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Kompetenzen von Pädagogen : Wer ist ein guter Lehrer?

Wer gute Schüler will, muss bei guten Lehrern ansetzen. Bild: dpa

Im größten Bundesland NRW ist heute Zeugnistag. Darüber, wie erfolgreich die Schüler sind, entscheidet letztlich aber auch die Ausbildung der Lehrer. Zeit für ein bisschen Reflexion: Was macht gute Pädagogen aus?

          Niemand kann dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) absprechen, sich Meriten ganz unterschiedlicher Art erworben zu haben. Die Verdienste um den deutschen Arbeitsmarkt gehören ebenso dazu wie jene um russisches Gas und seine steinreichen Förderer. Definitiv aber hat Schröder auch sprachlich bleibende Eindrücke hinterlassen. Unvergessen sind beispielsweise seine Charakterisierungen der Familienpolitik („das ganze Gedöns“), des russischen Präsidenten Wladimir Putin („ein lupenreiner Demokrat“) und der deutschen Lehrer („Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind“).

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Eine Generation später hat sich der Wind gedreht. Schröder ist längst abgewählt und wird regelmäßig dafür geschmäht, dass er sich für russische Interessen einsetzt. Und diejenigen, die er einst als Faulpelze kritisierte, sind einer aktuellen Studie zufolge in Wahrheit genau jene Staatsdiener, auf die es ankommt, wenn es um den schulischen Erfolg der Kinder geht.

          „Gute Lehrer bringen gute Schüler hervor“ lautet das zentrale Ergebnis der Studie „Über den Wert von cleveren Lehrern“ , die demnächst im „Journal of Human Resources“ veröffentlicht wird. Die Autoren der Studie haben einem umfangreichen Datensatz über die Fähigkeiten von Erwachsenen (PIAAC, Programme for the International Assessment of Adult Competencies, einer Art Pisa-Test für Volljährige) entnommen, wie gut die Lehrer in den 31 Industriestaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Durchschnitt lesen und rechnen können. Anschließend haben sie die Leistungen der Lehrer mit denen der Schüler in Verbindung gebracht. Dabei zeigte sich ein systematischer und eindeutiger Zusammenhang: „Je höher die Kompetenzen der Lehrer, desto besser die Leistungen der Schüler“, erklärt der Volkswirt Marc Piopiunik vom Münchner Ifo-Institut, einer der drei Autoren der Studie.

          Die Schlauen gehen eher in die Privatwirtschaft

          Die deutschen Lehrer schneiden in der Studie gut ab: Beim Rechnen kommen sie unter den 31 Industrienationen auf den dritten Platz, beim Lesen immerhin auf den zehnten. Finnische und japanische Lehrer erreichen auf beiden Feldern die besten Werte, die Lehrer aus Chile und der Türkei jeweils die schlechtesten. Die fachlichen Unterschiede zwischen der Leistungsspitze und den Schlusslichtern sind gravierend. Chilenische und türkische Lehrer können im Durchschnitt deutlich schlechter lesen und rechnen als ein Kanadier, der nicht studiert, sondern nur eine Berufsausbildung gemacht hat. Japanische und finnische Lehrer hingegen übertreffen die durchschnittliche Leistung eines Kanadiers mit Studienabschluss.

          „Würde es allen Ländern gelingen, ihre Lehrer auf das Niveau der finnischen Kollegen zu bringen, würden sich die internationalen Unterschiede in den Schüler-Leistungen um etwa ein Viertel verringern“, sagt Ko-Autor Simon Wiederhold von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit Blick auf die Ergebnisse der berühmt-berüchtigten Schüler-Vergleichsstudien Pisa (Programme for International Student Assessment).

          In ihrer Untersuchung fanden die Forscher auch heraus, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Einkommen der Lehrer und ihren Kompetenzen gibt. Je höher das eine, desto höher das andere. Das gleiche gilt für den Frauenanteil im Kollegium: Je höher, desto besser. „Noch vor ein paar Jahrzehnten wurden viele höchstqualifizierte Frauen Lehrer, weil ihnen keine anderen Branchen offenstanden“, erklärt Wissenschaftler Piopiunik. Das hat sich grundlegend geändert. Aus der Sicht eines Bildungspolitikers handelt es sich um einen negativen Effekt der Gleichberechtigung: Je mehr Jobs hochqualifizierten Frauen in anderen Branchen zur Verfügung stehen, desto mehr Frauen nehmen diese Jobs auch an – und desto weniger hochkompetente Frauen werden Lehrer. Salopp ausgedrückt: Die ganz Schlauen sind dann oft nicht mehr im Klassenzimmer, sondern in der Privatwirtschaft.

          Fachliche Fertigkeiten allein genügen nicht

          Genau genommen ist die Erkenntnis, dass der Bildungserfolg vor allem vom Lehrer abhängt, recht alt. „Der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer“, schrieb der Theologe und Philologe Erasmus von Rotterdam schon vor 500 Jahren. Man lerne „gerne von denjenigen, die man lieb hat“. Leider aber gebe es auch einige Lehrer „von so unliebenswürdigem Wesen, dass nicht einmal ihre Frauen sie gerne zu haben vermögen: Sie zeigen ein grimmiges Gesicht, sie scheinen voll Zorn. Man könnte wohl meinen, dass sie unter einem unfreundlichen Sterne geboren worden seien.“

          Im 21. Jahrhundert war es vor allem John Hattie von der Universität Melbourne, der herausstellte, dass das Wichtigste für den Lernerfolg der Kinder ein guter Lehrer ist. Der Neuseeländer veröffentlichte 2008 nach fünfzehnjähriger wissenschaftlicher Kärrnerarbeit sein Buch „Lernen sichtbar machen“, das weltweit für Aufsehen sorgte. Hattie hatte dafür 800 internationale Meta-Studien ausgewertet, um herauszufinden, was guten Unterricht ausmacht. Er kam zum Schluss, dass kleinere Klassen, längeres gemeinsames Lernen und andere vermeintlich förderliche Rahmenbedingungen überschätzt würden. Wichtig sei vor allem der Lehrer: „Er gehört zu den wirkungsvollsten Einflüssen beim Lernen“, sagt Hattie.

          Erasmus ging es um persönliche Sympathie, um die menschliche Beziehung zwischen Schülern und Lehrern. Ein ganz anderer Ansatz also als derjenige, den die neue Ifo-Studie verfolgt, die sich auf nachprüfbare Größen wie die Lese- und Rechenkompetenz konzentriert. Am Ende gehört beides zusammen: Fachliche und sachliche Fertigkeiten allein genügen nicht, sind aber die Voraussetzung dafür, dass Lehrer erfolgreich arbeiten können.

          Keine strenge Formellehre

          Woraus genau aber besteht der Rest, der einen guten Pädagogen ausmacht? Ist es bloß das „liebenswürdige Wesen“, auf das Erasmus so viel Wert legt? Und wenn ja, ist das eine angeborene Qualität oder lässt sie sich antrainieren? John Hattie beschreibt den Ideallehrer genauer als Erasmus: Er muss zu seinen Schülern eine Beziehung aufbauen, ihnen zuhören können, sich ihrem Feedback stellen, leidenschaftlich dabei sein, eine klare Linie verfolgen (auch gegenüber den Eltern), an anspruchsvollen Lernzielen festhalten, eindeutig kommunizieren und in der Klasse so Regie führen, dass alle Schüler ihre Stärken voll entfalten können.

          Dass solche Lehrer selbst trübe Lichter zum Strahlen bringen können, bewies vor ein paar Jahren ein Experiment an der Johannes-Schule im schwedischen Malmö. Dort fiel jahrelang jeder zweite Schüler durch den Abschlusstest der neunten Klasse. Bis ein Fernsehsender acht preisgekrönte Pädagogen in eine der Klassen schickte. Das Ergebnis war verblüffend: Nur sechs Monate später erzielten die Jugendlichen in landesweiten Leistungstests ausgezeichnete Werte, in Mathematik sogar den ersten Rang. 95 Prozent der Schüler erhielten die Zulassung für eine weiterführende Schule.

          Das TV-Experiment war auch deshalb so interessant, weil alle anderen Faktoren wie das Elternhaus der Schüler, die Schule selbst, die Ausstattung und die Klassengröße gleich geblieben waren. Der schulische Erfolg kam eindeutig mit den neuen Lehrern.

          Allerdings ist es mit einem tollen Lehrer wie mit einem prächtigen Kunstwerk oder auch einem großartigen Zeitungsartikel: Fast jeder erkennt bei der Auseinandersetzung mit ihnen die Qualität, doch in eindeutig messbare Kriterien lässt sich ihr Erfolg nicht pressen. Eine Formel wie „Ein meisterliches Gemälde ist zu 36 Prozent Handwerk und zu 64 Prozent Kreativität“ wäre absurd. Deshalb wird es auch nie eine Formel dafür geben, ob ein guter Lehrer nun zu 21 Prozent kommunikativ und zu 14 Prozent streng sein muss oder umgekehrt.

          „Wer nicht brennt, kann nicht anzünden“

          Das Phänomen zeigt sich auch in den Schulen selbst. „Nach einer Referendarprüfung sind sich alle schnell einig, wenn der Unterricht gut war. Aber die Begründung dafür zu schreiben ist manchmal schwierig“, sagt Markus Bölling, der Leiter der Realschule am Europakanal in Erlangen. Auch führe mehr als ein Weg zum Erfolg. „Ich habe hier viele sehr gute Lehrer, aber sie sind alle unterschiedlich“, gibt der Rektor aus Erlangen zu bedenken.

          Wer wissen will, was einen guten Lehrer ausmacht, sollte also auf keine mathematische Formel hoffen und nicht nur wissenschaftliche Studien lesen, sondern auch mit denjenigen aus der Praxis reden, die es am ehesten wissen müssen. Mit Marion Helle-Laumann zum Beispiel, Preisträgerin des „Deutschen Lehrerpreises 2017“. Wer mit ihr spricht, merkt sofort, dass die Pädagogin für ihren Beruf brennt, ihre Begeisterung schwappt quasi aus dem Telefonhörer. „Wir haben so viele tolle Jugendliche“, schwärmt Helle-Laumann von ihren Schülern. „Natürlich sollte sich der eine oder andere mehr anstrengen, aber ich sehe sooo viel Potential.“ Um es zu heben, sei auch Fachwissen wichtig, weil man sonst nicht improvisieren könne. Die wichtigste Eigenschaft eines guten Lehrers ist Helle-Laumann zufolge aber, Spaß am Beruf zu haben und andere begeistern zu können.

          Andere Gymnasiallehrer pflichten ihr bei: „Wer nicht brennt, kann nicht anzünden“, sagen sie. „Die Schüler spüren das sofort, ob du deinen Unterricht routiniert runterspulst. Sie merken: Der brennt nicht.“ Mit 08/15-Unterricht färbe nichts ab. „Dann funktioniert es nicht.“ Das drücken die Schüler ganz ähnlich aus. Liest man sich durch, warum Jugendliche ihren Lehrer für den „Deutschen Lehrerpreis“ vorgeschlagen haben, fällt das Wort „Begeisterungsfähigkeit“ immer an zentraler Stelle. Auch andere Eigenschaften werden immer wieder genannt: Der Lehrer soll engagiert sein und lebendigen Unterricht machen. Die Schüler wollen ihn respektieren und trotzdem gern haben. Wichtig ist ihnen auch, dass es gerecht zugeht – und dass der Lehrer selbst kritikfähig ist.

          Ganz ähnlich hat es Josef Kraus einmal ausgedrückt, der jahrzehntelange Chef des Deutschen Lehrerverbands: „Ein Lehrer muss seine Fächer souverän beherrschen und lieben. Er muss junge Leute mögen, ohne deren Kumpel sein zu wollen. Er muss gerecht sein. Er darf sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Und er braucht ein solides Nervenkostüm.“

          So also sieht er aus, der ideale Lehrer. Und idealerweise steht er tatsächlich im Klassenzimmer, vor seinen Schülern. Das ist in Deutschland längst nicht immer der Fall: Zwischen zwei und acht Prozent aller Unterrichtsstunden fallen aus, weil der Lehrer krank ist, für eine Weiterbildung abgestellt ist oder gerade mit einer anderen Klasse einen Wandertag macht. Da nutzt dann selbst das liebenswürdigste Wesen und die höchste Kompetenz nichts mehr.

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