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Konformismus an Eliteunis : Macht Harvard dumm?

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Nur ein irrwitziger Lebenslauf lässt bestehen

Das amerikanische Bachelorstudium ist im Prinzip wunderbar geeignet, um solche Bildungserlebnisse zu ermöglichen. Denn es ist viel weniger als Berufsausbildung konzipiert als das Studium in den meisten anderen Ländern. Wer Arzt, Jurist oder Wissenschaftler werden möchte, beginnt erst im Anschluss ein mehrjähriges Aufbaustudium. Den „undergraduates“ erlaubt das System der „Majors“, einen fachlichen Schwerpunkt zu wählen. Gleichzeitig können sie dank vieler Wahlmöglichkeiten zahlreiche Themenfelder erkunden: Von Kammermusik bis zum „Volunteering“ in der lokalen Suppenküche kann alles mögliche als Studienleistung angerechnet werden. Das Angenehme lässt sich also gut mit dem Nützlichen verbinden.

Der zweite interessante Aspekt der Debatte jedoch ist, dass Deresiewicz darüber schreibt, wie diese Form von Bildung scheitert. Und es ist gerade nicht das Scheitern, das ausgelöst würde durch mangelnden Zugang zu Universitäten überhaupt, durch unterfinanzierte Fakultäten oder die Unmöglichkeit persönlicher Betreuung durch chronisch überlastetes Lehrpersonal. Im Gegenteil: seine „exzellenten Schafe“ sind die privilegiertesten der Privilegierten, angekommen an der Spitze eines Bildungssystems, über dessen Ungleichheiten sich viel sagen ließe. Aber gerade der Kampf darum, zu dieser Spitze zu gehören, kann eine Mentalität schaffen, die einer tiefergehenden Charakterbildung an der Universität entgegensteht.

Nach Deresiewicz’ Analyse tragen dazu eine Reihe von Mechanismen bei. Da ist zum einen der irrwitzige Hürdenlauf, der nötig ist, damit der eigene Lebenslauf vor den Auswahlkomitees der Eliteuniversitäten Aussichten auf Erfolg hat: Er erfordert nicht nur gute Noten, sondern auch noch ein möglichst breites Repertoire an sogenannten „extracurricular activities“, also Engagement jenseits des Stundenplans. Durch dieses Auswahlsystem ist die Studentenschaft der Eliteunis relativ homogen; das macht es unwahrscheinlich, an der Universität Menschen aus völlig anderen Lebenslagen kennenzulernen. Und nicht zuletzt ist da das Campusleben, in einer Welt für sich, mit eigenen Länden, Restaurants, Sporteinrichtungen bis hin zur eigenen Polizei. Die Tage sind ausgefüllt mit Kursen, aber auch mit anderen Aktivitäten, die oft in strukturierten Programmen auf dem Campus stattfinden. Die Studenten leben in Gemeinschaftsunterkünften, in denen das Beobachten und Beobachtet-Werden Züge eines foucaultschen Panoptikums annehmen kann.

Unglücklich, ängstlich, durchgetaktet

Und so darf man sich denn Deresiewicz’ „exzellente Schafe“ keineswegs als glückliche Menschen vorstellen. Die Zahl der Möglichkeiten ist riesig, damit aber auch der Druck, dem Lebenslauf weitere Zeilen hinzuzufügen. Die Angst, nicht mithalten zu können, befördert das Sammeln von Leistungsausweisen, die den eigenen Wert demonstrieren sollen, und dabei vom intrinsischen Wert von Aktivitäten oder Einsichten trefflich ablenken können. Die Muße, einem Gedankengang aus einer Vorlesung bei einem Spaziergang länger nachhängen zu können - nein, der nächste Kurs ruft.  Eine nächtliche Diskussion über philosophische oder politische Fragen? Keine Zeit, eine Übungsaufgabe muss fertig werden. Die psychologischen Probleme unter Studenten haben in den letzten Jahren massiv zugenommen, so sehr, dass Dozenten ausdrücklich aufgefordert werden, bei wiederholter Abwesenheit nachzuhaken - und notfalls den psychologischen Dienst zu alarmieren. Man kann sich fragen, ob Universitäten überhaupt jemals in der Lage waren oder sind, Studenten die umfassende Charakterbildung anzubieten, die Deresiewicz vorschwebt.

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