nach außen darstellen lässt, verpasst möglicherweise das Beste, was ein Universitätsstudium bieten kann.

Drama der hochgezüchteten Kinder ehrgeiziger Eltern

Damit hat Deresiewicz’ Essay eine - möglicherweise unfreiwillige - egalitäre Pointe: Die Dinge, um die es bei einer universitären Bildung wirklich geht, sind nicht an große Namen gebunden. Sie dürften überhaupt einen sehr viel flüchtigeren Charakter haben, als seine Schilderungen nahelegen. In eine Seminardebatte so richtig hineingesaugt werden, an herausfordernden wöchentlichen Aufgaben wachsen, sich an einer Frage so sehr festfressen, dass ihre Antwort existentielle Bedeutung annimmt, Menschen treffen, mit denen tiefe intellektuelle Freundschaften entstehen: All dies lässt sich nicht erzwingen.

Es sind Glücksfälle, die man vielleicht oft erst im Nachhinein als solche erkennt. Sie lassen sich nicht herbeizaubern, es lassen sich höchstens Umstände schaffen, in denen sie mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Ein hochgezüchteter, von unterschwelligen Status-Kämpfen zerfressener Elite-Campus mag nicht die optimale Voraussetzung dafür sein; ein verschultes, an einer unterfinanzierten Massenuniversität stattfindendes Bachelorstudium auch nicht. Doch finden kann man sie an beiden Orten.

Trotzdem mutet es seltsam an, dass neben dem Drama der hochgezüchteten Kinder ehrgeiziger Eltern, das Deresiewicz so wortreich beschreibt, andere bei ihm relativ kurz kommen: das Drama all derjenigen, die viel schlechtere Chancen im Leben haben, weil zu viele Arbeitgeber die Absolventen berühmter Universitäten automatisch oben auf den Stapel der Bewerbungen legen. Und das Drama derjenigen, die von den hohen Studiengebühren abgeschreckt werden, die in den Vereinigten Staaten üblich sind, und sich überhaupt nicht an ein Universitätsstudium wagen.

Auch die Debatte, ob eine College-Ausbildung ihr Geld wert ist, wird dort längst geführt. Dabei gebietet es der Geist jener „liberal arts education“, die Deresiewicz beschwört, dass sie nicht die Spielwiese weniger Privilegierter sein dürfen, sondern dass all diejenigen, die sich von ihm anstecken lassen, Zugangsmöglichkeiten haben müssen. Deresiewicz’ Vortrag in Stanford übrigens endete, wie er enden musste: In der Fragerunde stand ein besonders eifriger Student auf und fragte, was er tun müsse, um kein „Schaf“ zu sein - freundlich, arbeitswillig und bereit, auch durch diesen Reifen zu springen. Deresiewicz’ feines Lächeln deutete an, dass er diese Frage nicht zum ersten Mal gehört hat.

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